Die dritte Gewalt

Nina Ritter

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Vordergründig kämpften bei den Unruhen, die Mitte März in Tibet begannen, Tibeter und Chinesen gegeneinander. Doch vor allem im Osten des Hochplateaus, außerhalb der autonomen Region Tibet, sieht die Situation sehr viel komplizierter aus. Die Tibeter nennen diese Regionen Amdo und Kham und zählen sie ebenfalls zu ihrem angestammten Siedlungsgebiet. Heute unterstehen diese Teile des tibetischen Kulturraums den Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan. Dort findet sich ein buntes Völkergemisch aus offiziell mehr als 30 ethnischen Gruppen. In Lanzhou und Xining, den Hauptstädten der Provinzen Gansu und Qinghai, fallen die vielen kleinen Restaurants mit arabischen Schriftzügen ins Auge. Davor stehen Männer mit weißen Käppis und grillen Lammfleischspieße über Kohlefeuer. Die Restaurants gehören Angehörigen der Hui oder Salar, den muslimischen Volksgruppen der Region. Ihre Frauen tragen die gleichen Käppis wie die Männer, breiten darüber einen dunklen Kopfschleier, der bis auf die Schultern reicht und das Gesicht umrahmt. Ihre Restaurants schmücken viele Muslime mit Bildern der Kaaba von Mekka oder Tafeln mit Koransuren. An Freitagen glaubt man sich nahe der großen Moschee von Xining, einem eindrucksvollen weiß gekachelten Gebäude, dessen Kuppel und Minarett weit über die Stadt zu sehen sind, nicht im atheistischen China, sondern in der arabischen Welt: Von überallher strömen Männer mit weißen Kappen und Gebetsteppichen in Richtung Moschee. Die meisten Muslime hier halten sich streng an islamische Lebensregeln – abgesehen vom Alkohol, dem manche durchaus zugetan sind –, folgen jedoch einem gemäßigten Islam mit sufistischen Einflüssen. Die Ursprünge der Salar- und Hui-Ethnie sind nicht eindeutig geklärt. Bei den Salar handelte es sich wahrscheinlich um ein Turkvolk aus der Nähe von Samarkand im heutigen Usbekistan, das im 14. und 15. Jahrhundert nach China einwanderte. Die Hui stammen vermutlich einerseits von arabischen und persischen Händlern ab, die sich in China niederließen, andererseits von Angehörigen mongolischer, turkstämmiger und zentralasiatischer Völker, die die Mongolen zur Zeit ihrer Herrschaft über China im 13. und 14. Jahrhundert dort ansiedelten, um die Region zu verwalten. Die Hui verteilen sich heute über ganz China und sind streng genommen keine einheitliche ethnische Gruppe, obwohl sie vom Staat als solche definiert werden. Die Religion ist besonders für viele alteingesessene Hui das Element, das sie als ethnische Gruppe zusammenhält, denn sie haben keine eigene Sprache und Kultur. Auch manche Tibeter konvertierten im 18. Jahrhundert infolge von Missionierung zum Islam und nannten sich fortan ebenfalls Hui. In früheren Jahrhunderten lieferten sich Tibeter und Muslime auf politischer Ebene ein Wechselspiel aus Opposition einerseits und Allianzen gegen andere Mächte, wie Mongolen und Chinesen, andererseits. Im Alltagsleben bestand eine Arbeitsteilung: Muslime erledigten Aufgaben, die die Tibeter als unrein oder niedrig ansahen. Bestimmte Handwerkstätigkeiten, vor allem das Schlachten von Tieren, das die Tibeter aus religiösen Gründen verschmähen, führten die Muslime aus. Daneben waren sie als Händler zwischen den damals reichen Klöstern und Fürstentümern aktiv. Das Verhältnis zwischen Tibetern und Muslimen verlief durch die Arbeitsteilung und eine daraus entstandene Abhängigkeit weitgehend harmonisch. Heute hingegen kommt es häufiger zu Konflikten, die sich immer wieder auch gewaltsam entladen. Nach der Gründung der Volksrepublik China wurde das Land kollektiviert. Die Tibeter verloren ihre Vormachtstellung in der Region an die neuen Machthaber. Die alten Strukturen zwischen Muslimen und Tibetern zerbrachen. Gut ausgebildete Han-Chinesen, viele von ihnen zugewandert, besetzen heute den Großteil der Stellen im modernen Staat. Dagegen kommen weder die muslimischen Gruppen noch die Tibeter an, da ihr Bildungsniveau wesentlich schlechter ist. So konkurrieren sie miteinander und mit Wanderarbeitern, die ihren Weg in die Region gefunden haben, um die verbleibenden Nischen. Die Muslime können dabei an ihre lange Erfahrung im Handel und ihre weitreichenden Netzwerke anknüpfen und sind so den Tibetern gegenüber im Vorteil. Das führt zu Missgunst und Spannungen. