Die Spielarten der Liebe

Irmela Hijiya-Kirschnereit

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Wer hätte das gedacht? Dass die „Befreiung der Liebe“ und selbst die „Befreiung der Sexualität“ das wohl wichtigste Ergebnis der Einwirkung westlicher Literatur auf Japan in der frühen Moderne sei? Oder dass Japaner weit geringere sexuelle und sinnliche Bedürfnisse als Menschen aus dem Westen hätten, dass sie ein Volk seien, „das den direkten Ausdruck von Liebe gering schätzt und das zudem mit einer eher schwachen Sinnlichkeit ausgestattet ist“? Dass japanische Männer „vergleichsweise rasch“ ermüden und deshalb nach dem Liebesakt Dis-tanz wahren möchten? Oder dass japanische Frauen im Gegensatz zu Europäerinnen allenfalls bis Mitte zwanzig schön seien, sobald sie die Ehe eingingen, ihre Schönheit aber „wie ein Phantom“ erlösche? Manchmal scheinen die Betrachtungen in diesem Essay, den der japanische Autor Tanizaki Jun’ichir? 1933 in einer Monatszeitschrift für Frauen veröffentlich-te, den gängigen Vorstellungen von Japan als „Reich der Sinne“ geradezu zuwiderzulaufen. Umso verblüffender und auch pikanter wirkt dies, wenn man weiß, dass Tanizaki, einer der unbestritten wichtigsten japanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, ein begnadeter Erzähler und Meister erotischer Texte ist, in denen es um die Liebe in vielen Spielarten geht, in historischem wie zeitgenössischem Gewand, ein Autor, dessen Spätwerke höchstes Lob von Henry Miller und Ludwig Marcuse einheimsten und dessen private Affären, die teilweise auch die Vorlage zu seinen Romanen und Erzählungen bildeten, die japanische Presse mindestens ebenso beschäftigten wie seine Literatur.

Und worauf führt Tanizaki beispielsweise den „reduzierten sexuellen Appetit“ der Japaner zurück? Er macht dafür unter anderem das feucht-stickige Klima, zum anderen aber auch den Verteidigungswillen seiner Nation verantwortlich: „... dass wir uns heute in Ostasien zu den bedeutenden Mächten der Welt zählen können, hat wohl auch damit zu tun, dass wir uns nicht übermäßigem Genuß verschrieben haben.“ Spätestens bei solchen Räsonnements wird deutlich, dass dieser Essay für westliche Leser nach einer erläuternden Einordnung in den japanischen Zeitgeist der 1930er-Jahre verlangt, die uns der Übersetzer leider vorenthält, denn sein nicht mehr als drei Seiten umfassendes Nachwort bietet lediglich ein dürres biografisches Gerüst zum Autor als Essayisten. Doch wie sollen wir dessen „stilis-tische Geschmeidigkeit“ und „ungewöhnliche Überzeugungskraft“ auf seine Zeitgenossen einordnen, wenn wir nicht zugleich erfahren, dass Tanizakis Suche „nach der eigenen Tradition und dem eigenen Standort“ in eine Zeit vermehrter Anstrengungen um kulturelle Selbstbehauptung vor dem Hintergrund wachsender internationaler Spannungen aufgrund von Japans expansionistischen Bestrebungen und krisenhafter Entwicklungen im Inneren fällt? Denn dies macht einen Teil der Faszination dieses merkwürdigen Textes aus: dass er in immer neuen Anläufen das Thema des Japanerseins, einer japanischen Identität im 20. Jahrhundert beschwört und sich – scheinbar völlig unpolitisch und einzig der Kunst in ihren verschiedenen Genres und Epochen hingegeben – mit den Themen Liebe und Sinnlichkeit am Beispiel von japanischen Theaterstücken, Erzählwerken und Gedichten abgibt, episodenhaften Betrachtungen etwa zu den Beziehungen zwischen Männern und Frauen in der höfischen Gesellschaft. Doch der stete Seitenblick auf den Westen, manchmal auch auf China und Südostasien, und das Bestreben zu verallgemeinernden Positionierungen lässt ahnen, dass es trotz der gelegentlichen Nonchalance des Autors zugleich um exis-tentielle Fragen der Nation geht, eingehüllt in teils überraschende Betrachtungen zu Werken der eigenen Tradition. Wer Tanizakis Lieblingsthemen schon kennt, beispielsweise die Femme fatale, die ihre Männer mit grausamer Hand züchtigt, wird hier eine andere Art von Einführung in sein Werk entdecken. Und wer nach Perspektiven auf scheinbar universale Konzepte wie Liebe und Sinnlichkeit sucht, wird hier mit einer alternativen Sprache der Gefühle Bekanntschaft machen können. Tanizakis Text, so verstörend er bisweilen daherkommt, wird weniger die kulinarisch orientierten Leser befriedigen, die Bilder japanischer Erotik erwarten. Aber wer den Text beim Lesen gegen den Strich bürstet und ihn im Kontext seiner Zeit verortet, wird mit frappierenden Einsichten über einen kaum geahnten Zusammenhang von Liebe, Klimatheorien, Geschichte, Krieg und Kunst belohnt.

Liebe und Sinnlichkeit. Von Tanizaki Jun’ichir?. Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein.- Manesse, Zürich, 2011.



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