„Interessant ist, was fehlt“

Anna Kim

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Frau Kim, in Ihrem Essay „Invasionen des Privaten“ schreiben Sie, interessant an der grönländischen Hauptstadt sei nicht das, was da ist, sondern das, was fehlt. Was fehlt in Nuuk?
Wenn man durch Nuuk geht, dann fällt einem auf den ersten Blick eigentlich gar nichts auf. Man kommt sich sehr heimisch vor, weil die Architektur europäisch, skandinavisch, ist – es gibt schöne, breite Straßen. Doch dann dämmert es einem und man findet es komisch, weil man eben nicht in Dänemark ist. In Nuuk gibt es eine ganz andere Kultur und ganz andere klimatische Gegebenheiten. Die Häuser müssten aus anderen Rohstoffen gebaut sein, denn es gibt auf Grönland keine Bäume. Es ist absurd, dass man mit Holz baut, das teuer importiert werden muss.

Sie haben also einen typisch grönländischen Baustil vermisst?
Ja. Denn die ursprünglichen Häuser waren aus Torferde und Steinen gebaut. Sie waren nicht für die Ewigkeit gebaut, sondern dafür, um den Winter zu überbrücken. Zwar wurden sie immer wieder aufgesucht, mussten aber vorher ausgebessert werden. Den Ewigkeitsgedanken, der Mitteleuropa so stark geprägt hat, gibt es dort nicht.

Was war der Grund für Ihre Reise?
Schon bevor ich 2008 das erste Mal nach Grönland reiste, habe ich es immer schon unheimlich gemocht. Natürlich wusste ich nicht genau, was mich erwartet. Ich hatte ein paar Klischees im Kopf: das ewige Eis, Leere, im Winter ist es finster, im Sommer die ganze Zeit hell. Doch das stimmt so ja gar nicht – nur im Norden gibt es diese Extreme, im Süden nicht. Doch mehr als mit einem konkreten Bild verband ich mit Grönland ein Gefühl.

Welches Gefühl?
Eine Mischung aus Fernweh und Heimweh komischerweise, eine Art Sehnsucht nach dem vollkommen „Anderen“. Grönland war für mich etwas vollkommen Exotisches. Ich wollte herausfinden, was sich dahinter wirklich verbirgt.

In Grönland wurden Sie mehrfach auf Grönländisch angesprochen, man glaubte, Sie seien von dort. Wie ist das, wenn man in einer so fremden Umgebung als Einheimische angesehen wird?
Das ist total skurril, weil ich eigentlich nicht denke, dass ich wie eine Grönländerin aussehe. Aber nachdem das so oft passiert ist, nehme ich an, dass es stimmt. Ich hatte auch gar nichts dagegen. In Wien werde ich immer wieder auf Englisch angesprochen. Es war eigentümlich, dass ich ausgerechnet in Grönland so ein Solidaritätsgefühl erfahren habe. Die Grönländer waren mir gegenüber immer sehr freundlich und sehr offen.

In Ihrem Essay reflektieren Sie nicht nur über Grönland, sondern auch über sich selbst. Was haben Sie auf Ihrer Reise über sich selbst gelernt?
Ich hatte ursprünglich nicht gedacht, dass ich Parallelen zwischen meinem Leben und dem der Grönländer finden würde, und war überrascht, das es sie gibt: Man neigt ja dazu, Erlebnisse, die schmerzhaft und unangenehm waren, zu verdrängen und so zu tun, als gäbe es sie gar nicht. Und dadurch, dass ich in den Erzählungen der Grönländer immer wieder auf Dinge gestoßen bin, die ich auch selbst erlebt habe, konnte ich sie nicht mehr verdrängen.

Was waren das für Parallelen?
Die Assimilationsprozesse, die in Grönland unter der dänischen Kolonialherrschaft stattgefunden haben. Mir haben Grönländer erzählt, wie sie als Schulkinder nach Dänemark geschickt wurden und dann dort Dänisch lernen mussten. Mit dem Erwerb der Sprache mussten sie dann auch bestimmte Verhaltensweisen übernehmen. Die Kinder hatten das Gefühl, dass das, was sie ursprünglich waren, nicht dem gesellschaftlich Wünschenswerten entsprach, sondern eher dem, was es abzulegen galt. Bei ihrer Rückkehr fühlten sie sich dann fremd im eigenen Land, weil sie teilweise die dänische Sicht auf Grönland, in der lange Zeit die Sprache und Kultur der Insel als rückständig galt, verinnerlicht hatten.

Was sollten Sie ablegen, als Sie nach Deutschland und später nach Österreich kamen? Auch die Sprache?
Nicht unbedingt die Sprache. Aber ich trug Anfang der 1980er-Jahre oft koreanische Kleidung. Die koreanische Mode hatte damals noch ganz andere Schnitte und Farben. Ich wurde schon mal komisch angeschaut. Für Kinder stellt das ein Problem dar. Noch etwas habe ich auf der Reise gelernt: Ich dachte lange, ich würde mich sehr mitteleuropäisch verhalten. Erst in Grönland fiel mir auf, dass ich durch die Erziehung meiner Eltern auch unbewusst Dinge mitbekommen habe, die doch anders, in meinem Fall koreanisch, sind.

Welche?
In Grönland wie in Korea steht das Glück der Gruppe über dem Wohl des Einzelnen. Dieser Gedanke führt so weit, dass an Probleme anders herangegangen wird: Um dieses Gruppenglück nicht zu gefährden, werden die eigenen Wünsche denen der Gemeinschaft untergeordnet. Das ostasiatische Rezept für ein harmonisches Miteinander entspricht im Grunde dem europäischen Integrationsprinzip: Assimilation um jeden Preis.

Das Interview führte Timo Berger

Invasionen des Privaten. Von Anna Kim. Literaturverlag Droschl, Graz und Wien, 2011.



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