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr Hui aus anderen Regionen Chinas hinzugezogen sind. Dieser Zuzug wurde von einem Entwicklungsprogramm der Regierung verursacht, durch das viel Geld in das Gebiet gepumpt wurde. Obwohl von oben nicht unbedingt so gewollt, zog diese Intervention neben Han-Chinesen in großem Maße auch Hui-Chinesen an, die sich im tibetischen Hochland gute Geschäfte versprachen. Sie sammeln sich hauptsächlich in Xining und Lanzhou und den umliegenden Gegenden. Viele Hui und Salar hat es aber auch in die neuen Bezirksstädte gezogen, die alle paar Hundert Kilometer das Grasland spicken. Die meisten bleiben nur ein paar Jahre. Dann gehen sie zurück in ihre Heimatorte oder übergeben ihre Restaurants oder Läden an andere Familienangehörige. Viele Tibeter kommen nur auf geschäftlicher Ebene in Kontakt mit ihnen. Im täglichen Leben meidet man sich. Die Kinder der Hui, deren Muttersprache chinesisch ist, gehen auf die normale chinesische Schule, während tibetische Eltern ihre Kinder lieber auf eine Schule schicken, in der sie in ihrer Sprache unterrichtet werden. Viele Tibeter im dünn besiedelten Grasland empfinden die muslimischen Geschäftsleute als Fremdlinge. Sie beklagen sich über ihre Handelsdominanz und halten sie für Schlitzohren oder gar Betrüger – ein Vorurteil, das sie mit vielen Han-Chinesen teilen. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Boykotts, mit denen Tibeter versuchten, muslimische Geschäftsleute aus ihren Siedlungsgebieten zu verdrängen. Zuweilen gelang ihnen dies sogar: Auf den Fenstern einiger Restaurants im Süden der Provinz Qinghai, die zuvor Muslimen gehört hatten, war im Jahr nach Beginn eines Boykotts auf Tibetisch zu lesen: „Tibetische Nudelsuppe, tibetisches Fladenbrot“ – dabei handelte es sich jedoch weitestgehend um die gleichen Gerichte, die zuvor die muslimischen Besitzer angeboten hatten. Auch bei den jüngsten Unruhen ist es zu Boykotts und Aggression gegenüber Muslimen gekommen. Vielerorts wurden ihre Geschäfte demoliert oder sogar niedergebrannt. Fragt man Muslime auf dem tibetischen Plateau nach ihrer Meinung über Tibeter, halten viele sie für dumm und ungehobelt – auch dieses Vorurteil teilen Han-Chinesen. Dass sich die Gewalt der Tibeter bei den Aufständen auch gegen Hui und Salar gerichtet hat, können viele Muslime nicht verstehen. Derzeit verhärten sich die Fronten zwischen den drei großen ethnischen Gruppen auf dem Hochplateau. Manche Muslime haben den Spieß umgedreht und weigern sich, mit Tibetern Geschäfte zu machen und sie in ihren Restaurants zu bedienen. In den Städten, in denen Tibeter in der Minderheit sind, trauen sie sich kaum noch aus dem Haus, da sie böse Blicke und Bespitzelung fürchten. Die Hauptverantwortung für die ethnischen Spannungen trägt sicherlich die Regierung. Offiziell gilt die Parole von der Harmonie der Volksgruppen in China. Die Regierung hat aber konkret wenig getan, um diese Wirklichkeit werden zu lassen. Stattdessen spielt sie die verschiedenen Ethnien zuweilen gar gegeneinander aus. Nach den jüngsten Unruhen haben die Staatsmedien mit Hasstiraden gegen die „tibetischen Unruhestifter“ und den Dalai Lama die anderen Bevölkerungsgruppen gezielt gegen die Tibeter aufgehetzt. Eine „harmonische Gesellschaft“, die der chinesische Präsident Hu Jintao vor einigen Jahren als oberstes Staatsziel ausgerufen hat, sieht wahrlich anders aus.












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