Mein erster Pass

von SAID

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


meinen ersten pass kaufte mir mein vater. ich war 15, es war sommer, und ich spielte in der gasse fußball als tor diente unser garagentor. ich war ein guter torwart und das aus gutem grund: wenn ein ball durchging und gegen das tor krachte, war mir eine ohrfeige sicher, mein vater wollte immer seine ruhe haben. „komm rein, dein vater will mit dir sprechen!“ – „mutter, das spiel ist noch nicht zu ende!“ – „du kennst deinen vater!“

er saß auf der terrasse. ein bein ausgestreckt, das andere angewinkelt und trank tee. „frau, bringe meinen sohn zur hauptstraße, dort soll er sechs fotos von sich machen!“ – „aber wozu braucht mein sohn fotos?“ – „ich will meinem sohn einen pass kaufen.“ bevor meine mutter etwas sagen konnte, schrie er: „das verstehst du nicht, frau. er ist mein sohn darum bekommt er einen pass.“ dann winkte er ab. meine mutter nickte mir zu ich stand auf und folgte ihr in die küche. „ich weiß auch nicht, was er ausbrütet. wir machen erst die fotos dann sehen wir weiter.“ sie holte einen kamm, hielt ihn unter den wasserhahn und kämmte mich, bis sie zufrieden war dann zupfte sie zweimal an meinem hemd. „mutter, bitte erzähle niemandem in der gasse von den fotos.“

der fotograf setzte mich vor ein schwarzes tuch, griff in seine gesäßtasche, holte einen kamm, hielt ihn unter den wasserhahn und kämmte mich, bis er zufrieden war dann zupfte er zweimal an meinem hemd. „jetzt keine bewegung mehr!“ und er verschwand hinter der kamera. am tag darauf holte meine mutter die fotos ab mein vater schien zufrieden zu sein. er zog seinen sonntagsanzug an, zwirbelte seinen schnurrbart, setzte den hut auf und ging voraus, bis er vor einem großen gebäude stehenblieb. vor dem tor standen zwei soldaten mit einem gewehr samt bajonett. mein vater flüsterte leise mit einem der beiden. dieser zeigte mit dem kopf auf den anderen. mein vater flüsterte mit dem zweiten und steckte ihm einige geldscheine zu. der zog an einer kordel, die neben ihm hing ein unteroffizier erschien, feist mit hängendem schnurrbart. der soldat salutierte und flüsterte ihm etwas ins ohr. dieser nickte und befahl uns mit einer handbewegung, ihm in den hof zu folgen. dort wies er auf die vielen händler und ihre stände. „mein sohn, welche farbe willst du?“ ich verstand nichts. – „welche farbe willst du für deinen pass?“ – „baba, was ist ein pass?“

mein vater hob die hand: „du hundesohn, ich fragte, welche farbe?“ – „grün.“ –„bleib hier stehen!“ –„baba!“ – „was ist?“ – „der pass soll in meine gesäßtasche passen.“ ich bekam eine ohrfeige, mein vater ging zu den händlern und fing an zu schachern. nach einer weile kam er mit einem pass zurück. die farbe stimmte, doch er war zu groß für meine gesäßtasche aber ich sagte nichts. wir gingen zurück zum tor, der feiste unteroffizier erschien, nahm alles und ging. der soldat sagte: “geht einen tee trinken es dauert.“ ich folgte meinem vater bis zur nächsten teestube. er wies mir einen platz neben der tür an, ging selbst bis zur mitte des lokals, setzte sich und wartete, bis der besitzer zu ihm kam. dann schrie er so laut, dass selbst die leute auf der straße ihn verstanden: „heute habe ich meinem sohn einen pass gekauft!“ er wartete eine weile, um den eindruck zu genießen, den er hinterlassen hatte.

„bring meinem sohn einen einfachen tee und mir einen großen starken!“ einige drehten sich um und schauten mich an mein vater genoß die aufmerksamkeit und seinen tee. wie viele gläser er getrunken hat, weiß ich nicht ich habe nur eins bekommen. gegen mittag stand er auf, zahlte und ging hinaus ich folgte ihm. der unteroffizier erschien mit dem pass in der hand, gab ihn meinem vater und winkte ab. es fehlte nur noch, daß er uns einen arschtritt gegeben hätte. zu hause setzte sich mein vater auf die terrasse und rief: „frau, mein sohn hat jetzt einen pass!“ – „was steht drin?“ – „frage deinen sohn! wozu habe ich ihn in die schule geschickt?“ – „hier steht, mein name ist grün, aber ich heiße gar nicht so...“ ich fing mir wieder eine ohrfeige ein. „frau, dieser hundesohn ist nichts wert und ich kaufe ihm einen pass.“ am tag darauf stand in der früh ein offizier vor unserer tür: „wohnt hier ein grün?“ – „frau, herr leutnant will deinen sohn sprechen! geh mein sohn, du brauchst keine angst zu haben dein vater beschützt dich.“ ich ging zur tür und versteckte mich halb hinter meinem vater, „also grün...“ ich unterbrach ihn: „aber ich heiße gar nicht so...“ ich bekam eine ohrfeige und mein vater hielt mein ohr fest im griff.

