Chinas 68’er Erbe

von Shi Ming

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Kaum ein Schlagwort aus Chinas Moderne ist bis heute mit so ambivalenten Assoziationen belegt wie das der Kulturrevolution, die von 1966 bis 1976 dauerte. Im Westen ruft sie noch heute Erinnerungen wach: Damals sprach Mao allem, was nach verkrusteter Institution roch, sein Misstrauen aus und befahl Chinas Jugend, alles Etablierte kurz und klein zu schlagen. Europas Linke war begeistert von diesem Aufbruch zu neuen Ufern, oder gar in die "bessere" Welt. Gleichermaßen verschreckt war Europas Rechte. Wurde doch das Bewahren im Sinne des Konservativen von Mao zum Gegenstand der Rebellion erklärt: "Ohne mit dem Vorhandenen zu brechen, ist es unmöglich, das Zukünftige aufzubauen. Betonen wir das Brechen mit dem Vorhandenen, ist bereits der erste Schritt des Aufbaus der Zukunft getan." Um mit altem Gedankengut, alter Kultur, altem Glauben, alten Sitten und Bräuchen zu brechen, wurde jede Radikalität zur Revolution stilisiert, jede Agitation zu einem couragierten Manifest, eingegangen in Biografien von Abermillionen kleiner Helden. Je nach Perspektive waren diese als kleine Tyrannen bekannt, gleich den vagabundierenden Rotgardisten, die im Westen auch Gesinnungsgenossen in Gestalt des radikalen Teils der "68er"-Generation fanden.

Jenes zehn Jahre dauernde Massenereignis, das 1968 in China seinen ersten, blutigen Höhepunkt erreichte, wirkt bis heute nach, auch als Maßstab dafür, China im Hinblick auf historischen Fortschritt beziehungsweise modernistische Tauglichkeit hin zu prüfen. In scharfem Kontrast zur Kulturrevolution wird die marktwirtschaftliche Reform gelobt, die seit 1978, zwei Jahre nach dem Ende der Kulturrevolution, bis heute anhält. 1989, als die KP-Führung vor der Entscheidung stand, wie sie mit der Studentenbewegung in Peking und anderen Städten fertig werden sollte, verwies die Führung auf die Kulturrevolution, um das eigene Handeln zu legitimieren. Man müsse alles daransetzen, um jenes Chaos im Stil der Kulturrevolution zu vermeiden, lautete die Begründung für den Schießbefehl, dem gemäß offiziellen Angaben einige Hundert, laut internationalen Schätzungen bis zu 10.000 Zivilisten zum Opfer fielen. Abgeschwächt folgt man auch im Westen dieser Logik: Um ein Land mit diesen Dimensionen zu regieren, müsse man irgendwie, wohl nicht so brutal, doch eine gewisse eiserne Hand walten lassen, sonst ... Schon spukt wieder der Geist jener aufgewiegelten, verwilderten Massen zur Abschreckung des Gutmenschen im Westen, der China nur das Beste gönnt – auch sich selbst, auf dass bei "uns" so etwas wie die chinesische Kulturrevolution nie passiere.

Was aber macht das "gewisse Etwas" jener Kulturrevolution aus, das sich nicht wiederholen möge, nicht in China, nicht anderswo? Was macht das Europa von heute so anfällig beziehungsweise empfänglich für das "gewisse Etwas" jener Kulturrevolution, sodass man Grund hat, dessen Ausbreitung zu befürchten? Hat China nicht längst von jenem Maoismus Abschied genommen, von der Aufopferung des Individuums zugunsten von Grandiositäten des Kollektiven? Kursiert doch bereits seit 1988 in China der Spruch: Von der einen Milliarde Chinesen schieben 900 Millionen Waren hin und her; die restlichen 100 Millionen mimen Kredithaie und Financiers. So entstand eine Lebensvision, die im Zeitalter der Globalisierung überall antörnt, ja verrückt macht, ohne dass, diesmal statt vom Staat vom Markt mobilisiert, die vom Massentraum des "Über-Nacht-reich-Werdens" besessenen Lebensverbesserer – in Gegensatz zu den kulturrevolutionären Weltverbesserern – auch nur ein bisschen wacher und "cooler" werden.

