Clinton, dein Freund und Helfer

von Saskia Drude

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Bill Clinton grüßt jeden, der vom Flughafen in die Stadt kommt, mit einem freundlichen Winken. Das Plakat mit dem acht Meter hohen Bild des früheren US-Präsidenten hängt an einer zwölfstöckigen Hauswand hoch oben über dem Bill-Clinton-Boulevard in Priština, der Hauptstadt des nach Unabhängigkeit von Serbien strebenden Kosovo. Der Polizist, der unten auf dem Boulevard den Verkehr regelt, trägt eine Mütze, die einer New Yorker Polizeiuniform der 1920er Jahre nachempfunden ist. Am Zaun gegenüber klebt ein Plakat zum amerikanischen Thanksgiving-Day vom vergangenen Jahr: „Thank you, America!“

Dass in einer Stadt mit überwiegend moslemischer Bevölkerung eine derartige USA-Begeisterung herrscht und eine zentrale Verkehrsader an einen amerikanischen Präsidenten erinnert, ist weltweit wohl einmalig. In Bill Clintons Amtszeit fielen im März 1999 die ersten NATO-Bomben auf jugoslawische Ziele – 78 Tage später war der Kosovo-Krieg beendet und der Vertreibung der Kosovo-Albaner durch serbische Truppen Einhalt geboten. Auch der damaligen US-Außenministerin Madeleine Albright und General Wesley Clark, dem damaligen Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte, wurden Straßen gewidmet. Selbst Eliot Engel, Lobbyist für albanische Belange im US-Repräsentantenhaus, wurde schon zu Lebzeiten Namenspatron einer Straße.

Andere Straßen wurden nach Kriegsende eilig nach kaum bekannten albanischen Freiheitskämpfern, Politikern und Schriftstellern benannt selbst die Taxifahrer der Stadt können nichts mit den neuen Straßennamen anfangen. Stattdessen orientieren sie sich an Landmarken wie Moscheen, Banken oder Geschäften. Das kann das Restaurant „California“ sein oder die Konditorei „Boston“, die Cafés „Dallas“ oder „Manhattan“, die Buchhandlung „Harvard“, der Supermarkt „Alaska“, das Hotel „Victory“ mit der Kopie der New Yorker Freiheitsstatue auf dem Dach oder auch die Boutique „Hillary“ am Bill-Clinton-Boulevard.

„Die Albaner lieben uns“, sagt Robert Curis, der seit 2001 im Kosovo arbeitet. „Wenn ich mal zu schnell fahre, drückt die Polizei ein Auge zu, nur weil ich Amerikaner bin.“ Curis ist Dekan der American University in Kosovo (AUK), die seit 2003 Kurse in Wirtschaft, Management und anderen Fachrichtungen durchführt. „Das Programm und die meisten Dozenten kommen aus Amerika“, sagt Curis, „aber finanziert wird die AUK vollständig aus kosovo-albanischen Mitteln.“

Amerikanische Hilfe für Wiederaufbau und Demokratisierung im Kosovo kommt von der staatlichen Agentur USAID, aber auch von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen. Etwa ein Dutzend großer NGOs sind noch im Kosovo tätig. Kristin Griffith arbeitet bei einer der drei US-amerikanischen, beim Mercy Corps in Priština. Wenn Griffith die Dörfer im Zentralkosovo besucht, hört sie immer dasselbe: „Bill Clinton und Gott haben das Kosovo gerettet“. Der anfängliche Enthusiasmus habe seit dem Krieg nur wenig abgenommen, sagt sie: „Kosovo ist eines der wenigen Länder in der Welt, wo wir Amerikaner noch uneingeschränkt willkommen sind.“

„Die Amerikaner sind unsere Freunde“, sagt auch Faik Fazliu, „sie waren schon immer auf der Seite der Albaner.“ Fazliu hat in den letzten Kriegswochen als 22-Jähriger ein Bein verloren. Jetzt ist er Vorsitzender der Vereinigung von Kriegsveteranen und Kriegsversehrten der aufgelösten kosovarischen „Befreiungsarmee“ UÇK. „Schon 1998 erhielt die UÇK die meisten ihrer Waffen aus den USA“, erinnert sich Fazliu. US-Albaner unterstützten die UÇK, indem sie in den USA Waffen vom Sturmgewehr bis zum Granatwerfer kauften – im großen Stil und völlig legal. Sie wurden über Albanien ins Kosovo geschafft. Nach Kriegseintritt betrieben die Amerikaner in Albanien Ausbildungslager für die Kämpfer der UÇK.

