„Dort arbeiten, wo der Staat versagt“

ein Interview mit Irina Gruschewaja

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Sie haben 1989, drei Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl, die erste Nichtregierungsorganisation der damaligen Sowjetunion mitgegründet. Was hat Sie angetrieben?

Mit der Gründung des Komitees „Die Kinder von Tschernobyl“ wollten wir gegen das sowjetische System protestieren, das die Folgen von Tschernobyl verheimlichte. Vier Jahre lang wurden wir über die Folgen des Desasters belogen. Und wir wollten konkret helfen, indem wir die Menschen ermutigen, sich zusammenzuschließen, um ihre Kinder zu retten. Einer halben Million betroffener Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten wir einen Erholungsaufenthalt im Ausland vermitteln, in insgesamt 21 verschiedenen Ländern. Viele von ihnen sind inzwischen selbst Eltern geworden und haben sich an vielen Projekten unabhängiger Gruppen beteiligt. Die jungen Leute, die heute ein anderes Belarus wollen, sind unsere früheren Tschernobyl-Sorgenkinder, bei denen die Erfahrungen ihrer Reisen ins Ausland nachwirken. Vor denen hat das neue totalitäre System Angst. Viel mehr als vor der politischen Opposition. 
 
Wie hat Ihr humanitäres Engagement begonnen?

Mein Mann war im Vorstand der belarussischen Demokratiebewegung „die Volksfront“ und stellte eine kleine Gruppe aus Intellektuellen und Ärzten zusammen, die als Erste unter abenteuerlichen Umständen im Juli 1989 in die verstrahlten Gebiete fuhren. Sie kamen nach Minsk zurück und spielten auf einem Platz in der Stadt Tonbandaufnahmen der Erzählungen von Menschen aus diesen Gebieten vor. So etwas kannten wir aus unserer sowjetischen Geschichte gar nicht. Ringsherum standen einsatzbereit die Milizionäre und in einem Wäldchen versteckt auch Antiaufruhrtruppen mit Hunden. Und das alles wegen uns besorgter Bürger, die wir nichts weiter als die Wahrheit wissen wollten. Das, zusammen mit den schrecklichen Informationen, die diese Gruppe brachte, war eine Erschütterung bis auf den Grund. Nicht nur für mich. 
 
Wie gründete man eine Bürgerbewegung zu Sowjetzeiten?

Gar nicht. Wir waren anderthalb Jahre illegal. Wir haben versucht, uns registrieren zu lassen, aber es ging nicht. Wir haben trotzdem weitergemacht. Fast jede Woche brachte der KGB in der kommunistischen Zeitung „Sieben Tage“ einen Zeitungsartikel, der uns diffamierte. Als wir immer mehr wurden und viele Kontakte ins Ausland knüpften, kam die Schlagzeile: „Was passiert mit den Spendengeldern?“ Dabei hatten wir damals überhaupt kein Geld. Wir hatten keine Registrierung, kein Konto, keine Spenden. Wir haben uns „Stiftung“ genannt, weil wir meinten, wir stiften die Initiative, wir stiften den Frieden. Unser Stiftungskapital war nicht Geld, sondern wir selbst. 
 
Wie hat sich das Komitee nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums weiterentwickelt?

Als schon alles wackelte, wurden wir am 20. November 1990 registriert. Wir gaben uns den Namen Belarussische gemeinnützige Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl“. Warum nicht „Die Kinder von Tschernobyl“, wie ursprünglich das Komitee hieß? Das lag an den Methoden des KGB, der versuchte, unsere ausländischen Unterstützer irrezuführen. Plötzlich gab es zehn Komitees „Die Kinder von Tschernobyl“, die sich für Kontakte zum Ausland anboten. Um deutlich zu machen, dass das nicht wir sind, haben wir uns „Den Kindern von Tschernobyl“ genannt. 
 
Gab es in dieser Übergangszeit eine Art Aufbruchstimmung?

Heute sehe ich diese Zeit als eine fantastische Periode in unserer Arbeit an. In Belarus wie im Westen bildeten sich Gruppen, Initiativen, Organisationen, um den Kindern von Tschernobyl zu helfen. Die Menschen wurden zu Experten im Bereich der internationalen Beziehungen, zu Volksdiplomaten. Und sie waren erfolgreich. Es entwickelte sich das Gefühl: Die Welt wird menschlicher – im Osten wie im Westen. Ich war in diesem Strom, ohne viel nachzudenken. Engagiert wie nie zuvor. 
 
Wie entwickelte sich die Zivilgesellschaft nach der Unabhängigkeit des belarussischen Staates Ende 1991?

Der Staatsapparat organisierte sich zunächst selbst und die Bürger blieben auf der Strecke. Es waren zum großen Teil die politischen Eliten des ehemaligen Staates, die den neuen ausbildeten und seine Strukturen schufen. Das Bewusstsein für das zivile Engagement war gleich null. Ohne Bewegungen, die öffentliche Interessen artikulieren, die solidarisch mitarbeiten und dort aushelfen, wo der Staat versagt, die nach Möglichkeiten suchen, mit dem Staat als bewusste Bürger zusammenzukommen – ohne das kann man politische Veränderungen nicht bekommen. 
 
Mit welchen Methoden wurde ihre Arbeit behindert?