Drängt sich da Vergleichbares mit dem "Etwas" aus der Kulturrevolution auf? Von wem auch immer aufgewiegelt: Fanatisiert werden die Massen von ein- und demselben Massentraum. Man mag einwenden: Gesteuert von der "unsichtbaren" Hand müsse heute doch jeder danach schauen, wie er denselben Traum für sich, egoistisch im Wettbewerb gegen alle, verwirklicht. Dem sei entgegengesetzt: Um Revolutionär reinster Sorte zu werden, musste sich auch damals jeder Chinese einzeln anstrengen, alle anderen denunzierend. Mehr noch: Nun werden die von dem gleichen Traum fanatisierten Massen angeleitet von ein und demselben Standard- und Normenwerk. Früher war es die Mao-Bibel. Heute sind es Unternehmensanalysen der Bewertungsgesellschaft Standard & Poor’s. Und wenn das Schlimme hereinbricht, werden die Massen paralysiert durch ein und denselben Alptraum, nicht mehr dazuzugehören und ins Bodenlose zu fallen: Wer heute nicht rechtzeitig aus der überhitzten Börse aussteigt, sieht nicht selten seine Existenz bedroht – damals musste man von der gerade heiß propagierten Parteilinie abkommen, die als "konterrevolutionär" diffamiert wurde. Wer dies nicht tat, bezahlte es nicht selten mit Gefängnis.

Eine solche Analogie mag dennoch gewagt anmuten, denn auch realsoziologisch hat sich in China seit dem Ende der Kulturrevolution 1976 vieles verändert. Auch dort, wie in den meisten Teilen der Welt, sorgt keineswegs mehr eine "Einheit" (Großsippe, Kleinfamilie oder Arbeitseinheit) von der Wiege bis ins Grab für Schutz und Geborgenheit des Einzelnen, im Tausch gegen dessen unbegrenzte Loyalität. Versicherungsgeschäfte florieren seit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation 2001 wie kaum eine andere Branche. Um soziale Schieflagen zu lindern, nehmen aber auch staatlich verordnete Zwangsversicherungen für alle deutlich zu. Dadurch gestärkt flammte 2007 im chinesischen Internet eine urbane Diskussion über die Pietät auf: Wie sollen sich junge Menschen gegenüber Älteren verhalten? Radikale Meinungen besagen: Man solle die Alten sterben lassen, da China zu wenig Zeit zur Akkumulation der Versicherungsfonds hätte, anders als in Deutschland seit Bismarck’scher Zeit. Moderatere erwidern, dies sei zu grausam, aber irgendwie müsse man nach Lösungen suchen, nach für die Gesellschaft bezahlbare Lösungen, die möglichst wenige Opfer fordern. Dies ist scheinbar eine anders gewordene Welt des "Anstandes" und der "Moralität" als noch zu Zeiten der Kulturrevolution, wo doch alle undifferenziert "Genossen" waren und undifferenziert versorgt wurden.

Nur scheinbar? Nicht erst seit dem Ausbruch der Kulturrevolution 1966, sondern schon 1958, während des "Großen Sprungs nach vorn", Pekings erster Kampagne zur Industrialisierung seit der Gründung der Volksrepublik China 1949, wurden in den meisten Dörfern zum Zwecke der Massenmobilisierung paramilitärische Großküchen eingerichtet. Jeder zahlte ein und durfte, nach industriell verrichteter Arbeit, kostenlos speisen. Dafür musste jeder Mann, jede Frau, oft auch jedes Kind seine oder ihre Loyalität ummünzen von der traditionellen auf die allumfassend sorgende "Revolutionsfamilie". Ein ähnlicher Versuch der "revolutionären Zwangsversicherung" fand in der Kulturrevolution im Bereich medizinischer Grundversorgung statt, bekannt als "Barfuß-Ärzte-Bewegung". Genossenschaftlich organisiert, ebenfalls mit der Forderung an die Begünstigten, ihre Lebenskraft der Revolution zu widmen, wenn nötig, ohne Rücksicht auf Angehörige. Beide Versuche scheiterten grandios: Zwischen 1958 und 1961 starben 20 Millionen Chinesen den Hungertod; nach der Kulturrevolution waren die Kassen der Versorgungsgemeinschaften bis in die 1980er-Jahre hinein ruiniert.

