Geförderte Assimilation

Davide Brocchi

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Globaler Handel, Billigflieger und CNN liefern täglich unzählige Möglichkeiten des Kulturaustauschs. Ist die Welt deshalb friedlicher? Gerechter? Vielfältiger? Nein. 


 Kulturaustausch kann positive und negative Auswirkungen haben. Er ist Kommunikation zwischen unterschiedlichen Kulturen, aber nicht automatisch Dialog unter gleichberechtigten Kulturen. Die soziale, politische und wirtschaftliche Ungleichheit innerhalb und zwischen Staaten nimmt durch die Globalisierung zu. Sie hat einen starken Einfluss sowohl auf die Zielsetzung als auch auf den Ausgang des Kulturaustauschs. Eine Asymmetrie ist schon bei der Wahrnehmung der Geschichte erkennbar. Mit seinen Äußerungen zur Christianisierung Lateinamerikas löste Papst Benedikt XVI. im Mai heftige Kritik unter der indigenen Bevölkerung aus. In Brasilien sagte er, dass den Ureinwohnern durch die Verkündung des Evangeliums keine fremde Kultur aufgezwungen worden sei: Die Indianer hätten die Christianisierung vielmehr „still herbeigesehnt“. Während die westlichen Staaten ihre Vergangenheit als Kolonialmächte immer noch verehren, bedeutet sie für die Exkolonien eine lange Erfahrung der Entwürdigung. Eine Entschuldigung wäre angebracht, stattdessen fällt der Westen immer wieder in paternalistische Verhaltensmuster zurück. Sie finden sich auch in der Entwicklungshilfe wieder. Allzu oft betrachten wir „die Afrikaner“ nur als unselbstständige Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Wir warten nicht immer darauf, dass sie uns darum bitten. Bei einigen NGOs ist der ursprüngliche Zweck der Arbeit zum Mittel der Selbsterhaltung geworden: Sie „brauchen“ Bedürftige und nicht nur glückliche Menschen.


 In einem Fernsehinterview zum Thema „Afrika, dem armen Kontinent helfen“ sagte ein Wirtschaftsexperte, dass viele westliche Unternehmen Investitionen in Afrika meiden, weil die dortigen Arbeitskräfte nicht wettbewerbsfähig seien. Sie hätten ein anderes Verständnis von Zeit, das dem internationalen Standard nicht entspricht. Mit anderen Worten: Die einheimischen Traditionen sind schuld an der Armut der Afrikaner. Durch den Kulturaustausch könnten wir diesen Völkern helfen, Abschied von ihren Traditionen zu nehmen und so dem „internationalen Standard“ zu entsprechen. Dabei darf der Süden natürlich selbst bestimmen, ob er arm bleiben will oder sich assimilieren lässt. Der Westen sorgt dafür, dass ihm keine weitere Alternative übrig bleibt. Unsere Touristen reisen gerne nach Thailand oder Kuba – nur selten interessieren sie sich für die einheimische Kultur und die Wirklichkeit hinter den verwestlichten Kulissen. Dieses Desinteresse ist auch in der westlichen Politik und Wirtschaft relativ verbreitet: Für sie existiert nur ein ethnozentrisches lineares Entwicklungsmodell – oder eben die Unterentwicklung. In dieser Logik werden Entwicklungshilfe und Kulturaustausch zu Strategien der Assimilation. Auf der Makroebene sind das die Förderung der Abhängigkeit durch Kredite, Strukturanpassungsprogramme und Demokratisierungsmaßnahmen à la Bush. Dabei wird die Asymmetrie so offensichtlich, dass eine Gegenreaktion vorprogrammiert ist (Lateinamerika macht es vor). Eine „gute“ Alternative sind die kulturellen Strategien. Sie fördern Assimilation auf der Mikroebene der Gesellschaft, auf der unbemerkten Ebene der Beziehungen oder sogar des Unbewussten. So haben die


 Moden und Statussymbole des Westens Afrika, China und Russland erobert, um auch dort zum Inbegriff des Erfolgs zu werden. Die türkischen Migranten fahren Mercedes, die jungen Nigerianer trinken Guinness. Durch die Statussymbole der westlichen Konsumgesellschaft grenzen sie sich von der globalisierten Unterschicht ab. Nach Hollywood soll nun auch das Internet die Entwicklungsländer erobern. Welche Auswirkungen diese Technologien auf andere Kulturen haben, fragt sich kaum jemand. Sind neue Technologien immer gut? Überall? Erst jetzt realisieren wir, wie sehr die Massenmedien unsere eigene Demokratie verändert haben – und manchmal gefährden. Auch an den Universitäten der Exkolonien finden einheimische Kulturen nur selten Platz. Viele Künstler haben eine westliche Ausbildung genossen. Die Konsequenz: Der geförderte Kulturaustausch bringt keine echten kulturellen Unterschiede zusammen. 


 Die westliche Kultur hat sich im Rest der Welt breit gemacht: Gibt es eine vergleichbare Einflussnahme von Fremdkulturen auf den Westen? In Zeiten des Klimawandels täten uns chinesische Fahrräder gut, stattdessen erobert China unsere Märkte mit billigen Autos, die den westlichen überraschend ähnlich sehen. Ein echtes Stück Fremdkultur hat die Migration vielleicht gebracht, aber der Westen betrachtet sie als Gefahr. Den Einwanderern wird eine radikale Assimilationskur verschrieben, die „Integration“ genannt wird. Oft bekommen Künstler nicht einmal ein Visum für Europa. 


 Kein Mensch kann eine solche rationalisierte Respektlosigkeit und Entwürdigung dauerhaft akzeptieren. Es kann deshalb nicht wirklich überraschen, dass heute der Fundamentalismus auf dem Vormarsch ist, in Zeiten des „Kulturmonologs“. 



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