„Wir schlafen nicht normal“

Brigitte Steger

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Schlafen Menschen weltweit unterschiedlich? 
 Genetisch hat man bisher keine Unterschiede festgestellt, aber in der Sozialisation. Wenn Sie sich an Ihre Kindheit erinnern: zu bestimmten Zeiten ins Bett zu gehen oder alleine in einem Bett zu schlafen sind Gewohnheiten, die Ihnen von Ihren Eltern antrainiert wurden. Wir lernen, regelmäßig zu bestimmten Zeiten aufzustehen, wenn wir in die Schule kommen. Alles eine Frage des Trainings und der Selbstmanipulation. Schlafverhalten ist eine Mischung aus natürlichen und individuellen Bedürfnissen. Das Schlafverhalten unterscheidet sich in verschiedenen Ländern sehr stark voneinander. Es kommt auf Glaubensfragen in der jeweiligen Kultur an: Was ist gesund? Was gehört sich? Ein westlicher Gedanke ist zum Beispiel, dass man schläft, um ausgeruht zur Arbeit zu kommen. 
 
Beeinflussen die geografische Lage oder klimatische Bedingungen das Schlafverhalten? 
 Natürlich. Aber ein bestimmtes Klima ruft nicht zwangsläufig ein bestimmtes Schlafverhalten hervor. In China etwa spielten früher vor allem ideologische Gründe eine Rolle. Mao ließ 1950 für die arbeitende Bevölkerung das Recht auf Ausruhen in der Verfassung festhalten. So wurde unabhängig vom Klima der einzelnen Regionen der Mittagsschlaf institutionalisiert. In Spanien wiederum wurde im vergangenen Jahr für Beamte die Siesta abgeschafft. Im Zuge der Europäisierung sollen die Zeiten, in denen die Beamten zu erreichen sind, angeglichen werden. 
 
Warum sollten wir uns mit unserem Schlaf auseinandersetzen? 
 Wir sollten von der Selbstverständlichkeit wegkommen, dass unsere Schlafgewohnheiten normal sind. Andere Schlafmuster können sowohl sozial als auch gesundheitlich gut sein. Wir können lernen, Verhaltensweisen nachzuvollziehen, die nicht den eigenen sozialen Regeln entsprechen und dadurch zunächst merkwürdig erscheinen. Japan, wo die Menschen nachts oft nur wenig, aber am Tag öfter schlafen, ist wirtschaftlich sehr erfolgreich, und die Japaner haben die höchste Lebenserwartung weltweit. 
 
Welche Unterschiede gibt es beim Schlafverhalten? 
 Das Schlafverhalten lässt sich grob in drei Kategorien einteilen: die Mono-, Bi- und Polyphasenschlafkulturen. Bei uns ist die Ansicht verbreitet, dass Erwachsene idealerweise acht Stunden am Stück, also monophasisch, schlafen. Allerdings ist das eine relativ seltene Schlafform. Wenn ich nur einmal schlafen darf, muss der Nachtschlaf stark abgesichert sein. Nächtliche Störungen sind viel dramatischer, wenn ich am Tag nicht schlafen kann. Man ist einfach unflexibel. Ein Student im Studentenwohnheim in Japan erzählte mir, dass sich die Deutschen und die Schweizer am meisten über Lärmbelästigung aufregen. Andere sind da viel toleranter, weil sie besser damit umgehen können.
 
Was machen die Siesta-Kulturen anders? 
 Nachmittags hat man ein Leistungstief, man kann dann entweder Kaffee trinken oder schlafen. In China und Taiwan ist Mittagsschlaf auch üblich, allerdings in anderer Form. In der Schule wird den Kindern angewöhnt, ungefähr 15 Minuten am Tisch zu schlafen. Und in taiwanischen Büros wird das Licht ausgemacht und jeder schläft mit dem Kopf auf seinem Tisch.
 
Wie sieht dagegen eine Nickerchen-Kultur aus?
 Es gibt eine Nachtschlafphase, die etwas kürzer, vor allem aber nicht so stark geschützt ist. Gesamtgesellschaftlich schlafen die Leute während des Tages immer wieder, und zwar dann, wenn sie die Möglichkeit dazu haben und müde sind. Entweder zieht man sich zurück oder man schläft in der Öffentlichkeit. Das ist die flexibelste Form, aber es bedeutet auch, dass man nicht darauf beharren kann. 
 
Wie lange muss jeder Mensch mindestens schlafen? 
 Das ist individuell sehr unterschiedlich. Manche Leute brauchen tatsächlich neun Stunden, bis sie leistungsfähig sind. Oder auch noch mehr. Einstein ist ein berühmtes Beispiel, er schlief zehn Stunden. Napoleon hingegen ist ein Beispiel für vier Stunden Schlaf. 
 
