Mehr als nur ein Spiel

von Jèrôme Cholet

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Die kommende Fußball-Weltmeisterschaft ist für Südafrika weit mehr als nur ein sportliches Großereignis. Die junge Demokratie kann sich 2010 der Welt präsentieren und zeigen, dass sie die Vergangenheit der Apartheid hinter sich gelassen hat. Die Überwindung der Rassentrennung im Fußball ist das Ziel der „School of Excellence“ vor den Toren Johannesburgs. Das Internat bildet nicht nur die nächste Generation der Fußballprofis aus, sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag für Chancengleichheit und Versöhnung.

„Natürlich will ich Nationalspieler und Weltmeister werden, am besten schon in drei Jahren“, so der elfjährige Bongani Manana. Der Junge ist zwar gerade erst als jüngster Schüler in die südafrikanische Fußballschmiede aufgenommen worden, aber der WM-Virus hatte ihn natürlich schon vorher befallen. „Ich möchte die Spiele 2010 nicht nur im Fernsehen verfolgen, ich möchte dabei sein“ sagt Bongani, „am liebsten auf dem Spielfeld, dafür tue ich alles.“ Was harte Arbeit bedeutet, hat er bereits erfahren. Über zwölf Monate erstreckten sich die Auswahlturniere der School of Excellence, Südafrikas renommiertem Fußballinternat, das vom nationalen Fußballverband SAFA und einem privaten Sponsor finanziert wird. Aus mehreren hundert Aspiranten wurden 25 Nachwuchstalente ausgewählt. Bongani konnte die Jury mit seiner Schnelligkeit und seinen raffinierten Tricks überzeugen, musste sich aber auch gleich harter Kritik stellen. Im Stile eines langjährigen Profis analysiert er seine Schwächen. „Ich muss an meiner Torbilanz arbeiten“ sagt er, „und wachsen, damit die Großen mehr Respekt vor mir haben.“

Bonganis Eltern stammen aus dem von Südafrika vollständig eingeschlossenen Nachbarstaat Swasiland, das in den Entwicklungsstatistiken weit hinten liegt und noch immer nicht demokratisch regiert wird. Die Familie lebt zu sechst in einem kleinen Haus in einem Township in Vaal, hundert Kilometer von Johannesburg entfernt. Dass ausgerechnet Bongani in die Elite-Schule aufgenommen wurde, rührt die Eltern zu Tränen. „Eigentlich interessierte er sich mehr für Kampfsport“ sagt Vater Justice Manana, „mit Fußball hat er erst vor wenigen Jahren begonnen. Wir verdanken es seinem Coach, dass unser Sohn es so weit gebracht hat.“ Schließlich war er es auch, der dem Jungen hin und wieder die Busfahrten zu den Auswahlspielen bezahlte.

Fußball hat zwar eine lange Tradition in Südafrika, die Förderung des vor allem in der schwarzen Bevölkerung beliebten Sports steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Die School of Excellence hält bei ihrer Talentsuche vor allem in den marginalisierten Townships Ausschau. Insgesamt gelten 47 Prozent der Menschen als arm. Dabei trifft es vor allem die schwarze Bevölkerung, noch immer lebt über die Hälfte mit weniger als einem US-Dollar am Tag. Doch wachsen gerade in den Townships die Kicker-Talente heran, die dann mit einem Vollstipendium bei Johannesburg lernen dürfen. Neben der Ausbildung zum Profi-Fußballer bietet die Schule ausgezeichneten Unterricht, Einzelzimmer und drei gesunde Mahlzeiten am Tag.

Bonganis Eltern sehen ihren Kleinen allerdings nur noch alle drei bis sechs Monate in den Ferien. Für Besuche am Wochenende reicht das Geld nicht. Doch für Heimweh bleibt auch kaum Zeit. Täglich stehen neben sechs Stunden Schule noch vier Stunden Training auf dem Stundenplan. Und am Abend müssen die Hausaufgaben erledigt werden. In der School of Excellence wird nicht nur Englisch, Afrikaans, Mathematik und Wirtschaft „trainiert“, sondern auch das Dribbeln, Flanken und Köpfen – und am Wochenende finden regelmäßig Turniere statt. Zuletzt spielte die jüngste Klasse gegen die südafrikanische Frauen-Nationalmannschaft. „Die Profis schätzen die Lehrstunden mit unseren Kleinen“ berichtet Coach James Mabena stolz, „leider können wir die Kinder erst sehr spät zu uns holen, da wir nicht so viel Geld haben. Also müssen wir sie häufiger auf das Spielfeld schicken. Schließlich sollen sie es irgendwann mit der Konkurrenz aus Brasilien, Deutschland oder England aufnehmen. Südafrika sollte wie beispielsweise in der Wirtschaft auch endlich im Sport den Ton in Afrika angeben.“

Dafür arbeiten die Lehrer und Trainer der School of Excellence eng zusammen. „Natürlich kommt es manchmal zu Spannungen“ berichtet die Vize-Direktorin Elisabeth van Vuuren, „denn die Schüler würden am liebsten die ganze Zeit auf dem Bolzplatz verbringen.“ Doch das Kollegium vertritt den Standpunkt, nicht nur großartige Sportler ausbilden zu wollen, sondern auch tüchtige Geschäftsmänner. Auch Fußball soll in Südafrika einen Beitrag zur African Renaissance leisten, zur umfassenden Wiederauferstehung des Kontinents, die sich der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki auf die Fahnen geschrieben hat. Van Vuuren ist eine der wenigen weißen Lehrerinnnen, ihr Unterrichtsfach ist Afrikaans, doch auch sie trägt dieses Programm stolz mit. Auch wenn es an einigen Stellen noch hakt. Die meisten Schüler sind Zulus oder Xhosa, jedoch reichen die finanziellen Mittel der Schule noch nicht, auch ihre Sprachen fächerübergreifend anzubieten. „So sprechen die Schüler alles durcheinander, immerhin gibt es elf offizielle Sprachen in Südafrika“ so van Vuuren, „doch gerade auf dem dem Rasen könnte uns das Kauderwelsch einen Vorteil gegenüber den anderen Teams verschaffen, quasi als Geheimsprache.“

