„Wer schrieb, wurde exekutiert“

ein Interview mit U Sam Oeur

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Während der Diktatur der Roten Khmer wurden Intellektuelle systematisch ermordet. Wie haben Sie überlebt?

Das ist eine schwierige Frage. Ich versuche sie kurz zu beantworten, auch wenn ich Ihnen etwas abergläubisch erscheinen werde. Im Februar 1975 erhielt ich in einem buddhistischen Kloster folgende Segnung: „Wenn jemand meinen Sohn hasst, wird er selbst auch gehasst. Wenn jemand versucht, meinen Sohn ins Gefängnis zu bringen, wird er selbst ins Gefängnis gebracht. Wenn jemand versucht, meinen Sohn zu töten, wird er selbst getötet.“

Wurden Sie verfolgt?

Anfang Mai 1975 wurden meine Familie und ich von einem Soldaten gefangengenommen. Uns gelang mitten in der Nacht die Flucht. Später wurde ich in ein Arbeitslager geschickt. Dort täuschte ich vor, Analphabet zu sein und nutzte meine Kenntnisse im Reisanbau. Mit meiner dunklen Haut, meinem für diese Region ungewöhnlichen Akzent und meinen Fähigkeiten in der Landwirtschaft war ich in der Lage, sechs Monate im Arbeitslager zu überleben.

Haben Sie damals geschrieben?

Während der vierjährigen Herrschaft der Roten Khmer unter Pol Pot zerstörte ich mit Absicht alle meine Schriften und machte mir nicht einmal Notizen. Wenn jemand in dieser Zeit dabei erwischt wurde, irgendetwas zu schreiben, dann musste er ausnahmslos mit Exekution rechnen.

Konnten Sie nach dem Sturz der Roten Khmer Ihre Gedichte ungehindert veröffentlichen?

Im Wesentlichen war das Verlagswesen in den Jahren nach Pol Pot nicht existent. Ich dichtete zwar, merkte mir die Gedichte aber eher in meinem Kopf, als sie niederzuschreiben.

Warum gingen Sie 1992 ins Exil in die USA?

Im Juli 1990 war ich gezwungen, meine Position im Industrieministerium aufzugeben, da ich ein pro-demokratisches Gedicht mit dem Titel „Neo-Pol Pot“ geschrieben hatte. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, ohne die Qualen im Namen derer auszudrücken, die durch die Roten Khmer abgeschlachtet wurden und derer, die ihre Meinung nicht frei äußern konnten aus Angst vor der Verfolgung durch die indo-chinesischen Kommunisten. Heute sehe ich mich als „Botschafter der stummen Welt“. Dabei hilft mir mein Glaube an eine Rückkehr von Freiheit und Stabilität. Um weiterschreiben zu können, bin ich ins Exil gegangen.

Wie hat sich Ihr Schreiben dort verändert?

Früher mochte ich es, die Leser zum Nachdenken anzuregen. Jetzt brauchen sie zugänglichere Gedichte. Sie müssen die Hauptaussage sofort begreifen, ansonsten verliere ich ihre Aufmerksamkeit.
 
Unter welchen Bedingungen würden Sie eine Rückkehr nach Kambodscha in Betracht ziehen?

Ich werde zurückkehren, wenn ich die US-amerikanische Staatsbürgerschaft innehabe, möglichst, um dort zu lehren.

Wo wurden Ihre Gedichte bisher veröffentlicht?

Einige meiner Gedichte wurden in England veröffentlicht. In Kambodscha hat bisher nur eine englische Buchhandlung einige Exemplare geordert. Da es in Kambodscha kein Copyright gibt, könnte es sein, dass mein Werk unter der Hand weiterverbreitet wird, davon habe ich aber bisher nichts gehört. 
 
Was denken Sie über das Rote-Khmer-Tribunal, das für dieses Jahr geplant ist und die Massenmorde aufklären soll?

Ich bin ein buddhistischer Mönch. Ich segne jeden. Wer etwas Böses getan hat, wird selbst leiden müssen. Mein Herz ist jetzt und in Zukunft voller Liebe.

Das Gespräch führte Christine Müller



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