Verändert sich das Schlafverhalten durch die Globalisierung? 
 Schlaf hat viel mit Arbeitsorganisation und Produktionsbedingungen zu tun. Durch die Globalisierung wird der Schlafrhythmus flexibler. In der Vormoderne war der Polyphasenschlaf in vielen Ländern verbreitet. Bei uns wurde der Monophasenschlaf stark durch die Modernisierung und die Industrialisierung geprägt, da genaue Arbeitszeiten und längere Anfahrtswege das Zeitfenster zum Schlafen eingegrenzt haben. Ist die Arbeit flexibler und zeitlich weniger stark geregelt, wird mehr individuelle Schlafgestaltung zugestanden. In der Moderne ging es darum, den Mensch an die Institutionen anzupassen. In der Schlafforschung gibt es jetzt die Tendenz, die Leute individueller zu sehen, sie haben unterschiedliche Bedürfnisse. 
 
Warum wird zu Schlaf geforscht?
 Die Schlafforschung ging sehr stark vom US-Militär aus. Wenn Soldaten übermüdet sind, treffen sie Fehlentscheidungen und das ist tödlich. Nirgendwo gibt es eine derart starke Kosten-Nutzen-Rechnung wie beim US-Militär. Das lässt sich aber auch in den zivilen Bereich übertragen. Man weiß, dass viele große Unfälle, Tschernobyl zum Beispiel, in den frühen Morgenstunden passiert sind. Offenbar waren die Leute übermüdet, konnten nicht so schnell denken und auf Probleme nicht adäquat reagieren. 
 
Ist Schlaf immer ein Gesellschaftsphänomen?
 Im Prinzip ja, aber Sie werden in jedem Land Leute finden, die nur einmal nachts oder mehrfach am Tag schlafen. Nehmen Sie Indien: Da finden Sie alle drei Schlaftypen. Das liegt an der Größe des Landes. Aber auch schichtspezifisch gibt es Unterschiede. Die eher westlich Orientierten folgen dem Monophasenschlaf – am Wochenende jedoch häufig nicht. Die Hausfrauen schlafen tagsüber, ihre Männer nicht, am Wochenende aber schon. Die ärmeren Bevölkerungsschichten, die zum Teil obdachlos sind, schlafen, wenn es sich ergibt. Den Kindern aus der Mittelschicht wird häufig gesagt: Du musst lernen, lernen, lernen. Wenn diese dann dabei einschlafen, ist es wiederum in Ordnung. Das ist ähnlich wie in Japan mit dem Inemuri.
 
Was ist inemuri? 
 Es gibt in Japan viele unterschiedliche Begriffe für Schlaf und auch für Tagesschlaf. Einer davon ist inemuri. Das Wort setzt sich zusammen aus dem Schriftzeichen „i(ru)“ also „anwesend sein“ und „nemuri“ „Schlaf“.Inemuri bedeutet zu schlafen, während man eigentlich etwas anderes tut, vergleichbar mit unseren Tagträumen . Es ist nur in Situationen, in denen man sich nicht aktiv einbringen muss, erlaubt. Während eines Vortrags zum Beispiel. Dabei muss die Körperhaltung so aussehen, als würde man nicht schlafen. Aufrecht sitzen, nichts an der Kleidung verändern, den Gürtel aufmachen oder so. Zum Teil haben die Leute noch etwas in der Hand und schlafen dabei. Und im Zug schläft in Japan wirklich jeder: einsteigen, Platz suchen, Tasche auf den Schoß nehmen, die Hände darüber legen, Kopf hängen lassen – und zack, weg sind sie. 
 
Gibt es Unterschiede im männlichen und weiblichen Schlafverhalten?
 Ja, es gibt große Unterschiede. Hormone spielen beim Schlafverhalten eine wichtige Rolle. Frauen schlafen vor der Menstruation relativ schlecht und dann ab dem zweiten Tag wieder besser. Aber der wichtigere Unterschied ist ein sozialer und kein biologischer. In den meisten Gesellschaften sind die Frauen für die Kinder zuständig. Sie wachen auf, wenn das Kind schreit. Männer kümmert das oft nicht eine bestimmte Hirnregion unterscheidet, welche Signale so wichtig sind, dass ich aufwache und welche nicht. Frauen erachten das Schreien als relevant für sich, die meisten Männer nicht. Sie reagieren auf andere Signale aus der Umwelt. Bei den Japanern erklärt das auch, warum jeder an „seiner“ Metrostation aufwacht. In Japan schlafen übrigens Frauen durchschnittlich 15 bis 25 Minuten weniger als Männer. In Holland ist es genau umgekehrt. 
 
Schlafen Sie selbst gut? 
 Unterschiedlich. Inemuri habe ich nach einer Weile in Japan ziemlich gut gekonnt. Ich glaube, ich schlafe einfach ein wenig bewusster als andere Leute. 

Das Interview führte Johanna Barnbeck



Ähnliche Artikel