Claudius Schulze über das Atatürk-Denkmal in Ismir

Claudius Schulze

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Mehr als 40 Meter hoch ragt vor der türkischen Stadt Ismir die Büste des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk empor. Ihr Blick ist so düster wie der Sprühbeton, aus dem sie geformt wurde. Anders als Mount Rushmore, die gigantischen Präsidentenköpfe in den Vereinig-ten Staaten, ist dieser Atatürk nämlich nicht aus dem Berg geschlagen, sondern ein künstlicher Anbau.
 Der selbst erklärte „Vater der Türken“ wird von den meisten Menschen in seinem Land kultisch verehrt. Sein Konterfei hängt in Öl gemalt in Läden und Arztpraxen oder prangt als Tattoo auf den Oberarmen junger Männer. Ismir aber besitzt den mächtigsten Atatürk. Wer hier Urlaub macht, wird ihn nicht übersehen können: Seine gigantische Nase ragt über die Hauptstraße, die vom Stadtzentrum zum Flughafen führt.
 Das Pikante: Der Betonkopf schaut mit seinem strafenden Blick direkt auf ein „Gecekondu“, ein Elendsviertel am Straßenrand, in dem vor allem kurdische Flüchtlinge leben. Unter Atatürks Führung ist ihre Sprache verboten worden. Als sich die Kurden dagegen wehrten, ließ er die Aufstände blutig niederschlagen. Die Inschrift des Denkmals „Frieden der Heimat, Frieden der Welt“ wirkt deshalb wie blanker Hohn. 
 Wenn ich Atatürk-Statuen fotografiere, reagieren Passanten normalerweise mit Stolz und Begeisterung. In dem „Gecekondu“ vor ?zmir blieben ihre Blicke so finster wie der von Atatürk selbst.

Protokolliert von Oskar Piegsa



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