Tragikomische Übersetzungen

Boris Buden

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Warum ist der Begriff der Übersetzung heute so gefragt? Schon längst bezeichnet er viel mehr als eine sprachliche Praxis. Neuerlich redet man von einer Übersetzung zwischen Kulturen. Auch die historische Entfaltung und geografische Verbreitung bestimmter kultureller Konzepte wird immer öfter im Sinne einer kulturellen Übersetzung verstanden. Ein gutes Beispiel bietet uns der Begriff des Modernismus. Es gilt als selbstverständlich, dass es dabei um eine westliche Kulturform geht. Das impliziert automatisch, dass etwa der chinesische Modernismus oder die kolonialen beziehungsweise (real)sozialistischen Modernismen „nur“ unterschiedliche Übersetzungen des westlichen Originals sind. Doch wie soll dann ihr Verhältnis zum Original verstanden werden? Handelt es sich um seine Kopien, die keinen Anspruch auf die eigene Authentizität haben, oder vielmehr um kreative Entfaltungen seiner im „originären“ Zustand verborgenen Potenziale? Die Antwort auf diese Frage ist von entscheidender Bedeutung für die Art und Weise, wie wir heute unsere Welt verstehen und uns in dieser Welt kulturell, politisch und moralisch verorten. Doch diese Antwort hängt davon ab, was wir unter dem Begriff der Übersetzung eigentlich verstehen.
Fassen wir es vorläufig zusammen: Übersetzung ist heute eine Art unausweichliche „Metapher der Metapher“ geworden, die aber, vielleicht gerade aus diesem Grunde, allzu oft missverstanden und missbraucht wird. Warum? Ich wage die Antwort: Das, was den Begriff der Übersetzung heute so konjunkturfähig macht, ist an erster Stelle seine Verwendbarkeit im Interesse ideologischer Manipulation. Ich weiß, das klingt übertrieben, aber ich bitte noch um ein bisschen Geduld.
Eine neuere Theorie der sprachlichen Übersetzung insistiert auf einem Vermittlungscharakter der Übersetzung. Im Unterschied zu den traditionellen Übersetzungstheorien, die sich fest an die klare Unterscheidung zwischen dem Original und seiner Übersetzung gehalten und entweder die eine oder die andere Seite privilegiert haben, sieht diese neue Theorie in der Übersetzung vor allem eine Art selbstständiger kultureller Praxis. Dementsprechend bilde Übersetzung einen Mittelweg oder einen Kompromiss zwischen verschiedenen Sprachen oder Kulturen. In der postkolonialen Theorie wird vom sogenannten „dritten Raum“ geredet: Kulturelle Übersetzung – auch sprachliche Übersetzung sei eine Form der kulturellen Praxis – artikuliere einen Raum der sogenannten kulturellen Hybridität, in dem es zur produktiven Vermischung und gegenseitigen Bereicherung der Kulturen kommen solle. Damit wird die Perspektive einer neuen Welt eröffnet, die nicht mehr wie eine Art Cluster von Nationen aussieht. Von einem neuen Internationalismus ist die Rede, der auf den Praxen der kulturellen Übersetzung basiere und verspreche, die kulturellen Ursachen der heutigen Nationalismen, vor allem die Vorstellung von homogenen nationalen Kulturen, endlich aufzuheben. Mehr noch: Im Konzept der kulturellen Übersetzung liege die Möglichkeit einer neuen emanzipatorischen Politik, deren Kern eine von Identitätszwängen befreite kulturelle Kreativität ausmache. Die Theorie findet sogar eine reale Personifikation dieser neuen Emanzipationsperspektive – in der Figur der Migranten und Migrantinnen. Als menschliche Verkörperung der gegenwärtigen Praxen kultureller Übersetzung sollten sie die Welt in eine bessere Zukunft führen.
Klingt vielversprechend, nicht wahr? Doch wie schaut dieses theoretische Versprechen in der Realität aus? Nehmen wir ein konkretes Beispiel und machen eine kleine Fallstudie. Zum Glück müssen wir nicht weit suchen. Ich selbst bin ein Migrant, der kulturell und politisch disloziert ist und sich in einem noch undefinierten transnationalen Raum bewegt. Darüber hinaus bin ich auch ein Übersetzer im altmodisch sprachlichen Sinne. Seit Jahren übersetze ich kleine Texte für eine im europäischen und sogar globalen Kontext sehr angesehene Kunstinstitution, die ihren Sitz in einem deutschen Nachbarland hat. Diese Texte – meistens sogenannte Wandtexte, die in den Ausstellungen die Künstlerinnen und Künstler und ihre Arbeit kurz und prägnant präsentieren – übersetze ich aus dem Deutschen ins ... na ja, da fängt das Problem schon an. Ich würde sagen, dass ich diese Texte in eine Sprache übersetze, die ich Kroatisch nenne, die sich jedoch nicht wesentlich von den Sprachen unterscheidet, die wir Serbisch oder auch Bosnisch nennen. Genauer gesagt, geht es dabei um ein und dieselbe Sprache, die sich in mehreren Varianten beziehungsweise unter unterschiedlichen nationalen Namen artikuliert. Klar: Die jeweiligen nationalistischen Linguisten und Slawisten verteidigen seit dem Zusammenbruch Jugoslawiens die vermeintliche linguistische Unabhängigkeit ihrer jeweiligen Sprache mit allen verfügbaren Mitteln – inklusive der Macht der Ministerien und der Diplomatie bis hin zur politischen Mobilisierung der Massen und Orchestrierung von regelrechten Hetzkampagnen gegen diejenigen, die sich getraut haben, die peinliche Wahrheit – „Das ist doch ein und dieselbe Sprache, ihr Trottel!“ – offenzulegen.
So hatte man zum Beispiel in Kroatien einen serbischen Film mit Untertiteln versetzt. Stellen Sie sich einen österreichischen Film in Berlin vor, obwohl die Unterschiede zwischen dem Serbischen und Kroatischen nicht so krass sind wie zwischen dem Österreichischen und dem Deutschen. Die Szene spielt vor einem Würstelstand. Im Untertitel: „Imbissstand“. Der Gast bestellt ein paar Frankfurter. Im Untertitel: „Ein paar Wiener bitte.“ Danach: „Und ein Achtel Rot.“ Der Untertitel: „Und ein Glas Rotwein.“ In den kroatischen Kinosälen begrüßte man diesen tragikomischen Übersetzungsversuch mit Lachsalven.
So hatte ich, wie gesagt, seit Jahren meine Übersetzungen an die oben angedeutete Adresse geliefert und in den Honorarnoten immer geschrieben: „ ... für die Übersetzung des Textes „xy“ aus dem Deutschen ins Bosnische/Kroatische/Serbische“ – bis vor einer Woche. Auch diesmal schickte ich per E-Mail meine Übersetzung, doch bald kam eine überraschende Antwort (im Folgenden Originalzitate):