der offizier schrie: „du wolltest einen grünen pass also heißt du auch grün.“ er legte eine kleine pause ein. dann brüllte er so laut, daß alle tauben vom dach unseres nachbarn zum himmel aufflogen: „verstanden?“ – „hast du verstanden, du hundesohn?“ das war mein vater. „ja, herr leutnant!“ „morgen früh um sechs uhr wirst du abgeholt. mitzunehmen: zahnbürste, zahnpasta, seife und ein handtuch. ach ja, und zwei warme pullover der norden ist sehr kalt.“ – „der norden?“ fragte ich leise. „sei froh! es gibt sehr viele menschen, die nach norden wollen.“ „frau!“ rief mein vater, nachdem er sich auf der terrasse hingesetzt hatte. „hast du gehört? mein sohn kommt nach norden!“ am nächsten morgen weckte mich meine mutter mit verweinten augen. mein vater stand abseits und schaute geflissentlich weg. herr leutnant durchsuchte meine tasche: „zahnbürste, zahnpasta, seife und ein handtuch. was? drei pullover? nur zwei sind erlaubt!“ da warf sich meine mutter ihm zu füßen: „herr leutnant, ich flehe sie an, der norden ist kalt haben sie erbarmen!“ dieser ließ sich zeit und sagte dann gravitätisch: „na, diesmal will ich ein auge zudrücken!“

meine mutter stand auf, küsste herrn leutnant die hand, nahm mich geschwind in die arme und weinte. mein vater befreite mich aus ihren armen, hielt mein linkes ohr fest und schaute mir in die augen: „kopf hoch, junge! bring keine schande über meinen namen!“ich saß im jeep hinten, hielt meine reisetasche fest und dachte daran, daß wir am nächsten tag ein wichtiges fußballspiel hatten. der jeep raste durch die stadt, bis wir das tor von gestern ereicht hatten. die soldaten salutierten, der leutnant nickte, und wir fuhren durch. kaum stiegen wir aus dem jeep, erschien der unteroffizier. er griff meinen arm, zog mich hinter sich her, ins gebäude und dann in den keller. irgendwann blieb er vor einer eisentür stehen. er öffnete sie mit einem großen verrosteten schlüssel und winkte mich heran. „siehst du, mein junge, am ende dieses tunnels ist der norden!“ er gab mir den pass und schloß die tür hinter mir. jetzt konnte ich nur vorwärts gehen. ich ging und ging, aber der tunnel hörte nicht auf. irgendwann wurde ich müde ich kauerte mich an die mauer und schlief sofort ein. ich wachte auf, weil ein sonnenstrahl sich auf mein gesicht verirrt hatte. dem licht nach, dachte ich. zu meiner überraschung hörte der tunnel auf: ich war im norden. die häuser waren groß und sauber, die menschen auch, und niemand beachtete mich.

an der nächsten kreuzung setzte ich mich auf eine bank und fragte mich, ob ich mich im norden je eingewöhnen würde? ich gewöhnte mich ein. bald sprach ich recht gut nordisch, hatte eine arbeitsstelle und ein sauberes, kleines zimmer. doch eines tages um sechs uhr in der früh klopfte jemand leise an meine tür. es war ein leutnant und der fragte sehr höflich nach meinem pass. „aber, sie haben einen grünen pass!“ ich verstand nichts. „wer einen grünen pass hat, der muß nach osten!“ ich schaute ihn nur an. „ich komme sie morgen früh um sechs uhr abholen. einverstanden?“ ich nickte. „nehmen sie bitte folgende sachen mit: zahnbürste, zahnpasta, seife und ein handtuch. ach ja, und zwei warme pullover der osten ist recht kalt.“der leutnant kam um sechs uhr, salutierte und nahm mich in seinem bequemen dienstauto mit. irgendwann hielt er vor einer unscheinbaren tür an, gab mir meinen pass und sagte: „wenn sie hier durch die tür gehen...“ – „ich weiß, herr leutnant, dann kommt eine treppe. ich gehe die treppe hinunter...“ – „na, also, herr grün! sie kennen sich ja aus. ich wünsche ihnen eine gute reise!“ich ging durch die tür, die treppe hinunter, bis ich vor einer holztür stand. kaum drückte ich gegen sie, schon ging die tür auf, und ich sah wieder einen endlosen tunnel vor mir. und ich fing wieder an zu gehen. ich weiß nicht, wie lange ich ging, bis ich ein pfeifen hörte.

