Handke ist mein Held

von Žarko Radakovic

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


1. Peter Handkes Texte übersetzen bedeutet für mich ein „Lesen aus nächster Nähe“, nicht jedoch die Untersuchung der Textstrategien des Schriftstellers, auch keine Interpretation. Es geht stattdessen um das persönliche Sich-Verhalten zwischen einem Autor und einem anderen, zwischen mir und Handke. Der Übersetzer, der nur einen einzigen Schriftsteller übersetzt – und so einer bin ich – ist ein Mensch, der sich gegenüber dem, was er übersetzt, wie ein Besessener verhält.

2. Indem ich übersetze, „spioniere“ ich Handke aus, ich „folge ihm auf dem Fuße“, in der Absicht, sein Bild zu verherrlichen, aus diesem Bild meinen persönlichen Mythos zu erschaffen und in der Arbeit am Mythos eine Geschichte meines Helden zu verfassen, eine Geschichte, empfangen beim Übersetzen seiner Texte. Das starke Erleben des Geschriebenen und der Akt der Übersetzung, das Kennenlernen des Schriftstellers und die Annäherung an ihn mündeten darin, dass Peter Handke mein persönlicher Heros wurde.

3. Ich betrachte alle Texte von Peter Handke als einen Über-Text, als einen Text, den ich wieder und wieder lese. Das Erleben seiner Bücher als ein und denselben Text ist der Schlüssel zu meinem Übersetzen, das ich als Parallele zu meinem eigenen kreativen Schaffen betrachte.

4. Insofern erscheinen mir meine Übersetzungen als atomisierte Fragmente einer allumfassenden Arbeit an meiner Schriftstellerei, in diesem Fall meiner Arbeit am Mythos des Schriftstellers Peter Handke, meines Erlebens des Lebens und Wirkens dieser (für mich, mein Leben begleitenden) „außerordentlichen Persönlichkeit“.

5. Die treibende Kraft hinter der Arbeit an meinen Mythen ist mein Erleben meiner Helden. Ein Erleben und die Wiederholung des Erlebens.

6. Es versteht sich, dass auch alles jenseits des unmittelbaren Übersetzens von Peter Handkes Büchern Erlebte – alles „aus der Nähe“ Gesehene, „vor Ort“ und „auf Reisen“ Beobachtete, das „Private“, „Rohe“, „Unbearbeitete“, noch nicht in Kunst Überführte – meine Rezeption und damit auch den Akt des Übersetzens wesentlich mitbestimmen kann. Gut, wenn es gelingt, dieses Vor-Literarische zu nutzen.

7. Erlebnisse sind für den Übersetzer wichtig. Denn Übersetzen ist eine Art der Rezeption, und Rezeption heißt Erleben. Erlebnisse sind für den Übersetzer wesentlich, wenn er keinen diskursiven Text übersetzt, keinen Text, der Informationen übermittelt und den man darum eins zu eins übersetzen muss. Ein literarischer Text, den man schöpferisch übersetzt, ist vielschichtiger. Er enthält untergründige Verbindungen disparater Erfahrungen mit der „Struktur“ literarischer Geschichte. Und der Übersetzer will durchaus die Geheimnisse dieser Verbindungen durchdringen. Sie aufzudecken entfacht die Leidenschaft fürs Übersetzen, ohne die es kein Übersetzen gibt.

8. Es ist ein natürliches Bedürfnis des Übersetzers, sich dem Schriftsteller zu nähern, den er übersetzen will. Auch physisch, wenn das möglich ist. Ihn wenigstens einmal im Leben zu treffen. Mit ihm zu reden. Nicht nur, um ihm seine übersetzerischen Zweifel vorzutragen. Um an der Erlebniswelt des Autors zu schnuppern und diese wenigstens für einen kurzen Moment gemeinsam mit dem Autor zu sehen.

9. Was würde ein heutiger Kafka-Übersetzer dafür geben, mit ihm persönlich durch die Straßen von Prag zu schlendern, und sei es nur für fünfzehn Minuten?