Es ist mehr als ein Zufall, dass 2005 Chinas Regierung unter Premier Wen Jiabao die seit 1986 versuchte Gesundheitsreform für gescheitert erklärte. Kurz darauf folgte von Hongkong aus ein Vorschlag mehrerer Sozialwissenschaftler, das Muster der "Barfuß-Ärzte-Bewegung" neu zu beleben und auf das Bekennen zur Gesellschaft aller Beteiligten anstatt nur aufs Geld zu setzen. Denn, so die Begründung der Sozialwissenschaftler, ohne mobilisierten Massenkonsensus à la "Barfuß-Ärzte-Bewegung" wäre jede Gesundheitsreform im modernen China mit 1,3 Milliarden Menschen zum Scheitern verurteilt. Würde man das gleiche Argument aus China im Westen, zumal in Deutschland, nicht mit "Solidargemeinschaft" als Eckpfeiler jeder Reform gesellschaftlicher Gesundheitsabsicherung umformulieren?

Noch vieles mehr, was aus der Kulturrevolution überliefert ist, kommt Europäern von heute bekannt vor, wenn man historisch nur etwas genauer hinschaut. Etwa der zukunftsgerichtete Fortschrittsglaube – Fortschritts-aberglaube? –, der in der Kulturrevolution seinen Ausdruck darin fand, die Erinnerungen der Menschen an ihre Vergangenheit als rückständig und unerträglich zu deuten, sodass der Gedanke an die noch so risikante Zukunft als harmlos erscheinen musste. Die Kampagne "Erinnerung an Bitterkeit und Vergegenwärtigung der Süße" forderte die Chinesen auf, alles, was in der Vergangenheit lag, ins Gedächtnis zu rufen, um zu begreifen, wie qualvoll das Leben und die Politik für die Massen waren. Ob die Japaner, die Nationalregierung unter Jiang Kaishek oder die Revisionisten um Staatspräsident Liu Shaoqi,  die Herrschaft inne hatten, war einerlei. Das Ziel blieb: Im Vergleich zum Zurückliegenden wirkte die Gegenwart, erst recht die Zukunft verheißungsvoll, und somit waren die gerade Herrschenden legitimiert; sie waren prophetisch weise, um das "ewig Gestrige" hinter sich zu lassen.

Die Gegenüberstellung von Erinnerung und Zukunftsvision dient noch heute der Machtlegitimation. Nun dient die Vergangenheit der Kulturrevolution als Projektionsfläche, mit deren Hilfe ein jeder die Zukunftsoptionen abwägen sollte: zurück in jene Zeit, wo Chaos statt Ordnung, Rückstand statt Fortschritt und – das wichtigste Argument – Armut statt Reichtum herrschte? Nur: heute steht Chinas KP-Führung mit dieser Logik keineswegs allein. Bei der Menschenrechtsdiskussion hört man heute fast noch öfter aus dem Westen als aus China selbst das Argument: Nun ja, China mache, im Vergleich zur Kulturrevolution, doch so viele Fortschritte. Wenn man dem Lande nur genügend Zeit lasse, so als wäre der historische Fortschritt so systemimmanent zwingend, dass einer bloß auf die Zeit zu setzen bräuchte… Riecht das nicht nach historischem Materialismus à la Karl Marx?

Das Gleiche gilt auch für die westlich geführte Diskussion über den Umweltschutz: Nun ja, war es nicht auch bei uns so, dass zunächst der ökonomische Wachstumswahn und erst später, also erst im Sinne eines zeitlich zu begreifenden Fortschritts, die Idee der Ökologie vorherrschte? Warum sollten wir das den Chinesen jetzt nicht auch gönnen, zum Beispiel, dass jeder ein Auto fährt und fahren sollte,  trotz der global von der Mehrheit der Wissenschaftler belegten Horrorszenarien einer deutlichen Erdklimaerwärmung. Es kommt auch hier sehr schnell der moralisch saubere Hinweis: Wenn Sie bedenken, von woher China kommt und wie schlimm es einmal war ...

