Die Schatten der Vergangenheit

von Lorenzo Podestà

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Die Debatte über die sogenannten „anni di piombo“ (Bleierne Jahre) spiegelt ein Bild Italiens wider, das vom bewaffneten Kampf gekennzeichnet ist. Die Frage des gesellschaftlichen Umsturzes und der Subversion ist bis heute in den politischen Institutionen präsent und indirekt im täglichen Leben von Millionen Italienern gegenwärtig. Dies gilt besonders für das Thema Arbeit. Stets gab es dabei Menschen, die auf dem Terrain der parlamentarischen Auseinandersetzung gekämpft haben, während sich andere immer noch der Instrumente des Terrorismus bedienen. Man braucht nur daran zu erinnern, dass Marco Biagi, Universitätsprofessor und damaliger Berater des Arbeitsministers, im Jahre 2002 von den Roten Brigaden ermordet wurde. Die Gesetzesregelung, die eine neue Flexibilität in die Arbeitsverträge einführte, war der Grund für Biagis Ermordung.

Dies ist nur ein Beispiel, um die Aktualität des Themas Arbeit zu verdeutlichen. Von welch zentraler Bedeutung es für das Leben in Italien ist, versteht man, wenn man den Artikel 1 der Verfassung liest. Dort heißt es: „Italien ist eine auf der Arbeit gegründete demokratische Republik.“ Ausgerechnet das fundamentale Prinzip, auf dem die gesetzliche Ordnung aufbaut, wurde also zur blutigen Kulisse für den Zusammenprall des Staates mit dem brigatistischen Anti-Staat. In diesem Zusammenhang steht die Debatte über eine mögliche Freilassung der für in den 1970er und 1980er Jahren begangene politische Verbrechen Verurteilten. Dieser Streit zeitigt keine konkreten Ergebnisse. Einigen erscheint es angebracht, die Ex-Terroristen aus dem Gefängnis zu entlassen, anderen wiederum nicht. Befürworter und Gegner ziehen sich dabei quer durch die beiden großen politischen Lager.

Hier scheint es angebracht, einen Schritt weiter zurückzugehen. Die 1960er Jahre waren gekennzeichnet von der Rebellion gegen die Verfasstheit sowohl religiöser als auch weltlicher Institutionen. Maßnahmen und Regelungen zu Ehescheidung und Abtreibung waren Schritte zu einer säkularisierten und voll emanzipierten Gesellschaft. Die Studentenbewegung, die Gewalt in den besetzten Universitäten und die starren Schemata der marxistischen Doktrin sollten dann der Improvisation, den pazifistischen Slogans und der neuen orientalischen Spiritualität das Feld überlassen. Für den unnachgiebigsten Flügel des politischen Engagements stellte sich das „Settantasette“ (das Jahr 1977) als Unglück heraus. Für die von den Barrikaden Heimkehrenden war es ein Schock, in den Städten Prediger in orangefarbenen Kleidern herumlaufen zu sehen, gerade aus Indien zurückgekehrt, um jenes neue spirituelle Gedankengut zu verbreiten.

Es wäre also falsch zu übersehen, wie viel Revolutionäres auch von anderen, größeren Gruppen geäußert wurde, weit entfernt vom Versuch, den Staat mit Waffengewalt zu bezwingen. Gerade als das Land von einem Kampf überzogen war, in dem die „kämpfenden Kommunisten“ den Richtern, Professoren, Industriellen, Journalisten und Politikern gegenüberstanden, gab es auf den italienischen Plätzen Menschen, die gewaltlos und kreativ für den Frieden kämpften. Seinen offensichtlichsten Ausdruck fand dieses Phänomen 1977. Fantasie und Kreativität prägten den Geist vieler junger Menschen, so wie es schon einmal 1968 geschehen war. Nur dass sich in der Zwischenzeit die Grammatik der Politik eben radikal geändert hatte.

Dieses Jahr, dessen „30. Geburtstag“ derzeit begangen wird, löste kräftige Reibungen zwischen der „geordneten Linken“ und den autonomen extraparlamentarischen Gruppen aus. Deren nie ganz leichte Beziehung kulminierte in der Jagd auf den Gewerkschaftsführer Luciano Lama an der Universität Rom am 17. Februar 1977. Es war dies der Anlass, der die nach Jahren des Streits über die Rolle der Parteien in der Gesellschaft aufgestauten Spannungen explodieren ließ. Auf der einen Seite die Studenten mit ihrer Sehnsucht nach Freiheit, auf der anderen der von der Kommunistischen Partei unterstützte CGIL (Italienischer Gewerkschaftsbund). Ein zentrales Moment des Konfliktes waren aber vor allem die freien Radiosender. Neu war ihre konsequente Selbstverwaltung in einer bis dahin bigotten, fest zementierten und scheinheiligen Kommunikationswelt. Ganz besonders galt dies für das libertäre Radio Alice in Bologna. Eigene Musik, Ideen, Projekte und Vorschläge ohne den Filter der staatlichen Zensur präsentieren zu können, setzte die Grenzen neu und ließ die eigenen Erfahrungen mit der umgebenden Welt in Kontakt treten.

Aus heutigem Blickwinkel hat man den Eindruck, dass die mit dem damaligen Radio Alice verbundene Erfahrung vergleichbar ist mit den Chancen, die heutzutage das Internet all denjenigen bietet, die die aktuellen Kommunikationsmöglichkeiten ausreizen und auf die Probe stellen wollen. Letztlich erinnert die „Räumung“ der Schulen Diaz und Pascoli am 22. Juli 2001 während des G8-Gipfels in Genua stark an das Eindringen in die Räumlichkeiten des Radiosenders in Bologna am 12. März 1977. Zwischen den beiden Ereignissen liegt fast ein Vierteljahrhundert, doch ist das Thema Meinungsfreiheit immer noch aktuell.

