„Wir müssen die Unis demokratisieren“

Youssef Tlili

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Als der tunesische Präsident Ben Ali im Januar 2011 gestürzt war, musste auch der Generalsekretär der Hochschule für Rechts-, Politik- und Sozialwissenschaften in Tunis gehen. Zusammen mit Professoren und Mitarbeitern zogen wir Studenten vor sein Büro und warfen ihn raus. Schließlich hatte er den Posten nur wegen seiner Loyalität zum alten Regime bekommen.
Vor der Jasminrevolution durfte an tunesischen Hochschulen nicht alles gelehrt werden. Es gab eine Polizeieinheit, die nur für die Überwachung der Unis zuständig war. Sie ist inzwischen aufgelöst worden, wie auch die Regierungspartei und ihre Studentenorganisation. Studierende können sich an meiner Uni jetzt frei entfalten, es gibt neue Hochschulgruppen und eine Campuszeitung. Diese Dinge waren früher unvorstellbar, weil man nicht machen durfte, was man wollte, und schon gar nicht, wie man es wollte.
Dass sich viele Studenten an dem Umsturz beteiligten, ist naheliegend: Tunesien ist ein Land, in dem von zehn Millionen Einwohnern rund 350.000 studieren. Unsere Hauptmotivation war der Arbeitsplatzmangel. Schuld daran war die wirtschaftliche Lage, aber auch die Korruption und der Nepotismus des alten Regimes. Von einer Studentenrevolte zu sprechen wäre aber falsch, denn es beteiligten sich auch Anwälte, Arbeitslose, ganz normale Menschen – es war eine Massenbewegung. Viele kamen zunächst nur, um sich die Demonstrationen anzusehen. Dort erlebten sie, wie die Polizei das Feuer auf unbewaffnete Bürger eröffnete. Wir hatten nur Steine und sie schossen auf uns!
Als Aktivist des Studierendenverbands UGET habe ich mich schon früher an Protesten beteiligt, etwa für mehr studentischen Wohnraum und bessere finanzielle Förderung. Den UGET gibt es seit 1953, doch unter dem alten Regime mussten wir vorsichtig sein, weil wir uns auch für Demokratie und Meinungsfreiheit aussprachen. Mehrere von uns sind wegen dubioser Vorwürfe verhaftet oder aus der Uni geworfen worden. Inzwischen sind sie zurück, ihr Leben hat sich normalisiert.
Für die ersten freien Wahlen am 24. Juli 2011 wollen wir Studenten zu Wahlhelfern ausbilden. Anschließend planen wir, ein nationales Studierendenparlament einzuberufen. Vor einigen Jahren hat eine Reform des Ben-Ali-Regimes die Studiendauer verkürzt und den Konkurrenzdruck erhöht. Vertreter von Professoren und Studenten wurden dabei nicht einbezogen. Jetzt müssen wir auch das Bildungssystem demokratisieren, damit Unis die Allgemeinbildung und das Selbstvertrauen junger Demokraten stärken. Aktuell haben wir aber andere Sorgen: Im Süden droht eine humanitäre Krise durch die Flüchtlinge aus Libyen.

Protokolliert von Oskar Piegsa



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