„Lange Tradition von Kollektiventscheidungen“

ein Gespräch mit Magdalena Cajías

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Frau Cajías, wie steht es zwei Jahre nach der Wahl von Evo Morales, Boliviens erstem indigenen Präsidenten, um den demokratischen Prozess im Land?

Die „westliche“ repräsentative Demokratie wird von der Bevölkerung akzeptiert, wir haben eine sehr hohe Wahlbeteiligung. Unsere neue Verfassung, die noch verabschiedet werden muss, hält aber auch andere Mechanismen für demokratisch. Die indigenen Gemeinden sollen ihre eigenen Verwaltungsstrukturen beibehalten. Es geht um die Dezentralisierung von Macht. Evo Morales praktiziert das bereits, wenn er sich morgens um fünf, vor seinem Dienstbeginn mit außerparlamentarischen Gruppen trifft.

Wie kann man Demokratie vermitteln?

In der Schule sollte der Unterricht über verschiedene Konzepte von Demokratie aufklären. Wir haben eine lange Tradition von Kollektiventscheidungen. Bei den indigenen Gruppen der Aymara und Quechua etwa muss jeder Beschluss einstimmig angenommen werden, indem die Mehrheit die Minderheit überredet. Die Kontrollmechanismen, die indianische Gemeinden über ihre Verwaltungen haben, könnten auch in unserem System nützlich sein: Autoritäten können jeder Zeit abgesetzt werden, wenn sie den Willen der Bevölkerung nicht angemessen vertreten.
 
Ein neues Bildungsgesetz soll den Lehrplan verändern.

Das Gesetz „Avelino Siñani/Elizardo Pérez“, benannt nach zwei Lehrern, die Anfang des 20. Jahrhunderts in dem Andendorf Warizata eine Schule gründeten, wurde 2006auf einem pädagogischen Kongress unter Beteiligung von Lehrern, sozialen Bewegungen, Universitäten und der katholischen Kirche verfasst. Dieser Prozess war sehr schwierig und jetzt stagniert das Gesetz im Parlament. Doch auch wenn es noch nicht genehmigt worden ist, diskutieren wir im Bildungsministerium bereits neue pädagogische Inhalte. 
 
Was sind die Inhalte des neuen Lehrplans?

Wir halten eine inter- und intrakulturelle Ausbildung für wesentlich. Damit soll die Selbstanerkennung der verschiedenen Volksgruppen unseres Landes gefördert werden. Zum neuen Gesetz gehört das Konzept der Dreisprachigkeit. Bolivien hat 36 anerkannte Sprachen. Unser Ziel ist, dass Spanisch beibehalten wird und dass jeder Schüler auch die in seiner Umgebung vorherrschende indigene Sprache sowie eine Fremdsprache lernt.
 
Sollen alle Schüler, auch die auf den Privatschulen, eine indigene Sprache lernen?

Vor allem die Schüler auf den Privatschulen sollten eine der indigenen Sprachen Quechua, Guarani oder Aymara lernen. Derzeit wird auch gefordert, dass jeder Beamte des öffentlichen Dienstes eine einheimische Sprache spricht. 
 
Warum ist es so schwierig, einen Konsens für das neue Bildungsgesetz zu finden?

Zunächst machte die starke Lehrergewerkschaft Schwierigkeiten. Sie stellt sich gegen Veränderungen des Lehrplans und interessiert sich nicht für neue Techniken. Dann hatten wir auch Probleme mit der katholischen Kirche und den Universitäten, die fälschlicherweise befürchteten, dass die Regierung die privaten Ausbildungszentren verstaatlichen will. Auch die Autonomiebestrebungen der reicheren Regionen unseres Landes sind schwierig: Der Regierungsbezirk Santa Cruz zum Beispiel fordert ein eigenes pädagogisches System.
 
Die Eliten des Landes besuchen Privatschulen. Ist eine Chancengleichheit für die gesamte Bevölkerung überhaupt möglich?

Die Utopie von Evo Morales ist, dass die staatliche Ausbildung besser als die private wird. Diese schwierige Aufgabe kann man nicht von einem Tag auf den anderen erledigen, aber die Ausgangslage ist dank der Finanzierung durch Holland, Dänemark, Schweden und Spanien sehr günstig. Anders als mit der Weltbank in den 1990er- Jahren, die Kredite nur unter bestimmten Bedingungen oder Vorgaben von Inhalten und Beratern gewährte, gibt es jetzt einen Dialog. Die Bolivianer bestimmen die Richtlinien des neuen Gesetzes selbst.

Das Interview führten Rery Maldonado und Nikola Richter



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