Wie man im Irak einen Gast einlädt

Abbas Khider

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Jeder Araber kennt den aus dem 6. Jahrhundert stammenden Vers von Hatam Al Taay, der für einen Gast sein einziges Schaf schlachtete: „Ich bin ein Sklave für den Gast.“ Mohammed sagte im 7. Jahrhundert: „Gastfreundschaft ist eine Pflicht“, und bis heute werden Gäste fast als Heilige betrachtet. Wenn man im Irak jemanden einladen möchte, darf man keine bestimmte Uhrzeit vorgeben. Das würde als Schande und Respektlosigkeit verstanden werden, und der Eingeladene erschiene möglicherweise nicht. Ein fester Zeitpunkt würde bedeuten, dass man dem Gast nicht genügend Achtung entgegenbringt – eine Schande für den Gastgeber, besonders dann, wenn andere Leute davon erfahren. Was darf man dem Gast nun aber sagen? „Ich lade dich zum Mittagessen ein!“ bedeutet, etwa eine oder zwei Stunden vor dem Mittagsgebet. Und ebenso verhält es sich mit einer Einladung zum Abendessen. Fleisch gehört unbedingt zu einem guten Essen, und ein gutes Essen für Gäste ist das Mindeste. Ein besonders wichtiger und unerlässlicher Satz des Gastgebers ist: „Bitte, fühlen Sie sich wie zu Hause!“ Das heißt auch, dass der Gast übernachten kann. Ein nicht verwandter Gast darf ohne Angabe von Gründen drei Tage lang bleiben. Nach diesen drei Tagen wird er gefragt, ob er Hilfe brauche. Diese Sitte findet man heute noch in den Dörfern der arabischen Wüste, teilweise auch in den Städten und vorwiegend bei der älteren Generation. Die Jungen nehmen es damit oft schon nicht mehr so genau.



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