10. Vor einigen Jahren erzählte mir der Spanischübersetzer von Thomas Bernhard, dass er seinen Autor nie kennengelernt habe und dass das eins der großen Versäumnisse seines Lebens sei. Mir war diese negative Erfahrung nicht beschieden. Über ein Jahrzehnt lang war ich mehrmals pro Jahr mit Peter Handke auf der Suche nach Erfahrungen unterwegs. Ich musste mir die Orte der Handlung nicht nachträglich anschauen, wie das ein gründlicher Übersetzer tut, schlenderte auch nicht mit dem Schriftsteller durch die Straßen, die er zuvor beschrieben hatte. Im Gegenteil: Ich besuchte mit ihm die Orte, bevor sie in seine literarischen Werke eingingen, die ich anschließend übersetzte. Einerseits verstärkt das die Aufregung des Übersetzers, andererseits erleichtert es das Übersetzen. Denn es ist, als hätte ich Einblick genommen in Handkes Welt. Ich erkannte Beobachtungen und Erlebnisse im Skelett der Erzählung wieder, konnte das Beschriebene körperlich spüren. Ich konnte mich dem Unausgesprochenen in der Erzählung nähern, denn ich kannte den Kontext des Erlebnisses. Ich kannte den Raum, in dem die Erfahrung gewonnen wurde. Schließlich war ich mit dem Schriftsteller vor Ort gewesen. Ich befand mich ganz in der Nähe der Erfahrungen und Erlebnisse, die dem Schreiben vorangingen. Die Geografie des Geschriebenen war mir vorher schon präsent. Gemeinsam mit dem Schriftsteller. Wir teilten sie.

11. Besessenheit war für mich schon immer alles in der Kunst, auch in der Kunst des Übersetzens.

12. Denn am Ende bleiben wir stets allein: Autor und Übersetzer. Kann ich den Augenblick vergessen, als wir eingeschneit in einem liegen gebliebenen Bus, irgendwo zwischen Užice und Valjevo („im tiefsten Balkan“), vor Kälte mit den Zähnen klapperten und abwechselnd eine Mütze teilten, um unsere Ohren vor dem Erfrieren zu bewahren? Wir tranken Schnaps aus einer Flasche, die unter den gestrandeten Reisenden kreiste. Das war im Winter 1997.

13. Zwölf Jahre später erinnerte ich mich beim Übersetzen von „Die morawische Nacht“, warum weiß ich selbst nicht, an dieses Erlebnis im Bus bei Užice. Bisher ist diese Erzählung noch nicht in meiner Übersetzung erschienen. Das erweckt andere Gefühle.

14. Ist es Ärger über die Zeitverzögerungen beim Verlag? Über die desolaten Kassen der serbischen Verleger, die auch für Handkes Bücher kein Geld haben? Gibt es einen anderen Grund für das Nichterscheinen? Warum wurde die von Pierre Politz und mir geschriebene Drama-Fassung der Erzählung „Die morawische Nacht“ für das Belgrader Dramatische Theater zuerst bestellt und dann wieder abbestellt? Stören in Serbien heute die auch in dieser Erzählung enthaltene Kritik am Nato-Krieg des Jahres 1999 und die Sehnsucht nach dem inzwischen zerfallenen Staat Jugoslawien? Warum hatte man in den 1990er-Jahren mehrere Aufführungen der Stücke Handkes auf den Belgrader Bühnen verhindert? Warum unterstellten manche Medien Handke die Leugnung der Morde von Srebrenica, obwohl eine solche Behauptung in keinem seiner Texte steht?

15. Andererseits: Hat nicht gerade der Gewinner des Belletristikpreises der Leipziger Buchmesse, Clemens J. Setz, in seinem Interview mit der ZEIT gesagt: „Egal, ob man ihn ablehnt oder als stilistischen Meister betrachtet, (...) es ist schwer, in Handkes Werk nicht etwas zu finden, das einen umhaut.“ Zuvor hatte bereits sein serbischer Kollege David Albahari anlässlich von Handkes 65. Geburtstag im Jahr 2007 dem Belgrader Wochenmagazin NIN gesagt: „Peter Handke ist ohne jeden Zweifel einer der größten Schriftsteller unserer Zeit, ein Autor, dessen Werk uns den Atem raubt, ein Erzähler, dessen Leben und Sprache die Welt direkt widerspiegeln. (...) Ich bewundere seine Energie und die Bereitschaft, seinen Standpunkt bis zum letzten Atemzug zu verteidigen, selbst dann, und gerade dann, wenn alle gegen ihn sind.“

16. Peter Handkes Liebe zu Serbien ist ein Bekenntnis zu Jugoslawien. Seine Bücher, vor allem die über Jugoslawien und Serbien, habe ich immer auch als Literatur des Friedens gelesen.

Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert



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