Zehn Minuten Mitbestimmung

von Wang Yue

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Es war mein erster Schultag in Deutschland. In meiner Schule gibt es etwa 1.000 Schüler. Ich war in der Klasse 11, einer ganz neuen Klasse, die sich aus Schülern aus den ehemaligen Klassen 10a, 10b und 10c des Gymnasiums und sogar aus der Realschule zusammensetzte. Sobald unser Klassenlehrer über die Routinesachen des Schulanfangs berichtet hatte, kam er zu einer anderen Routine: „Jetzt fangen wir mal mit den Wahlen für zwei Klassensprecher an!“ Was passierte, war ein totales Durcheinander: Vier Namen, offensichtlich von Mitschülern, wurden an die Tafel geschrieben. Jeder Schüler schrieb danach etwas auf ein kleines Papier. Ich wusste nicht, was ich schreiben sollte, weil ich erst eine Stunde in dieser neuen Klasse war. Wie viele andere auch kannte ich fast niemanden! Wen sollte ich also wählen?

Als ich meine Tischnachbarin Anna nach dem Sinn dieses Verfahrens fragte, sagte sie, dass es egal sei. Wir brauchten nicht länger als zehn Minuten mit unserer „Demokratie in der Schule“. Dann waren für ein ganzes Schuljahr nur zwei von 20 Schülern „Klassensprecher“ geworden. Das heißt, außer den zehn Prozent der Schüler in unserem Gymnasium, die in der Schülervertretung sind, haben Schüler wenig Möglichkeit, ihre Meinung zu sagen, für sie ist „Demokratie“ ein Fremdwort. Den meisten ist es sowieso „egal“. So kenne ich das auch aus den Klassen 1 bis 9 in meinen chinesischen Schulen. Aber an meiner jetzigen Schule in Schanghai wird das anders gemacht. Der Unterschied fängt schon bei der Wahl des Klassensprechers an. Dieser wird normalerweise nicht am ersten Schultag, sondern nach einem Monat Schule gewählt. Deshalb haben wir genug Zeit, uns besser kennen zu lernen. In diesem ersten Monat kann jeder Schüler einen Tag lang Klassensprecher sein. Damit basiert die Wahl nicht auf Sachen wie „Wer ist am sympathischsten“ oder „Ich muss meinen besten Freund wählen“, sondern es kommt auf den Eindruck an, den der Schüler an seinem Probetag gemacht hat. „Aha, das ist vielleicht was für mich“, dachte ich aufgeregt, als ich das neue Wahlverfahren kennenlernte.

Von Klasse 1 bis jetzt war ich nie eine „kontaktfreudige“ Schülerin, ich mochte nie mit anderen über sinnlose Themen wie den Ausgang der gestrigen Seifenoper im Fernsehen oder wer der hübscheste Junge im nächsten Jahrgang ist reden. Es gab konsequenterweise keine Chance für mich, „Klassensprecherin“ zu sein. Aber an dieser Schule gibt es doch eine Chance für jeden! Seit Langem wollte ich etwas für meine Klasse tun, deshalb habe ich mich sofort für einen Probetag gemeldet. Während dieses Tages als „Klassensprecher“ merkte ich, dass nicht alles so einfach ist. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich zwischen unserem Klassenzimmer und dem Lehrerzimmer hin- und hergegangen bin, um den Lehrern Hausaufgaben und Vorschläge von meinen Klassenkameraden zu bringen. Ich musste zusätzlich einen Tagesbericht schreiben über und für unsere Klasse. Plötzlich war ich für alles verantwortlich. Wegen meiner guten und selbstständigen Arbeit wurde ich einen Monat später als eine von fünf Klassensprechern gewählt.

Durch diesen Probetag hat jeder die gleiche Chance. Diesen speziellen Teil finde ich demokratischer in meiner chinesischen Schule als an den Schulen vorher und an meinem deutschen Gymnasium. Außerdem bedeutet die Wahl nicht, dass die anderen Schüler, die nicht Klassensprecher sind, nicht mehr die Möglichkeit haben, ihre Meinung zu sagen. Klassensprecher sprechen außerdem nur klassenspezifische Probleme an, aber die ganze Schule betreffende Angelegenheiten dürfen nicht wegfallen. Der größte Unterschied zu meinem deutschen Gymnasium ist, dass es an meiner Schule in Schanghai ein Interview mit dem Schulleiter oder der Schulleiterin gibt. Was heißt ein Interview mit der Schulleitung? Als ich das erste Mal davon hörte, war ich total skeptisch. Echt? Unsere Schulleitung, die immer so beschäftigt ist, die immer Konferenzen hat, die sollte wirklich Zeit und Lust auf ein Interview mit Schülern haben? Hat wirklich jeder Schüler die Chance, seine Meinung auszusprechen? Werden die Meinungen von Schülern wirklich ernst genommen?

