In der hintersten Reihe

Bettina Lauer, Isabella Pfaff

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Die Welt verfolgte staunend und mit großer Spannung die Umstürze in Tunesien und Ägypten. Wer in den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern auf aktuelle und umfassende Berichterstattung über diese historischen Ereignisse hoffte, tat dies vergebens. Während BBC, CNN und Al-Dschasira sofort ihr Programm umstellten, die Dimension der politischen Ereignisse im Nahen Osten begriffen und darauf reagierten, machte man bei ARD und ZDF Programm as usual. Nicht einmal ein Nachrichtenband wurde eingeblendet. Die Revolution war bereits in vollem Gange, als ARD und ZDF ihre bis dahin so zögerliche und zurückhaltende Berichterstattung aufgaben und versuchten, sich den mit enormer Geschwindigkeit abspielenden Ereignissen anzupassen. Ein Prozess, der mehr als zwei Wochen dauerte. Erst bei der zweiten Rede von Hosni Mubarak war man live dabei und auf dem journalistischen, handwerklichen und technischen Niveau angekommen, auf dem andere Sender längst waren.


Es hagelte Kritik. Doch Sendeverantwortliche beider Anstalten antworteten: ARD und ZDF seien Vollprogramme, keine ausschließlichen Nachrichtenprogramme wie CNN oder BBC. In Nordafrika wird Geschichte geschrieben, doch die Öffentlich-Rechtlichen halten starr an vorhandenen Programmschemata und -abläufen fest und machen kaum Sendeplätze frei. Was bei Sportveranstaltungen oder auch bei königlichen Hochzeiten möglich ist, scheint für politische historische Ereignisse nicht zu gelten. Warum? Etwa, weil dafür nicht bezahlt wird? 


ARD und ZDF werben damit, dass sie eines der „größten Korrespondentennetze weltweit“ haben. Doch der gesamte nordafrikanische Raum, also die Länder Marokko, Tunesien und Algerien, werden vom ARD-Studio in Madrid betreut. Korrespondenten vor Ort gibt es nicht. Aber wer nicht vor Ort ist, hat keine authentischen Informationen und kann Nachrichten nicht überprüfen. Wer nicht vor Ort ist, hat keine eigene Infrastruktur, keine Zugänge zu Behörden, zu wichtigen politischen oder wirtschaftlichen Institutionen oder zu vertrauenswürdigen Personen, auf die man gerade in Krisenzeiten angewiesen ist. 


Fand deshalb die Berichterstattung ohne ägyptische oder arabische Experten statt? Kamen deshalb so viele deutsche Experten von deutschen Universitäten zu Wort? Arabische Wissenschaftler mit politischem Verständnis scheint es nicht zu geben oder die deutschen Korrespondenten kennen sie nicht. Einzige Ausnahme: Hamed Abdel-Samad, der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler, Historiker und Autor, der durch sämtliche Programme und Formate gereicht wurde. Von Vielfalt keine Spur. 


Warum zitiert ein ARD-Journalist während einer Live-Schaltung aus Kairo die Kollegen von BBC und CNN, die auf dem Tahrir-Platz nur einen Steinwurf vom ARD-Studio entfernt sind? Ein Gang vor die Studiotür und der Reporter hätte sich selbst ein Bild machen können. Stattdessen bekommt man den Eindruck, die Reporter von ARD und ZDF halten sich nur im Studio beziehungsweise im Hotelzimmer auf. 


Nun soll weder bestritten noch verharmlost werden, dass es in Ägypten Angriffe auf Journalisten gab. Es ist auch verständlich, wenn Reporter in Krisensituationen Angst haben. Das muss respektiert werden. Dennoch müssen sich die Korrespondenten der deutschen Öffentlich-Rechtlichen in Kairo mit dem vergleichen lassen, was andere Sender vor Ort leisteten und wie sie die Situation einschätz-ten. Und hier gingen die Bewertungen doch sehr weit auseinander. An dem Tag, an dem die ARD ihre Reporter ausfliegen lassen wollte, zeigte sich RTL-Reporterin Antonia Rados den ganzen Tag über in vielen Einblendungen direkt im Gewühl der Demonstranten. Kein Wunder, dass RTL-Chef Gerhard Zeiler in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Leistung von Frau Rados sagt: „Sie ist nah am Geschehen, findet Zugang zu den Menschen, fängt unmittelbare Sorgen und Stimmungen auf.“ 


