Das Alphabet ihres Lebens

Insa Wilke

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Najat El Hachmis erster Roman erzählt zwar ungewöhnlich komisch, aber zugleich schonungslos die Leidensgeschichte der Frauen einer marokkanischen Familie. Es ist notwendig, sie zu erzählen und sichtbar zu machen. Doch Bücher werden nicht nur in sozialen, historischen und politischen Kontexten geschrieben. Sie werden auch in solchen Kontexten gelesen. Unbehaglich wird einem als deutscher Leserin deshalb bei der Lektüre von „Der letzte Patriarch“. Doch sind die muslimischen Frauen seit Langem das Reizthema und das vorgeschobene Argument, wenn es um innenpolitische Akkulturation und außenpolitische Interventionen geht. In Zeiten, in denen christlicher Chauvinismus und als Aufklärung deklarierter Rassismus wieder salonfähig geworden sind, gießen solche Geschichten Öl ins Debattenfeuer. Debatten, die wenig mit dem Schicksal dieser Frauen und alles mit der Frage zu tun haben, wie wir in Deutschland im 21. Jahrhundert zusammenleben wollen. El Hachmi, die schon 2004 in Spanien mit ihrem Essay „Auch ich bin Katalanin“ in ein Wespennest stach, ist sich all dieser Kontexte bewusst. Klug lässt sie ihre humorvolle und souveräne Erzählerin, die Tochter Mimouns, gleich am Anfang ankündigen: „Dies ist die einzige Wahrheit, die wir euch erzählen wollen, die Wahrheit von einem Vater, der mit der Frustration zurechtkommen muss, dass sich sein Los nicht erfüllt, und die Wahrheit von einer Tochter, die, ohne dass sie sich das vorgenommen hätte, die Geschichte der Familie Driouch auf immer veränderte.“ Den Schuss Ironie sollte man nicht überhören, und doch spricht hier ein solidarisches „wir“ zu einer Mehrheitsgesellschaft, die oft unwissend und meistens hochmütig über die Identität der „Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund“ verfügt. Auch in dieser Hinsicht ist El Hachmis Roman eine Selbstermächtigung: Die Tochter Mimouns erzählt ihre Geschichte selbst. Frauen wie sie haben dazu in der Regel kaum Gelegenheit. So wie die Männer über ihre Körper bestimmen, sind ihre Geschichten und die Art, wie sie erzählt werden, in Europa bereits durch die Mehrheitsgesellschaft festgelegt. Geschickt ist es deshalb, dass El Hachmi mit der Geschichte des Jungen namens Mimoun beginnt und sie von seiner Tochter im Rückblick erzählen lässt. Als Kind vom Vater geschlagen, vom Onkel vergewaltigt, von Mutter und Schwestern gehätschelt, wird aus Mimoun ein Taugenichts, der sich nicht abfinden kann mit seinem Schicksal. Er geht nach Spanien, um dort Geld zu verdienen und ruhmreich zurückzukehren. Da ist er schon längst selbst ein Despot, der Schwestern und Ehefrau tyrannisiert und in Spanien Nebenfrauen sammelt.

El Hachmi erzählt ihren Roman an Schlüsselereignissen der Familiengeschichte entlang, die meistens dazu dienen, dass Mimoun – „der arme Junge“ – von jeder Verantwortung für sein Handeln freigesprochen wird. Wenn man Opfer ist, kann man nach einem solchen Konzept nicht Täter werden, egal wie brutal Mimoun sein „Projekt“ Familie realisiert. Die Frauen, in Mimouns Augen allesamt potenzielle „Huren“, decken ihren Sohn, Bruder und Ehemann. So setzen sie die Gitterstäbe in den eigenen Käfig ein. El Hachmi spielt mit der Erwartung ihrer Leser. Sie entwickelt mit untergründigem Witz eine Technik des Spannungsaufbaus, die aus mündlichen Erzähltraditionen stammt: die des Hinauszögerns und Andeutens. Im zweiten Teil des „Berichts über das Ende des Patriarchats in der Erbfolge der Driouchs“ verliert sich der kräftige, manchmal vermutlich nicht leicht ins Deutsche zu übertragende Erzählduktus, der selbst Comic-Elemente integriert. Das ist schade, aber konsequent: Zu hoffnungslos ist die Situation der Familie, die inzwischen das marokkanische Dorf verlassen hat und in Spanien ein Leben in Armut und Armseligkeit führt, gequält von den Gewaltausbrüchen des Vaters. Zu verloren sind die Seelen der Familienmitglieder, als dass die Erzählerin den selbstironisch kommentierenden Ton glaubwürdig hätte beibehalten können.

Die bisherige Rolle der neutralen Schiedsrichterin gibt die Tochter also auf und wiederholt auf signifikante Weise das Lebensmuster ihres Vaters. Ihr einziger Halt ist das katalanische Wörterbuch. Eintrag für Eintrag arbeitet sie es durch und lernt das Alphabet ihres Lebens. Am Ende angekommen, setzt sie zum Befreiungsschlag an. Hier ist er wieder, der Humor Najat El Hachmis. Denn ihre Methode zur Abschaffung des Patriarchats hat es so kalkuliert sicher noch nicht gegeben. Trotz einiger Längen ist „Der letzte Patriarch“ ein bemerkenswerter Debütroman über ein Familienleben, das seit der Revolution in Tunesien auch als Parabel auf den radikalen gesellschaftlichen Umbruch in der arabischen Welt gelesen werden kann. Was dieser für die Frauen bringen wird, ist noch offen. Aber dass er auch Europas Weltbild erschüttert, sollte man bei der Lektüre dieser scheinbar bekannten Geschichte nicht vergessen.

Der letzte Patriarch. Von Najat El Hachmi. Aus dem Katalanischen von Isabell Müller. Wagenbach, Berlin, 2011.



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