Spätestens auf dem Spielfeld kommt die kulturelle Vielfalt, wegen der Südafrika auch „Regenbogennation“ genannt wird, also zur vollen Geltung. Doch bislang schnitt die Fußball-Nationalmannschaft „Bafana, Bafana“ international schlecht ab. Nach jahrzehntelanger Isolation wegen der Apartheid-Politik fand das erste Länderspiel Südafrikas erst wieder 1992 statt. Nach einem kurzen Höhenflug dümpelte die Nationalmannschaft jedoch bis zuletzt nur auf den letzten Plätzen vor sich hin. Die „Jungs“ so ihr Zulu-Spitzname, stehen in dem FIFA-Ranking an 61. Stelle – noch hinter Usbekistan, Guinea und Panama. Und auch aus dem Africa-Cup im Februar letzten Jahres gingen sie tor- und sieglos hervor. Der Chef des südafrikanischen Fußballverbandes (SAFA) Raymond Hack musste eingestehen: „Wir sind ganz unten angekommen, weiter runter geht es nicht mehr.“ Mit dem neuen Trainer Carlos Alberto Parreira und intensiver Nachwuchsarbeit soll das Tal jedoch bald durchschritten sein. Zwar sind die Unterkünfte der Nachwuchskicker immer noch trist und grau, die Trikots den Jungen noch viel zu groß und die Spielfelder abgenutzt – beklagen würde sich in der School of Excellence jedoch niemand. „Die Schule bietet vor allem schwarzen Kindern eine große Chance“ sagt Coach James Mabena, „sie verschafft ihnen nicht nur Anerkennung, sie gibt ihnen auch Hoffnung. Dabei versuchen wir die Motivation für den Sport auch bei den schulischen Leistungenzu nutzen.“

So lernen die 120 Schüler im Englischunterricht vor allem frei zu sprechen, in Wirtschaftslehre werden die Bilanzen der großen Fußballvereine unter die Lupe genommen und in Biologie die Hintergründe von Ausdauer und Kondition beleuchtet. Die Weltmeisterschaft 2010 im eigenen Land ist ein besonderer Anreiz.

Das WM-Fieber auf afrikanischem Boden erfasst bereits immer weitere Teile der Bevölkerung – über Hautfarben, Altersgrenzen und Bildungsunterschiede hinweg. „Fußball ist eine echte Bewegung geworden“ so FIFA-Generalsekretär Urs Linsi, „kein anderer Sport auf der ganzen Welt ist so attraktiv. Alle Kulturen und Religionen sind dabei.“ Zwischen Durban und Johannesburg, Pretoria und Port Elizabeth beherrschen die WM-Vorbereitungen schon seit Monaten die Gespräche der Menschen. Südafrika möchte beim zweitgrößten Sportereignis nach den Olympischen Spielen überzeugen, der Ehrgeiz verbindet bei der Austragung ebenso wie auf dem Spielfeld. Dreizehn Jahre nach Ende der Rassendiskriminierung und Einführung der Demokratie scheint das runde Leder das Land zu vereinen und bietet der jungen Nation endlich die Möglichkeit, sich der Welt zu präsentieren. Dabei verhehlen die Südafrikaner nicht, dass sie stolz auf ihren langen Weg zur Freiheit sind und die WM auch als Krönung ihres eigenen Entwicklungsweges sehen. Groß sind die Hoffnungen, dass noch Nelson Mandela dem Sieger in drei Jahren den Pokal überreichen könnte.

„Zum ersten Mal richtet eine so junge Nation eine WM aus. Wenn man sich ansieht, was die südafrikanische Gesellschaft in nur dreizehn Jahren erreicht hat, kann man sie nur beglückwünschen“ meint auch Urs Linsi, der gerade von einer Inspektion aus Südafrika zurückgekehrt ist. „Zudem hat der afrikanische Kontinent der Welt unglaublich viel gegeben. Ohne die Spieler aus Afrika hätte der internationale Fußball nicht seinen heutigen Standard.“ Und nachdem es anfangs zu Verzögerungen gekommen war, liegt nun auch der Bau der Stadien im Zeitplan. Die Regierung investiert kräftig in Flughäfen, Straßen und das Verkehrswesen des Landes. Die Weltmeisterschaft wird also auch zum Anlass genommen, das Land zu modernisieren.

Das südafrikanische Nationalteam ist als Gastgeber glücklicherweise automatisch qualifiziert. Den Schülern der School of Excellence bleiben also noch drei Jahre, um sich zu empfehlen. „Alle sagen mir: Du bist gut. Du schaffst es, wenn du nicht aufgibst“ erklärt Bongani. Nur zu gern würde er dann mit Steven Pienaar das gelb-grüne Nationaltrikot tragen. Immerhin hatte der Nationalspieler auch an der School of Excellence angefangen, spielt heute bei Borussia Dortmund und wird sicher für Südafrika ein Tor schießen. „Und wenn das nicht klappt, dann halt später“ sagt Bongani, „Hauptsache wir sind vorn mit dabei.“



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