Christiane Amanpour, ehemals Chefkorrespondentin von CNN und jetzt Starreporterin des amerikanischen Senders ABC News, flog ein und bekam sofort ein Interview mit Mubarak. ARD und ZDF aber nicht. Ach ja, laut der ARD-Vorsitzenden Monika Piehl war Mubarak ja ein nicht frei gewählter Staatsmann, dem man nicht einfach so Raum geben könne. Es gelte, die Dinge einzuordnen und sich nicht manipulieren zu lassen. Was noch als Argument für die Nichtübertragung seiner ersten, mit Spannung erwarteten Rede galt, war bei der zweiten Rede bereits hinfällig. 


Die öffentlich-rechtlichen Sender unterliegen einer rigiden Sparpolitik wie auch dem fatalen, quotengetriebenen Hang zur Unterhaltung und zum Infotainment. Auf der Strecke bleiben nicht nur der Bildungs- und Informationsauftrag, sondern mittlerweile auch relevante Basisinformationen. Die Zuschauer müssen auf Berichterstattung tagelang warten. Und das, obwohl in Kairo bei Ausbruch der ägyptischen Revolution ein Journalist der Öffentlich-Rechtlichen vor Ort war und seine Heimatredaktion händeringend bat, bleiben und über die ersten Demonstrationen berichten zu dürfen. Die Heimatredaktion in Deutschland erklärte ihm, dass die Demonstrationen in Kairo unwichtig seien und er nach Hause fliegen solle. Zu einem Zeitpunkt, wohlgemerkt, als in Tunesien die Jasmin-Revolution bereits auf dem Höhepunkt war und alle Welt darauf wartete, welches arabische Nachbarland sich als Nächstes befreien würde. 


Hier rächt sich die Tendenz, die bereits ARD-Sonderkorrespondent Thomas Morawski 2008 beklagte. Zunehmend vertrauen die Heimatredaktionen nicht mehr der Analyse der Reporter als Augenzeugen vor Ort, sondern nehmen anhand von Ticker-Meldungen von Deutschland aus Einschätzungen vor und erklären dann dem Reporter vor Ort, wie „die Wirklichkeit wirklich sei“, so Morawski in dem lesenswerten Buch „Deutsche Auslandskorrespondenten“. Als Konsequenz daraus haben bereits renommierte Journalisten ihren Job frustriert an den Nagel gehängt, wie 2008 Ulrich Tilgner vom ZDF. Aber auch Ruprecht Eser oder Alexander von Sobeck haben beklagt, dass politische Zusammenhänge und Hintergründe, gerade auch aus dem Ausland, immer weniger in den Heimatredaktionen gefragt seien. 
 Was im Juli 2010 der damals amtierende ARD-Vorsitzende, Peter Boudgoust, in einer Pressemitteilung als „qualitative Verbesserung“ des ARD-Auslandskorrespondentennetzes ankündigte, nämlich eine Umstrukturierung der Zuständigkeiten, war schlichtweg eine Kürzung von Stellen. Hatten bisher vier Korrespondenten aus Kairo und Amman für den Hörfunk berichtet, sind es jetzt nur noch drei. Und das ARD-Hörfunkstudio Istanbul ist zugleich für die Berichterstattung aus Teheran zuständig. Dazwischen liegen 2036 Kilometer Luftlinie. Das Geld, das in der Auslandsberichterstattung eingespart wird, fließt in die Unterhaltung. Eine Tendenz, die sich bereits seit mehr als zehn Jahren abzeichnet: Kürzungen der Sendezeiten bei politischen Sendungen, Weichspülen der Inhalte und Abschaffen kritischer Formate. So stirbt auch der „ZDF.reporter“ in diesem Frühjahr den Unterhaltungstod. 


In der Auslandsberichterstattung galt bis vor wenigen Jahren noch das Motto: „Was hinten in der Türkei passiert, kann doch eh keiner nachprüfen.“ Man konnte sich mit verspäteter und lauer Berichterstattung durchmogeln. Doch heute werden die Defizite schonungslos von den digitalen Medien entlarvt. Über Internet und Handy-Videos wird Weltpolitik gemacht und die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender sind nicht dabei. Anstatt diese Entwicklung als Herausforderung zu begreifen, geben sie lieber die letzten Reste der eigenen Kernkompetenz auf, um dann atemlos den Ereignissen hinterherzuhecheln. 



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