Sehr geehrter herr buden,
ich habe jetzt erst gesehen, dass der text nur auf kroatisch übersetzt ist, wir bräuchten aber auch noch serbische und bosnische übersetzungen! Ich hoffe, das ist jetzt kein missverständnis!
haben Sie mit meiner kollegin etwas anderes ausgemacht?
Mit freundlichen grüßen,

Ich erwiderte mit dem Hinweis, dass es um ein und dieselbe Sprache geht und dass man im Falle der weiteren Übersetzungen des Textes in die anderen zwei Varianten diese werde auch bezahlen müssen. Prompt kam die Antwort:

Sehr geehrter Herr Buden,
es ist uns schon klar, dass das mehr oder weniger dieselbe sprache ist – nichts desto trotz MÜSSEN wir texte in allen sprachen anbieten. Ich würde Sie bitten, die anderen beiden varianten auch zu übersetzen.
Und natürlich werden Sie dafür bezahlt. Wir erwarten nicht, dass Sie gratis für uns arbeiten.
Mit freundlichen Grüßen,

Ich habe also – lächelnd – meine Übersetzung noch zweimal kopiert und im Sinne der zwei anderen Varianten, der serbischen und der bosnischen, jeweils leicht geändert, sodass ich am Ende drei statt eine Übersetzung an diese weltweit renommierte Kunstinstitution schicken konnte. Natürlich verdreifachte ich auch die Summe in meiner Honorarnote.
Ich selbst bestreite zwar explizit jeden Sinn und Zweck solcher vollkommen überflüssigen Übersetzungen, trotzdem habe ich sie gemacht. Sicherlich haben Sie jenes „MÜSSEN” (in Blockschrift) in der E-Mail meiner Auftraggeberin bemerkt. Es sagt: Vergiss die Wahrheit, trotz aller Evidenz dessen, was du behauptest vergiss den Sinn und Zweck dessen, was du tust vergiss sogar, was es kostet. Es gibt eine höhere Macht, die das alles regelt und die Entscheidungen an unserer Stelle trifft. Welche Macht denn? Man nennt sie Europa. Für die Historikerin Maria Todorova liegt die Ursache für die blutigen Kriege der 1990er-Jahre, in denen das ehemalige Jugoslawien zugrunde ging, nicht etwa in irgendeiner diesen Gebieten zugeschriebenen balkanischen Essenz, sondern vielmehr in der ultimativen Europäisierung des Balkans. Erfolglos bemühten sich die Balkanstaaten darum, das in Mitteleuropa geborene Ideal des ethnisch homogenisierten Nationalstaates als normative Form gesellschaftlicher Organisation zu verwirklichen. Kriege und massive Bevölkerungsverschiebungen waren die Folge. Und statt Räume kultureller Hybridität zu schaffen, macht Übersetzung heute noch mit – stellt Differenzen her und zieht Grenzen dort, wo es sie nie gab. Das ist das Geheimnis jenes „MÜSSEN“ meiner Auftraggeberin und der Macht, die dahinter steht.
Ich allein kann mich dieser Macht nicht widersetzen. Doch wir – wir, die es noch nicht gibt, die es aber geben sollte – könnten es vielleicht …



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