Die Seele eines Briefs

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Mit zehn Jahren bekam Julie Delbridge, 47, ihre erste Brieffreundin. Die Australierin befand sich mit ihren Eltern auf einer Weltreise, als sie in einer amerikanischen Hotellobby ein Mädchen traf, dem sie nach ihrer Rückkehr fleißig schrieb. Als Teenagerin sandte sie Briefe an Freunde in der Schweiz, in England, Südafrika, Neuseeland und Finnland. Die Adressen interessierter Gleichaltriger waren ihr von International Pen Friends vermittelt worden, einer Organisation, die gegen eine geringe Gebühr passionierte Briefeschreiber über Länder- und Kulturgrenzen verbindet.

Heute ist Julie Delbridge selbst Präsidentin dieses größten internationalen Briefclubs der Welt. 300.000 schreibwillige Menschen zwischen acht und 80 Jahren aus 192 Ländern umfasst ihre Kartei. Gegründet wurde die Organisation vor 40 Jahren von dem Iren Neil O’Donnell. Viele Mitglieder kombinieren heute selbstverständlich Briefe und moderne Kommunikationsmittel wie E-Mail oder SMS in ihrem Brieffreundschafts-Hobby. Und dennoch, Julie Delbridge vermisst in vielen E-Mails die Substanz und die Seele eines Briefes. „E-Mails sind wie Fastfood, während Briefe mit ihrer Handschrift, ihrer Briefmarke und der Reise, die sie hinter sich haben, ein Festmahl sind, gekocht aus hochwertigen Zutaten mit Ausdauer und Bedacht.“

Gute Briefeschreiber verfügen laut Julie Delbridge über Neugier, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und einen Sinn für Humor. Ein Brief sollte Neuigkeiten berichten, vom Leben des Schreibers erzählen, Gedanken und Gefühle mitteilen, und auch einmal ein Foto beinhalten. Umgeben von Sonnenschein und endlosen Sandstränden an ihrem Wohnort in Byron Bay, Australien, ist ein Traum für Julie Delbridge noch unerfüllt: eine Brieffreundin aus Grönland.



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