Einschüchterung, Bestechung, Drohung, Bespitzelung, Lauschangriffe, Diffamierungen in der Presse, versteckte oder offene Kriminalisierung – wir haben als unabhängige Organisation fast die ganze Palette dieser Methoden kennenlernen müssen. 1997 mussten wir sogar ins Exil. Das internationale Netz, das wir geknüpft hatten, und die Unterstützung von allen politischen Kräften in Deutschland haben dazu beigetragen, dass mein Mann und ich nach 13 Monaten zurückkehren konnten, ohne ins Gefängnis gehen zu müssen. Heute könnte eine solche internationale Solidaritätskampagne kaum etwas bewirken. So stabil und sicher ist das Regime geworden.
 
Welche Aktionsmöglichkeiten haben Sie gegenwärtig in Belarus?

Wir sind noch legal, aber es ist alles unternommen worden, um unsere Arbeit zu behindern. Die Taktik des Staats in den letzten Jahren besteht unter anderem darin, Nichtregierungsorganisationen, die unabhängig arbeiten, die Räume wegzunehmen, um sie dann zu verbieten, weil sie keine juristische Adresse mehr vorweisen können. Es werden auch ständig gesetzliche Bestimmungen geändert, die die Organisationen zwingen, ihre Satzungen anzupassen und eine Neuregistrierung zu beantragen. Das sind bürokratische Schikanen, die viele Organisationen nicht meistern konnten, auch finanziell nicht. Allein in den letzten drei bis vier Jahren haben auf diese Weise etwa 300 unabhängige Organisationen aufgehört zu existieren. 
 
Was tun Sie genau?

Wir holen die Menschen nicht für Kundgebungen oder Protest auf die Straßen. Wir unterstützen durch die Internationale Assoziation für humanitäre Zusammenarbeit, deren Präsidentin ich bin, Gruppen von Menschen, die sich eines sozialen Problems annehmen und etwas dagegen tun wollen. Sie stoßen unvermeidlich auf die Barrieren des Staates: Bürokratie, Verordnungen, Genehmigungen, Lizenzen. Und sie verstehen nicht, was das soll. Sie wollen doch nur etwas für die Straßenkinder tun, die Alten oder die Behinderten. Dieses soziale Engagement ist dann auch eine Form des Protests gegen das autoritäre Regime. Wer sich nicht bewegt, fühlt seine Fesseln nicht. Man kann also die unabhängig vom Staat sozial engagierten Menschen in Belarus als Teil einer Menschenrechtsbewegung sehen.

Kann man dann überhaupt noch von einer Zivilgesellschaft sprechen?

Das sind nur noch die Inseln, die Brocken der zerstörten Zivilgesellschaft in Belarus. Es ist ein Imitat entstanden, das auf keinen Fall eine zivile Gesellschaft ist. Als die Regierung verstand, dass viele Organisationen im Westen als Partner eine nichtstaatliche Organisation wollen, beschloß sie ab 1997 bei jedem Exekutivkomitee in jedem Bezirk eine Nichtregierungsorganisation zu gründen. Und so entstanden verschiedene Pseudo-Nichtregierungsorganisationenzu allen möglichen Themen. Für ausländische Partner ist es oft schwer zu unterscheiden, ob sie es mit einer Gruppe von wirklich engagierten Bürgern zu tun haben oder mit Menschen, die vom Staat beauftragt worden sind. 
 
Wie viele unabhängige Gruppen stehen wie vielen staatlichen „Nichtregierungsorganisationen“ gegenüber?

Genaue Zahlen habe ich nicht, aber sie sagen auch nicht viel aus. Das Prinzip ist wichtig. Vor zwei Jahren wurden Vertreter unserer Regierung, darunter auch der Leiter der Wahlkampagne von Präsident Lukaschenko, eingeladen, mit der deutschen Zivilgesellschaft ein Gespräch zu führen. Da habe ich gedacht: Jetzt kann ich aufhören. Nach so vielen Jahren gemeinsamen zivilgesellschaftlichen Engagements ist es unserer Regierung gelungen, dass bestimmte Menschen in Deutschland nur noch die belarussischen Vertreter des Staates einladen. Auf dem Podium sitzen unsere Regierungsvertreter und diktieren ihre Bedingungen, im Saal sitzen die Vertreter der deutschen Zivilgesellschaft und lauschen, und kein Mensch steht auf und sagt: Wir möchten mit unseren ebenbürtigen unabhängigen Gruppen sprechen.
 
Dann sollten ausländische Organisationen keinen Dialog mit belarussischen Regierungsstellen führen?

Die ausländischen Partner müssen zu den unabhängigen Gruppen in Belarus stehen. Wenn es ein partnerschaftliches Gespräch ist zwischen belarussischen Initiativen, deutschen Gruppen und unserer Regierung, dann ist es in Ordnung. Aber wenn die deutschen Gruppen sich bei uns mit ihrem humanitären Projekt profilieren wollen und, um grünes Licht zu bekommen, zu unserer Regierung gehen und mir anschließend sagen: Ist doch egal, Irina, wir lieben eure Kinder, deshalb laden wir sie jetzt über die Regierung ein – dann tut das weh. Das ist die Prüfung für die Reife der Demokratie hier im Westen. Wie hoch achtet ihr die demokratischen Werte, die wir mühsam versuchen zu leben, wenn auch im Kleinen: die Freiheit, kritisch zu sein und sich zu engagieren, Solidarität, Mut, Meinungsfreiheit und Zivilcourage? 

Das Interview führte Karola Klatt



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