So klingt Deutsch

Jonathan Hirschfeld

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


In einer Folge der TV-Comedy-Serie „Herrliches Land“ wird Angela Merkel auf Englisch im israelischen Fernsehen interviewt. Währenddessen erhält sie einen Anruf und brüllt in brutal klingendem Deutsch in der Art von Hitler-Reden über mehrere Minuten in den Hörer. Als sie von dem Interviewer darauf angesprochen wird, sagt sie: „Ah, ich habe nur meinem kleinen Kind gute Nacht gesagt ...“ 
 So wie in dieser Szene wurde das Deutsche in Israel lange als Sprache aufgefasst, die sich für Gewalt eignet, zum Schreien und für his-torische Reden. Oder für fiese Hollywood-Figuren mit Zigarette und Lederhandschuhen, die Englisch mit deutschem Akzent sprechen: „Ohpen se trank pliess!“ („Öffnen Sie bitte den Kofferraum!“) 


Amüsanterweise war es das Satellitenfernsehen, das Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre das Deutsche von diesem ausschließlich negativen Image erlöste. Das typische Fernsehangebot zu dieser Zeit umfasste eine Reihe von ausländischen Spartensendern wie etwa CNN und andere Satellitenkanäle. Schnell verbreitete sich die Information, die deutschsprachigen Sender RTL und SAT1 zeigten zu später Stunde unzüchtige Filme. Im ganzen Land sahen pubertierende Jungen, Unverheiratete oder Männer, deren Frauen in anderen Zimmern schliefen, diese Filme, die gegenüber dem provinziellen Konservatismus in Israel wie ein Symbol der Kühnheit anmuteten. Bayerische Bauern in Lederhosen bespringen Blondinen in seidenen Kleidern, die in Heuhaufen schlummern. Eine ganze Generation lernte das Deutsche mit „Jaahh! Jaahh!“-Schreien zu assoziieren, die alles in allem sympathischer waren als die Hitler-Reden in Schwarz-Weiß. 


Gleichwohl ist der gewalttätige Aspekt des Deutschen in den letzten Jahren durch Heavy-Metal-Bands teils satanistischer oder gar neonazistischer Ausrichtung zurückgekehrt. Bands wie Rammstein oder Landser finden auch bei Hardrock-Fans in Israel Anklang. Das ist allerdings eher eine Randerscheinung. 


Ein anderes, schon lange mit der deutschen Sprache in Verbindung stehendes Phänomen ist das Bild des „Jecken“. So werden in Israel die Juden aus dem deutschsprachigen Raum genannt. Das über sie in der israelischen Gesellschaft bestehende Stereotyp ist in gewisser Weise das Produkt von humoristischen Sketchen und Feuilletons. Die Jecken sind pedantisch, humorlos, korrekt und extrem geradlinig und passen nicht zum schlau-durchtriebenen, scharfsinnigen und schlagfertigen israelischen Temperament. 


Die Firma Soglowek spielt damit in einer Reihe von Werbespots für Würste. Darin spricht die Hauptfigur in starkem deutschen Akzent von der Qualität und Perfektion der neuen Würste, die „ganz, ganz dünn, auf den Punkt genau“ geschnitten seien. In nicht zu unterschätzendem Maße lässt sich in der Gestalt des Jecken der exilhafte „Andere“ erkennen, dem der Zionismus zu entkommen versuchte, als er seine rauen, derben, dreisten und etwas vulgären charismatischen Helden schuf, die hier und da betrügen und stehlen, aber eigentlich das Herz am rechten Fleck haben.


Vor diesem Hintergrund lässt sich die Feindseligkeit nachvollziehen, der die deutschen Juden und ihr Image in der israelischen Populärkultur bis heute anheimfallen. Exemplarisch dafür steht der israelische Kultfilm „Alex ist krank vor Liebe“ aus dem Jahr 1986. Eine der Figuren, der magere, bleiche und verklemmte Junge Gadi Fishenzon, ist mit seinem ausgeprägten deutschen Akzent und in seinem Verhalten eine groteske Ausgabe des Jecken und dient dem in Israel geborenen Helden des Films als negativer Kontrast. Obwohl sich die israelische Kultur immer in Abgrenzung zum Deutschen definiert hat, verbirgt sich hier auch ihre primäre Tragödie – in der Verinnerlichung antisemitischer Stereotype vom deutschen Juden: verweichlicht, heimatlos, blass, weibisch, unförmig, ein Opfer. Die israelische Kultur trifft eine Unterscheidung zwischen dem Deutsch der „Jecken“ und dem Deutsch der Deutschen. Das eine ist Teil ihrer kulturellen Landschaft, das andere wirkt kalt und bedrohlich.

Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase



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