ich blieb stehen und schaute mich um: hinter mir stand eine dicke alte frau. sie hatte weißes haar und ein kleid aus vielen farben. „ich bin frau hundertfleck.“ sie lächelte und zeigte ihren goldzahn. „du kommst vom süden?“ ich nickte. „die schickten dich durch einen tunnel nach norden?“ ich nickte. „und jetzt schicken die dich durch diesen tunnel nach osten?“ ich nickte. „und die werden dich durch einen anderen tunnel nach westen schicken.“ – „woher wissen sie das alles?“ – „siehst du diese flecken an meinem kleid? jeder hat so eine geschichte.“ ich schaute sie an, und sie begriff, daß ich ihr nicht glaubte. „so lange du einen pass hast, wirst du hin- und hergeschoben!“ das leuchtete mir ein. „hör zu, ich habe einen plan.“ sie drückte mir eine kleine rote pille in die hand und schärfte mir ein, diese ja pünktlich zu nehmen. und ich ging weiter. bald sah ich licht am ende des tunnels, dort warteten zivilisten mit adretten anzügen. ich nahm die pille und ging auf sie zu. als ich in ihrer sichtweite war, holte ich meinen grünen pass heraus und begann, ihn zu essen. die zivilisten liefen auf mich zu, als sie mich aber festhielten, hatte ich gerade den letzten bissen von meinem pass geschluckt. wir fuhren mit blaulicht ins krankenhaus. am eingang stand ein arzt, der uns in ein sauberes zimmer begleitete.

kaum hier angekommen, mußte ich die pille wirkte bereits. ich ließ die hosen runter, ging in die hocke und entlud mich auf das parkett. die anwesenden versammelten sich um mich, hielten die nasen zu und beobachteten, wie ich mich entleerte. offensichtlich hofften sie, daß mein grüner pass zum vorschein käme. der arzt wühlte mit einem stock in meinem stuhlgang und schüttelte verzweifelt den kopf.schließlich durfte ich mich säubern und sogar duschen. „da sie keinen pass haben, müssen wir sie erst einmal dulden später sehen wir dann weiter!“ich bekam mein duldungspapier, verließ das gebäude, schlenderte herum und überlegte, was ich tun sollte. plötzlich hatte ich die erleuchtung: ich könnte meine erworbene fähigkeit professionell einsetzen. ich bin ja gewissermaßen ein staatlich geprüfter pass-verzehrer. und es mangelt bestimmt nicht an menschen, die ihren pass dringend loswerden müssen. nicht jeder kann sich mit dem geschmack seines passes abfinden. ich setzte mich auf eine bank und begann, über meine erfolgreiche zukunft nachzudenken. vorsichtshalber holte ich mein duldungspapier aus der tasche und steckte es in den mund. ich kaute bedächtig und malte mir aus, welches schild ich über mein geschäft hängen würde.



Ähnliche Artikel

Schuld (Weltreport)

Der Albtraum vom Reisen

von Winnie Rioba

Warum Afrikaner selten die Länder ihres eigenen Kontinents besuchen

mehr


Schuld (Thema: Schuld)

Gewissensfragen

von Ayelet Gundar-Goshen

Warum empfinden Menschen Schuld? Über die Bedeutung eines elementaren Gefühls

mehr


Frauen, wie geht's? (In Europa)

Abgestempelt

von Abbas Khider

Warum ein deutscher Pass das Leben in Deutschland nicht unbedingt leichter macht – im Ausland aber schon

mehr


Körper (Thema: Körper)

Ich hielt mich für weiß

von Tobias Hübinette

Seit Ende des Koreakriegs wurden 160.000 koreanische Kinder adoptiert. Nicht immer ging das gut

mehr


Schuld (Ich bin dafür, dass ...)

... wir lernen, nach der Herkunft zu fragen

von Mithu M. Sanyal

Wer noch einen Beweis braucht, dass es dafür höchste Zeit ist, muss nur den Clip mit dem Entertainer Dieter Bohlen anschauen, der gerade in den sozialen Medien geteilt wird

mehr


Geht doch! Ein Männerheft (Thema: Männer)

Erste Liga

von Raewyn Connell

In jeder Gesellschaft gibt es verschiedene Ideale von Männlichkeit. Dennoch herrscht immer ein Männertyp über alle anderen

mehr