Wohl deshalb schießen in China Wolkenkratzer aus Stahlbeton, dessen Herstellung wesentlich mehr Energie verbraucht und viel mehr schädliche Emissionen erzeugt als die herkömmliche Ziegelsteinproduktion, weiter wie Pilze aus dem Boden. Wohl deshalb geht in China die klassische Industrialisierung qua professionell produzierter Massenzukunftsvision im Namen des "individuellen", aber nur vermasst zu verwirklichenden Glücks munter weiter, weil hüben wie drüben die faktisch Mächtigen der Wirtschaft und Industrie gut daran verdienen? Ist es heute wie damals? Während der Kulturrevolution rechneten die frisch an die Macht Gekommenen mit den Verjagten via Zukunft-Vergangenheit-Dichotomie ab. Heute drehen die global vernetzte Industrie und Wirtschaft den Spieß um, um zu zeigen – auch den Chinesen –, wie erbärmlich sie zu Anfang des angebrochenen Jahrtausends gelebt hätten, da so viel Umwelt und soziale Gerechtigkeit durch ihre mangelnden Erkenntnisse über die wahre Vernunft vor die Hunde gegangen wären. Und damit sie begreifen, was für eine verheißungsvolle Neuzeit nun anbricht, mit fertigen Patenten, Konzepten und Zukunftsmodellen, die nur gekauft werden müssen, aber nicht raubkopiert werden dürfen.

Bei so vielen Vergleichen stellt sich freilich auch die Frage nach dem Unterschied, der in Europa zwar die 68er-Generation hervorgebracht hatte, jedoch nicht dazu führte, dass mobilisierte, teils radikalisierte Massen desaströse Verwüstungen hatten erzwingen können. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Institutionellen – nach pluralistischer Demokratie, nach einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung, nach Checks and Balances mittels möglichst breiter, gleichberechtigter Partizipation und nach verfassungsrechtlich geschützten Menschenrechten. Es liegt auf der Hand, dass das China der Kulturrevolution über sehr viel revolutionäres Potenzial verfügte, bloß nicht über diese Entgiftungsmittel.

Weitgehend fehlen sie bis heute. Weil sie fehlen, erdreisten sich – nicht nur in China – die neureichen Immobilienhaie, über das Leben von Abertausenden von Bauern zu verfügen und sie mit gekauften Lizenzen aus ihren Behausungen zu jagen. Weil sie fehlen, erlauben sich – auch dies nicht nur in China – Staatsfunktionäre, über Köpfe von Abermillionen Chinesen hinweg Großprojekte wie den Drei-Schluchten-Damm am Yangtse durchzuboxen. Die zerstörerischen Folgen für die Umwelt sind schon jetzt zu besichtigen.

Weil die demokratischen Entgiftungsmittel gegen die Massenmobilisierung in China fehlen, gehört es bis heute zum Ritual, Zigmillionen Menschen kraft zensierter Presse je nach politischem Bedarf gegen Feinde aller Art aufzuwiegeln, wie es die Meere roter Fahnen in San Francisco und Sydney im Frühjahr 2008 illustrierten: "Mit roten Fahnen Elemente der Tibet-Unabhängigkeitsbewegung ertränken", lautete der aufpeitschende Slogan im Cyberspace. Er könnte genauso aus der Kulturrevolution stammen. Ein bedenklicher  Beweis für eine äußerst zerstörerische Tradition in Gestalt authentischer Gegenwart. Auch dies freilich nicht nur in China.

Noch bedenklicher ist: Genau deshalb wird China heute im Westen vielfach bewundert: wegen der Wolkenkratzer, der Großprojekte mit astronomischen Gewinnchancen und der Macht eines Landes, in Sekundenschnelle eine schier unvorstellbar große Masse in Marsch zu setzen.

Die Rufe nach den angesichts dessen umso notwendigeren Entgiftungsmitteln werden hingegen schwächer. Die Demokratie als Modell wird angezweifelt. Westliche Diplomaten und Autoren fangen an, mit neidischem Blick von dem "China-Modell" zu träumen, von einem Modell des Massen- und Größenwahns, der unbegrenzten, unkontrollierbaren Massenmobilisierung, die lange totgesagt wurde, um – das steht zu befürchten – ohne Grunddemokratisierung und verankerte Menschenrechte umso länger mit global umso fataleren Folgen fortzuleben.



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