Es gibt drei Jahrgänge, das heißt 1.800 Schüler, in unserer chinesischen Schule, und alle haben irgendwann in einem Schuljahr ein Interview mit der Schulleitung. Jeder einzelne Schüler kann seine Meinung sagen, und die Schulleitung hat jederzeit die neuesten Informationen von den Schülern. Es war fast am Ende des ersten Schulhalbjahrs, als ich mit dem Interview an der Reihe war. Zusammen mit 24 anderen Schülern aus meiner Klasse war ich an einem Nachmittag in das Büro der Schulleitung eingeladen. Unser Schulleiter, ein kleiner, netter Mann mittleren Alters, erklärte geduldig und freundlich den Ablauf des Interviews, obwohl er schon ein bisschen müde von den vielen vorangegangenen Interviews war. Er sagte uns, dass alles anonym bliebe, was wir besprächen. „Ach so, jetzt ist meine Sorge ganz weg“, dachte ich erfreut. Wir haben über die unterrichtenden Lehrer eine Evaluationstabelle ausgefüllt und einige Vorschläge gemacht. Alle hatten den Mut, etwas zu sagen.

Es gab drei sinnvolle Vorschläge: Zum einen sollten die Lehrer nicht die Zehn-Minuten-Pause für den Unterricht benutzen. Außerdem sollten sie versuchen, sich alle Schülernamen zu merken. Und drittens hofften die Schüler, dass der Unterrichtsstoff vor den Arbeiten wiederholt wird. Unser Schulleiter hörte aufmerksam zu und machte sich ab und zu Notizen. Der nächste Teil des Gesprächs betraf die Organisation in der Schule. Schon längere Zeit hatte ich über folgendes Problem nachgedacht: Unsere Schule ist ein Internat. Aus Tradition wird vor dem Frühstück gejoggt, dazu müssen wir im Winter wie auch in den anderen Jahreszeiten um sechs Uhr früh aufstehen. Viele Schüler finden, es wäre viel besser, wenn wir 15 Minuten später joggen könnten, weil dann die Sonne scheint. Das zweite Problem: Morgens nach dem Jogging müssen wir 1.800 Schüler gleichzeitig in die Kantine gehen und lange auf unser Frühstück warten, weil die Kantine zu klein ist.

Nachdem noch andere Probleme bezüglich des Wohnheims und des Schulkiosks besprochen worden waren, bedankte sich der Schulleiter bei uns für die konstruktiven Vorschläge und Anregungen und versprach uns, über Verbesserungen nachzudenken. Als wir das Interview schon fast vergessen hatten, am Anfang des nächsten Schulhalbjahres, klingelte der Wecker in unserem Wohnheim nicht um sechs Uhr, sondern um Viertel nach sechs. Auch die Kantine wurde in einen größeren Raum verlegt. Außerdem änderte sich nach den Winterferien der Stundenplan für alle drei Jahrgänge, jetzt müssen wir nicht mehr alle gleichzeitig frühstücken. Durch dieses Interview ist unser Schulleben wieder ein bisschen besser geworden. Wir konnten durch unsere Kritik und Anregungen etwas verändern. Folgendes möchte ich meinem Gymnasium in Deutschland aufgrund meiner Erfahrungen an meiner Schule in Schanghai empfehlen: Nehmt die Klassensprecherwahlen ernst und denkt über ein sinnvolleres Verfahren nach! Und gebt jedem Schüler die Chance, seine Meinung zu sagen. Let our voice be heard, making our school a better place.



Ähnliche Artikel

Iraner erzählen von Iran (Thema: Iran)

Handverlesen

von Alireza Chaeechi

Alireza Chaeechi erzählt, warum er gerne als Teepflücker arbeitet

mehr


Iraner erzählen von Iran (Thema: Iran)

Eine Frage des Vertrauens

von Kayhan Barzegar

Gibt es eine Chance, das Kräftemessen zwischen Iran und dem Westen zu beenden? 

mehr


Ganz oben. Die nordischen Länder (Thema: Skandinavien)

Für Selbstversorger: Supergas

ein Interview mit Rasmus Nielsen

Das dänische Designbüro Superflex hat einen Ballon konstruiert, der aus Abfall Energie macht. Ein Gespräch mit Rasmus Nielsen, einem der Erfinder von „Supergas“

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Thema: Demokratie)

Ich als Demokrat

von Cem Özdemir

Ein Parlamentarier schildert seine persönlichen Erfahrungen mit unserem politischen System

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Thema: Digitalisierung)

Die Masse im Visier

von Matteo Pasquinelli

Wie elektronische Daten das Verhalten von Menschen vorhersagen sollen und wer davon profitiert

mehr


Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Theorie)

„Wir sind Konsumenten statt Bürger“

von Chantal Mouffe

Die europäischen Bürger begegnen der EU zunehemend skeptisch. Im Mai stimmen sie darüber ab, wie sich Europa weiterentwickelt

mehr