Den Sterblichen entrückt

Carmen Eller

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


In der Stadt gibt es keine Reklame, Bücher sind bereits vor ihrem Erscheinen ausverkauft und Diplomaten ist es für gewöhnlich untersagt, mit Einheimischen Kontakt aufzunehmen. Willkommen im Moskau der Sowjetunion. Der Historiker und Publizist Karl Schlögel hat ein Buch verfasst, das wie eine Zeitmaschine funktioniert: Sie katapultiert den Leser in die Vergangenheit der russischen Hauptstadt. „Moskau lesen“ lautet der Titel und tatsächlich begreift der Autor die Stadt als Text, den es zu verstehen und entschlüsseln gilt. Das Buch erschien erstmals 1984 und liegt nun in einer erweiterten Ausgabe vor. Sein Ursprungstext, der unverändert erhalten blieb, beschreibe, so Schlögel im Vorwort, „das alte Moskau unmittelbar vor dem Ende des sowjetischen Systems“. Deshalb sei das Buch eine Art „Führer in eine untergegangene Stadt – Moskau-Pompeji.“ Eine Stadt, die es so nicht mehr gibt: „Sie ist verschüttet, überbaut, zerstört worden durch jene Schichten, die seither in unfassbar raschem Tempo sich über das Moskau von gestern gelegt haben.“

Nun erneuert der Autor das Bild ein weiteres Mal um das Moskau unserer Zeit. Wie bei einer Matrjoschka, die Puppe für Puppe kleiner wird, steckt in diesem Buch eine Stadt in der anderen. Mit Siebenmeilenstiefeln geht Schlögel durch die Geschichte Moskaus, beschreibt die Anfänge, die sowjetische Periode, die Perestroika und schließlich in den neu hinzugekommenen Kapiteln die 2000er-Jahre. Doch immer wieder hält er inne und nimmt sich Zeit für das Detail. Schlögel erzählt aus der Perspektive des „Fremden“, dabei kennt der 1948 geborene Autor, der heute an der Viadrina in Frankfurt/Oder osteuropäische Geschichte lehrt, die Textur der Hauptstadt wie kaum ein anderer. Für sein Buch „Terror und Traum. Moskau 1937“ erhielt er 2009 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Repression, Einschüchterung und Terror streift Schlögel in „Moskau lesen“ nur am Rande. Stattdessen liefert er einen Crashkurs in Architekturgeschichte, räsoniert über Jugendstil, Klassizismus und Stalin-Pomp und schärft in poetischen Stadtbildern unser Auge für die Ästhetik des Alltags. Er nimmt uns mit in das feine Hotel Metropol am Roten Platz, fährt mit der Rolltreppe in die unterirdischen Paläste der Metro und philosophiert über die Garderobe als „fast rituellen Ort“, der den „Übergang vom überheizten Drinnen zum bitterkalten Draußen“ markiert. Er schlendert mit uns über die sowjetischen Bahnhöfe, be-obachtet die wartenden Passagiere „eingehüllt schon vom Holzkohlenduft der angeheizten Waggons“ und führt uns später in die „Hochgeschwindigkeitsgesellschaft“ der Gegenwart, in der „Handy-Geschnatter“ das Gespräch des Eisenbahnzeitalters abgelöst hat.

Gegen Ende des Buches beschleunigt auch Schlögel das Tempo und führt stakkatohaft durch Shopping-Malls, Nachtclubs, Spielcasinos und den Finanzdis-trikt „Moskwa City“. Zu Schlögels Stadtbildern gehört aber nicht nur, was ist, sondern auch, was hätte sein sollen. Ein ganzes Kapitel widmet er dem zu Sowjetzeiten geplanten „Palast des Volkes“, der letztlich nicht gebaut wurde. 420 Meter sollte er in die Höhe ragen, mit einer über 70 Meter hohen, „durch eine Wolkendecke dem Blick des Sterblichen entrückten“ Lenin-Statue an der Spitze. Die Sehnsucht nach Superlativen prägt Moskau bis heute: So sollte der „Tower of Russia“ mit 600 Metern das höchste Gebäude Europas werden, doch mit der Finanzkrise wurde der Bau vorerst ausgesetzt. Wer mit Schlögel zwischen den Zeiten springt, versteht: Moskau, „die aufregendste Baustelle Europas“, bleibt sich treu durch den Wandel. „Moskaus Stadtlandschaft ändert sich mit jedem Tag, und das nun schon seit über 20 Jahren“, schreibt Schlögel. Einzig die Machtverteilung auf den Straßen erinnert an sowjetische Zeiten: Die Fußgänger „müssen den rechten Augenblick abwarten und, antilopengleich über die breite Straße jagend, sich in Sicherheit bringen, während die Autos, einer Bisonherde gleich, über die Piste stürmen“.

Schade ist, dass Schlögel dem Moskau der 2000er-Jahre nur so wenig Platz widmet. Die Kürze der neu hinzugekommenen Kapitel wird der größten Stadt Europas kaum gerecht, obwohl Schlögel auf kleinstmöglichem Raum größtmögliche Einsichten bietet. So bleibt „Moskau lesen“ auch in der Neuauflage vor allem ein his-torisches Werk. Gleichwohl enthält schon der Text aus dem Jahr 1984 Wahrheiten, die man bis heute jedem Moskau-Reisenden ans Herz legen kann: „Man muss sich etwas vornehmen, sonst verschlingt einen die Stadt ganz absichtslos. Nichts erschließt sich von selbst.“ Aber mit diesem Buch versteht man vieles besser.

Moskau lesen. Von Karl Schlögel. Carl Hanser Verlag, München, 2011.



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