Seit 1999 sind US-amerikanische Militärs im Rahmen der internationalen KFOR-Mission im Kosovo tätig. Ihr Camp Bondsteel bei Ferizaj (serbisch: Uro seva´c) ist das größte US-Militärlager in Europa. Von hier aus fahren die US-Soldaten im Zuständigkeitsbereich ihres Kontingents auf Patrouille. Auf 99 Jahre gepachtet, reicht die langfristige strategische Bedeutung von Camp Bondsteel weit über das Kosovo mit seinen zwei Millionen Einwohnern hinaus. Es wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle als militärischer Stützpunkt der Amerikaner auf dem Balkan spielen.

Die langfristigen Interessen der Amerikaner im Kosovo sind für den jungen Kriegsveteranen Fazliu eher zweitrangig, Hauptsache die Zusammenarbeit klappt gut. Er glaubt, das Kosovo werde in zehn Jahren ein unabhängiger Staat sein, mit Respekt für alle Minderheiten, als Bedingung für die guten Beziehungen des Kosovo zum Westen. Wie viele Kosovaren sehnt Fazliu den Tag herbei, an dem im UN-Sicherheitsrat über den Status des Kosovo entschieden wird – voraussichtlich in den nächsten Wochen. Während sich die EU-Staaten bislang nicht auf eine gemeinsame Linie einigen können, möchten die USA das Kosovo lieber gestern als heute unabhängig sehen. Die Loyalität der Kosovaren ist ihnen dann so sicher wie in kaum einem europäischen Land, ganz zu schweigen von der Rolle Kosovos als amerikanischer Vorposten in der islamischen Welt.

Im vorwiegend serbisch bewohnten Norden des Kosovo sieht man die USA kritischer: als Betreiber der Abtrennung des Kosovo von Serbien und als Verbündete der Albaner bei der Vertreibung der Serben aus dem Kosovo. Die noch im Kosovo verbliebenen etwa 100.000 Serben konzentrieren sich im Norden der Provinz und einigen Enklaven. „Fuck the Cola, Fuck the pizza, All we need is Slivovitza“, steht auf Postkarten und Plakaten im Souvenirshop auf der serbischen Seite der geteilten Stadt Mitrovica (serbisch: Kosovska Mitrovica). Die Serben bauen auf die traditionelle Unterstützung aus Moskau, die derzeit weiter ausgebaut wird. Russland verweist gerne auf die Signalwirkung des Kosovo für Provinzen wie Ossetien und Abchasien, an deren Abtrennung vom Mutterland es nicht interessiert ist. Für Moskau ist die Kosovo-Frage zusätzlich ein Mittel, um auf der internationalen Bühne Präsenz zu zeigen. Die Entscheidung im UN-Sicherheitsrat zugunsten eines kosovarischen Staates gilt durch ein mögliches russisches Veto als gefährdet und wird immer weiter aufgeschoben. Allerdings könnte sich Moskau ein mögliches Einlenken in der Statusfrage mit Zugeständnissen des Westens an anderer Stelle „bezahlen“ lassen, zum Beispiel in der Frage des geplanten Raketenschirms der USA in Ostmitteleuropa.

Eine „für alle gleichermaßen annehmbare Lösung“ des Kosovo-Status, wie sie Russland bisher noch fordert, ist angesichts der verhärteten Fronten nicht zu erwarten. Realistischer ist das von der internationalen Gemeinschaft vertretene Modell einer „bedingten Unabhängigkeit“ für das Kosovo – und damit das Ende der UN-Verwaltungsmission UNMIK. Deren Kompetenzen, die schon jetzt sukzessive an kosovarische Regierungsinstitutionen übertragen werden, liegen dann vollständig in kosovarischen Händen. Die Aufsicht über die demokratische Entwicklung und besonders sensible Politikbereiche – etwa die Außenpolitik und Teile der Justiz – soll, ähnlich wie in Bosnien-Herzegowina, ein Sonderbeauftragter der EU mit seiner Behörde übernehmen. Dass demnächst im Kosovo große Plakate von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso erscheinen werden, ist allerdings unwahrscheinlich. Ein dreidimensionales Bill-Clinton-Denkmal für Priština dagegen soll noch in diesem Jahr enthüllt werden.



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