„Wahre Geschichten erzählen“

ein Gespräch mit Lutz Mahlerwein

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Gesperrte Internetseiten, verbotene Bücher: In China sind häufig Zensoren am Werk. Wie gehen Sie damit um?

Zensur ist in China immer noch ein Mittel, um die Vorherrschaft der kommunistischen Partei zu untermauern. Das ist und bleibt verdammenswert. Unleugbar ist aber auch, dass es für die chinesischen Journalisten zunehmend Freiräume gibt, kritische Meinungen zu äußern. Ich habe bisher bei meiner Tätigkeit keine einschränkende Zensur erlebt. Ob meine Arbeit überwacht wird, weiß ich nicht. Ich kann aber wohl davon ausgehen. Nur wird mich das nicht davon abhalten, in meinem Unterricht für einen freien und unabhängigen Journalismus einzutreten. Und ich stelle dabei immer wieder fest, dass die Studenten für diese Werte sehr empfänglich sind.

Wie wehren sich Journalisten gegen Zensur?

Eher mit individueller Courage als mit kollektivem oder gar organisiertem Widerstand. In China kann Kritik noch immer fatale Folgen für den Kritiker haben. Es hängt vom persönlichen Mut und von der Leidensbereitschaft ab, wie weit sich der Einzelne widersetzt. Umweltfragen kritisch zu diskutieren, geschieht heute fast schon regierungseinvernehmlich. Bei den Menschenrechten wird es bestimmt noch lange schärfste Dissonanzen geben. Feststellbar ist aber, dass Tabuthemen von einst, etwa Homosexualität, Aids oder die Todesstrafe, in den Medien debattiert werden.

Wandelt sich der chinesische Journalismus mit dem wirtschaftlichen Aufstieg?

Zweifellos. Mit ihm hat sich eine gewisse Unabhängigkeit etabliert. Vor allem im Privaten werden die Forderungen nach individueller Freiheit immer stärker. Das gilt auch für die Medien. Die Leser, Hörer und Zuschauer sind anspruchsvoller geworden. Brisante Themen wie Korruption, Umweltverschmutzung, Armut und Bildungsnotstand auf dem Lande, die Verbrechen von Kohleminen-Besitzern, aber auch von Politikern, werden in umfänglichen Reportagen aufgedeckt. Es gibt in allen Medien Formen von investigativem Journalismus, die vor zehn Jahren noch undenkbar waren.

Wird sich das Mediengroßereignis Olympische Sommerspiele 2008 auf die Mediensituation auswirken? Ist mit einer Liberalisierung zu rechnen?

Die Regierung hat den Journalisten zu den Olympischen Spielen freie Arbeitsmöglichkeiten zugesagt. Wie weit das Wahrheit wird, darüber wird nun viel gemutmaßt.

Sie bilden Fernsehjournalisten aus. Was sind Ihre Schwerpunkte?

Mein Fokus ist der praktische Unterricht. In Form von Workshops sollen die Studenten Dokumentarfilme produzieren, in verschiedenen Längen, von 5 bis 60 Minuten. Die Wahl der Themen ist ihnen überlassen. Hauptziel ist, wahre Geschichten möglichst nahe an der Realität in die Erzählsprache bewegter Bilder umzusetzen.

Welchen Stellenwert haben Dokumentarfilme?

Laut offizieller Definition sind Journalisten und Dokumentarfilmer Sprachrohr der Regierung. Aber es gibt zunehmend Filmemacher, die sich über diese Berufsauffassung hinwegsetzen und unabhängig davon produzieren. Diese Werke haben oft internationales Format. Woran es in China mangelt, sind öffentliche Vorführmöglichkeiten für sie.

Woran liegt das?

Im Fernsehen sind ähnlich wie in westlichen Ländern die Sendetermine zugunsten von Unterhaltung und Sport drastisch zurückgegangen. Im staatlichen überregionalen Sender CCTV mit 15 Programmen gibt es praktisch nur eine Redaktion, die künstlerisch wertvolle und aufklärerische Dokus herstellt. Neben der Partei hat auf allen Kanälen die Einschaltquote das Sagen, denn in China finanziert sich das Fernsehen vor allem aus Werbeeinnahmen.

Ist der gesellschaftliche Wandel auch auf dem Campus zu spüren?

Die Zustände an den Unis haben sich in den letzten Jahren erheblich liberalisiert. Dies gilt besonders für die Communication University of China (CUC). Eine Professorin hat das in einer Fernsehsendung so ausgedrückt: Die Lehrer sollen nicht mehr ex cathedra vorschreiben, was richtig und was falsch ist, sie sollen die Studenten zu kritikfähigem Denken und kreativem Handeln erziehen.

Wie sieht die berufliche Zukunft für die Absolventen aus?

Die Zahl der jährlichen Uni-Absolventen ist in den vergangenen vier Jahren von zwei auf rund fünf Millionen emporgeschnellt, Tendenz steigend. 30 Prozent der Abgänger finden keinen studiumsbezogenen Arbeitsplatz. Einer der Gründe: Die Studenten suchen überwiegend ihren Job in den entwickelten Gebieten des Landes. Nun versucht die Regierung, mit finanziellen Anreizen gegenzusteuern.

Das Interview führte William Billows



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