Übersetzung auf Umwegen

ein Interview mit Ursula Kocher

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Sie arbeiten an einem Übersetzungsprojekt, in dem Kurzgeschichten aus dem Hindi ins Deutsche übersetzt werden. Warum dieses Projekt?

Im Jahr 2005 saß ich mit indischen und deutschen Wissenschaftlern zusammen und wir überlegten, welche Bücher für die Buchmesse in Frankfurt 2006 übersetzt werden sollten. Es hieß, dass 80 Bücher übersetzt würden, aber niemand von uns kannte einen Übersetzer, der daran arbeitete. Die meisten indischen Bücher werden nämlich nicht direkt, sondern auf dem Umweg über das Englische übersetzt. Ich kenne leider nur eine Handvoll Bücher, die direkt aus einer der Sprachen Indiens übersetzt wurden. Wir wollen möglichst authentische Übersetzungen aus dem Hindi ins Deutsche anfertigen.

Was macht Übersetzungen auf dem Umweg über eine andere Sprache so problematisch?

Es ist schon schwierig genug, die Texte überhaupt in eine andere Kultur und Sprache zu transferieren. Ohne Reibungsverluste geht das nie, völlig unabhängig von welcher Sprache wir sprechen. Jede Sprache hat ihre eigenen Erzähl- und Denkstrukturen. Die erste Frage, die man sich als Übersetzer stellen muss, ist: Was macht diesen Text einzigartig? Dann muss man überlegen mit welchen Mitteln man dieselbe Wirkung in der Zielsprache erreichen kann. Eine Übersetzung einer Übersetzung ähnelt der doppelten indirekten Rede. Jemand berichtet von einer Situation, die jemand anders beschrieben hat. Über den Umweg muss man versuchen, etwas Indisches aus dem Englischen ins Deutsche zu retten. Eine solche Übersetzung ist zwar nicht unmöglich, aber die Qualität fördert sie sicherlich nicht.

Warum werden Bücher trotzdem zunächst ins Englische und dann in eine dritte Sprache übersetzt?

Das hat ganz praktische Gründe. Es gibt wenige Menschen, die in der Lage sind, aus seltenen Sprachen ins Deutsche zu übersetzen. Die Nachfrage nach literarischen Übersetzungen aus dem Hindi ist gering, und natürlich lohnt es sich für einen Übersetzer nicht, diese komplizierte Sprache neu zu lernen. Verlage greifen daher auf englische Übersetzungen zurück. Man muss hinzufügen, dass eine Reihe von indischen Autoren auf Englisch schreibt oder ihre eigenen Texte ins Englische übersetzt. Der englische Markt ist von Vorneherein größer und kostengünstiger zu bedienen.

Welche soziokulturellen Folgen hat die Übersetzung indischer Texte aus dem Englischen?

Für die Leser ergibt sich ein schiefes Bild. Sie machen sich nicht bewusst, dass eine große Vielfalt an Sprachen – und damit auch eine Vielfalt an Denk- und Lebensweisen – existiert. In Indien gibt es relativ wenig englischsprachige Inder maximal fünf Prozent der Inder können Englisch lesen und schreiben.

Was für Texte werden in Ihrem Projekt übersetzt?

Ein Kriterium für die Auswahl der Kurzgeschichten war, dass sie auf Hindi verfasst und noch nicht übersetzt wurden – auch nicht ins Englische. Es sind Texte, bei denen bisher niemand in Deutschland eine Chance hat, sie zu lesen. Inhaltlich geht es um das Subjekt in der indischen Massengesellschaft mit all den Wandlungsprozessen, die dort seit der Entkolonialisierung vonstatten gehen.
 
Wer ist an dem Projekt beteiligt?

Momentan sind die Universität Delhi und die Universität Neu Delhi auf indischer Seite beteiligt. Die Studenten dort übersetzen die Texte in Seminaren ins Deutsche und schicken sie dann an die Studenten der Freien Universität Berlin. Eigentlich funktioniert die Zusammenarbeit gut, aber es gibt auch ein paar Schwierigkeiten. So überschneiden sich die Semesterzeiten zum Beispiel nicht. Wenn wir lektorieren, sind in Indien Semesterferien und umgekehrt. Für die Zukunft möchte ich versuchen, Gelder zu organisieren, damit sich die Studenten einmal im Jahr persönlich zusammensetzen können. So kann das Verständnis einfacher vermittelt werden, und die gemeinsame Arbeit begünstigt den Kulturtransfer.

Das Interview führte Johanna Barnbeck



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