Aus diesem Grund wird über das Jahr 1977 noch heute intensiver als über andere Jahre diskutiert: Es zeigt den Archetyp eines Gesellschaftsmodells auf, das dem jugendlichen Protest gegenüber den „starken Mächten“ ausgesetzt ist. Gestern waren dies der reaktionäre Staat, die Hierarchien der Kommunistischen Partei, der Entwurf des „demokratischen Zentralismus“ und der Ford-Kapitalismus. Heute sind es die Globalisierung der multinationalen Konzerne, die wirtschaftlichen Konzentrationen und der Neoliberalismus der Konsumgesellschaft. Man konnte 1977 sein Leben verlieren, so wie der Medizinstudent Francesco Lo Russo bei einer Protestaktion in Bologna am 11. März jenes Jahres. Man konnte auch im Jahre 2001 sterben, so wie der junge Carlo Giuliani, der während einer Straßenschlacht im Rahmen von Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua am 20. Juli 2001 von der Kugel eines Carabiniere getroffen und dann überfahren wurde. Es scheint unmöglich, hier keine Analogien zu erkennen: ein öffentlicher Platz, eine Demonstration, und der Staat, der mit Waffengewalt eingreift.

Die Beispiele von Gewalttätigkeit seit den 1970er Jahren sind zahlreich. Allein 1977 fanden mehrere öffentliche Personen den Tod durch die Roten Brigaden. Unter ihnen war auch der Journalist der Tageszeitung „La Stampa“, Carlo Casalegno, der am 16. November von einem Brigaden-Kommando schwer verletzt wurde und 13 Tage darauf seinen Verletzungen erlag. 26 Jahre später stirbt der Bahnpolizist Emanuele Petri bei einer Schießerei in einem Zug zwischen Rom und Florenz. Wieder bekennen sich die Roten Brigaden, inzwischen neu organisiert, zu dem Mord.

Die Todesfälle von Giuliani und Petri veranschaulichen Verlauf und Wiederkehr der Geschichte, sie sind wie ein roter Faden, der weit auseinanderliegende Schicksale verknüpft. Man spricht noch heute davon, was nicht verwundert bei der Vielzahl der Berichte. Zugleich kam in jener „Nacht der Republik“ viel Positives zum Ausdruck. In diesem Sinne war 1977 nämlich eines der herausragendsten Beispiele für die politische Ausdrucksfähigkeit in Italien. Jenes Jahr liefert uns heute eine Menge an dokumentarischem Material, um ein höchst komplexes und heterogenes Phänomen verstehen und analysieren zu können. Letztlich bleibt „libertär“ der kleinste gemeinsame Nenner einer Epoche, die außergewöhnlich reich an künstlerischen, von der revolutionären Spannung durchdrungenen Talenten war.

Für einige davon, die „ernsthaften Militanten“, wie sie der Liedermacher Francesco Guccini nennt, war jene Bewegung wenig mehr als ein spätpubertärer Ausdruck jugendlicher Ziellosigkeit und Zeitverschwendung. Für andere wiederum war das „Settantasette“, trotz aller Widersprüche, die jede spontane anarchoide Äußerung mit sich bringt, ein zutiefst poetisches, unvergessliches und von Freiheit erfülltes Jahr. Während das Land von Schießereien und Straßenschlachten heimgesucht wurde, gab es andere, die schrieben, tanzten, spielten, malten und die freie Liebe praktizierten. In einem Wort: Sie lebten ihr Leben, indem sie es von Waffen befreiten.

Heute ziehen andere, neue Themen die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Instabilität der Regierung, der Arbeitsmangel und die Umweltproblematik. Es sind in Italien breit diskutierte, massenkompatible Themen. Jeder hat seine Meinung zur zunehmenden Trockenheit, alle erinnern sich an die Zeit, als die Arbeitsplätze sicher waren. Die Beziehung zwischen dem bewaffneten Kampf der 1970er Jahre und den Umwälzungen, die das dritte Jahrtausend mit sich bringt, ist jedoch eher Teil einer vertiefenden Fragestellung, über die vor allem in gebildeten Kreisen debattiert wird.

Die Erinnerung an das „Settantasette“ halten insbesondere die Verlage hoch. In letzter Zeit sind eine Reihe von Büchern erschienen, die sich dem unter dem Motto „fantasia al potere“ (Fantasie an die Macht) bekannten Jahr widmen. Eines ist sogar mit dem ironischen Titel „fantasia al podere“ (Fantasie auf den Gutshof) versehen worden. Damit wird der unternehmerische Weg verspottet, den viele der damaligen Autonomen eingeschlagen haben, die mittlerweile häufig teure Landgasthäuser an den exklusivsten Orten des „Belpaese“ betreiben.

In jedem Falle aber waren, so lässt sich sagen, die 1970er Jahre die Keimzelle einer Bewegung, die nach der Jahrtausendwende mit neuem Elan das Thema des „Nein zum Krieg – ohne Wenn und Aber“ wieder hat aufleben lassen. Eine Menschenmasse, die in der Lage war und ist, die italienische Außenpolitik zu kritisieren und mit der Wahl im Mai 2006 sogar die italienisch-amerikanische Achse zwischen Berlusconi und Bush zum Einsturz gebracht hat. Das Erbe des „Settantasette“ liegt in den Herzen der jungen Leute, die heute wie damals der Parteipolitik fernstehen, aber gleichzeitig auf der weltpolitischen Bühne präsent sind, dank der Globalisierung des Protests. 

Aus dem Italienischen von Ralf Oldenburg



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