Konstruktive Wut

von Christine Müller

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Durch einen begrünten Innenhof, auf dem bunt bemalte Holzobjekte stehen, führt der Weg zum Eingang der Schule. Freundliche Schüler halten mir die Tür auf, und ich merke, dass ich davon schon fast positiv überrascht bin, schließlich bin ich an einer Schule im Berliner Bezirk Kreuzberg. Die vor allem negative Berichterstattung darüber hat sich eingeprägt.

An der Hector-Peterson-Oberschule, einer Schule mit etwa achtzig Prozent Migrantenanteil, habe ich die Möglichkeit, an einem der Rap-Workshops von Diamantino Fejió, der sich Diamondog nennt, teilzunehmen.

Erkenntnisse aus der Friedenspädagogik und des Globalen Lernens möchte der Weltfriedensdienst mit diesem Workshop, der im Rahmen des Projekts „peaceXchange“ stattfindet, vermitteln. Konkreter heißt das: Künstler aus Afrika und Lateinamerika werden eingeladen, um an Schulen Rap-Workshops anzubieten. Ein weiteres gut gemeintes Projekt, das jedoch an der Alltagsrealität von Jugendlichen vorbeigeht?

Auch an der Hector-Peterson-Oberschule gibt es Drogenprobleme und Konflikte etwa zwischen arabischen und türkischen Jugendlichen. Eskaliert ist die Situation bisher noch nicht, und die Schulleitung versucht vorbeugend auf mehreren Ebenen zu agieren: Es gibt einen Kooperationsvertrag mit der Polizei, und die Schule bietet seit August 2006 eine Ganztagsbetreuung an, auch wenn dafür vom Senat kaum zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt werden. Dem Musiklehrer Dieter Hoffmann ist klar, dass der Rap-Workshop zur friedlichen Konfliktbearbeitung beitragen, die strukturellen Probleme jedoch nicht lösen kann. Seitens der Schüler ist die Nachfrage zur Teilnahme am Projekt so groß, dass Hoffmann eine Auswahl treffen musste. Die Zehntklässlerin Maravilha und ihre Klassenkameradinnen freuen sich nicht nur, dass heute Deutsch, Chemie und Sport ausfallen, sondern auch darüber, dass Diamondog sich für ihre Namen und Herkunft interessiert. Maravilha erzählt, dass ihre Eltern aus Angola und dem Kongo stammen. Sie ist in Berlin aufgewachsen – die insgesamt vierzehn Teilnehmer des Workshops stammen aus neun Nationen.

Die Jungs in der Gruppe geben sich cool. Als es um die erste praktische Übung geht, das Beatboxen, muss Diamondog sie mehrmals auffordern, mitzumachen. Auch ich kann mich davor nicht drücken. Diamondog erklärt, dass die „MCs den Beat für die Freestyles mit dem Mund produzieren“ – also die Rapper den Rhythmus, der dem improvisierten Sprechgesang zugrunde liegt, ohne Musikinstrumente erzeugen. Dem 26-jährigen Angolaner gelingt es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle am Mikrofon sichtlich Spaß haben, auch wenn die Vorkenntnisse sehr unterschiedlich sind. Diamondog sieht Rap als Möglichkeit, „Missstände anzuprangern und seine Gefühle auszudrücken“. Er berichtet vom Bürgerkrieg in Angola und seiner Flucht im Jahr 1999 nach Brasilien.

Die Schüler wiederum erzählen von Erfahrungen, in denen sie sich ungerecht behandelt fühlten. Diamondog will den Schülern vermitteln, wie sie konstruktiv mit Wut umgehen können. Als er mit ihnen über das aggressive Image von Rap spricht, bemerkt ein Junge, der zuvor in einem Rap Gewaltfantasien thematisierte: „Berühmte Leute reden oft nicht über ihre Gefühle. Sie spüren zwar etwas, müssen aber ihr Image aufrechterhalten, weil Jugendliche aggressive Texte wollen.“ Ansonsten bleibt die Diskussion oft eher an der Oberfläche. Vielleicht auch weil Diamondog Portugiesisch spricht und erst übersetzt werden muss.

Auch das Rappen am Ende des Workshops kommt zeitlich zu kurz. Trotzdem: Egal, ob es um Krieg oder Rap geht, die Schüler sind während des gesamten Workshops aufmerksam, stellen Fragen und versuchen sich an den Mikrofonen. Dass Diamondog sie erreicht, zeigt sich in einem der anrührendsten Momente des Workshops. Die Schüler machen es sich auf dem Boden bequem, manche lehnen sich aneinander, schließen die Augen. Diamondog spielt ruhige brasilianische Musik ein und führt sie auf einer Art „Fantasiereise“ zu den Erinnerungen an die schönsten Momente in ihrem Leben. In diesem Augenblick sind die Gesichter weich und verletzlich. Es ist zu sehen, dass sie sich noch berühren lassen.



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