Das Dach als Liebesnest

Hartmut Fähndrich

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Niemand hat das Übersetzen je so schön beschrieben wie Rainer Maria Rilke. In seinem Gedicht über den für Übersetzer emblematischen „Sankt Christofferus“ heißt es: „So trat er täglich durch den vollen Fluss / Ahnherr der Brücken, welche steinern schreiten, / und war erfahren auf den beiden Seiten / und fühlte jeden, der hinüber muss.“ Im Alltag erinnert die Unerbittlichkeit dieser Arbeit an eine andere Metapher: Oft geht es Übersetzern wie dem heißen Eisen zwischen Hammer und Amboss.


Diktatur, Erdöl, Stagnation, Islam – diese Begriffe fallen vielen Deutschen als erste ein, wenn es um die arabische Welt geht, deren zeitgenössische Literatur ich übersetze. Die kulturellen Erwartungen, Fantasien und Vorurteile sind ein Beispiel für die Hammer-und-Amboss-Situation, in der sich Übersetzer wiederfinden. Dabei ist die arabische Welt in einer besonders schwierigen Situation: Wenn sich die politische Perspektive nach den Volksaufständen in Tunesien, Ägypten und Libyen vielleicht nun ändern mag, so bleibt doch die im deutschen Sprachraum immer noch verbreitete literarische Fixierung auf „1001 Nacht“, eine Erwartungshaltung, die durch zeitgenössische Schriftsteller oft nicht befriedigt wird.


Auch Autoren und Verleger sind wie Hammer und Amboss darauf bedacht, den Übersetzer nach ihrem Interesse zu schmieden. Mit dem Autor hat ein Arabischübersetzer mehr zu tun als ein Übersetzer aus anderen Sprachen, weil er ihn oft als Scout ausfindig macht, zu ihm Kontakt herstellt und ihm viele Fragen stellt. Immer ist der Autor überzeugt, sein Werk sei bedeutend, großartig und übersetzenswert. Jeder Schriftsteller sehnt sich danach, aus dem Käfig seiner eigenen Sprache herausgeholt zu werden. Er träumt von Ruhm und Reichtum, und der Übersetzer wird dafür verantwortlich gemacht. Der Verleger, im Fall des Arabischen fast ausschließlich Inhaber eines kleinen oder winzigen Verlags, hat auch seine Vorstellungen von den „Pflichten“ des Übersetzers. Er will schöne, ordentlich übersetzte, leicht und gut verkäufliche Texte erhalten. Teuer sollten sie auch nicht sein. 


Zentral ist jedoch die Hammer-und-Amboss-Situation zwischen der Ausgangs- und der Zielsprache. Im Smalltalk hört man manchmal, wie der Übersetzer, der „traduttore“, spöttisch lächelnd zum „traditore“, zum Verräter, erklärt wird. Menschen, die noch nie selbst etwas übersetzt haben, diskutieren über Texttreue, sinnieren über die adäquate Übertragung einzelner Wörter. Welche Wörter aus dem Arabischen am schwierigsten zu übersetzen seien, werde ich häufig gefragt. Dabei schwingt oft die Ansicht mit, da die Araber ja anders dächten als wir, könne das, was sie denken, nur schwer in die Sprache Schillers oder Goethes übertragen werden. Das ist ein Trugschluss. Am schwierigsten zu übersetzen sind nämlich die Dinge des täglichen Gebrauchs: Kleider, Mobiliar, bestimmte Geräte und Speisen. 


Deren Bezeichnungen muss man manchmal stehen lassen und so neue Wörter ins Deutsche einführen: Tarbusch, Fes und Turban sind längst in den Duden aufgenommen worden, die Galabija und der Hidschab sollten eigentlich bald folgen. Kebab ist Dudendeutsch, Köfte und Schawarma könnten es ruhig werden. Was im deutschen Sprachraum noch nicht heimisch ist, muss mit Anmerkungen erläutert werden: Die ägyptische Galabija ist ein langes Männerhemd, der Hidschab wird von saudi-arabischen Frauen getragen, Köfte bezeichnet gegrillte Hackfleischbällchen, Schawarma ein Grillgericht wie der Dönerkebap. Aber sollte man in arabischen Geschichten Schawarma mit dem eingedeutschten „Döner“ übersetzen?


Auch das Wort „sath“ muss man erläutern, denn es ist mit „Dach“ zu übersetzen, aber doch etwas ganz anderes als das deutsche Giebeldach. Immer wieder ist in arabischen Geschichte davon die Rede, dass sich ein Pärchen auf einem Dach zum Techtelmechtel unterm Sternenhimmel trifft, oder sogar, dass Hühner auf dem Dach gehalten werden. Hier ist die Vorstellungskraft der Leser gefordert, sich das im arabischsprachigen Raum übliche flache Dach vorzustellen, eine Art Dachterrasse, was als Übersetzung aber zu feierlich wäre. Das arabische „bait“ heißt „Haus“, muss manchmal aber als „Wohnung“ oder „Zimmer“ übersetzt werden – und in besonderem Kontext sogar als „Gedichtzeile“. Die beiden Wörter, das arabische und das deutsche, haben also kein identisches Bedeutungsfeld. Und das gilt wohl für jedes Wort mit Ausnahme gewisser wissenschaftlicher Begriffe.


Wenn eine Idee nachvollzogen ist, lässt sie sich im Allgemeinen auch wiedergeben. Der dem Volk der Tuareg entstammende libysche Romancier Ibrahim al-Koni ist für viele Araber ein höchst schwieriger Autor. Er schöpft aus Bibel und griechischer Literatur ebenso wie aus Tuareg-Mythen, islamischer Theologie oder neuerer europäischer Philosophie. Ihn zu verstehen ist wahrlich nicht einfach. Doch um seine Sprache wiederzugeben, gibt es auch im Deutschen sprachliche Mittel: Man kann sie im Ton und Vokabular frühneuzeitlicher Mystik ebenso finden wie in der getragenen Sprache der deutscher Klassik. Wenn Ibrahim al-Koni für „Wüste“ ein knappes Dutzend verschiedener Wörter verwendet, so verlangt die Wiedergabe im Deutschen die Kreativität, durch unterschiedliche Charakterisierungen neue Begriffe zu schaffen: zum Beispiel „kahle Weite“ oder „Weglosigkeit“.


„Weiß wie Schnee“ ist für ein Werk aus Oberägypten vielleicht kein naheliegender Ausdruck. Muss man also den arabischen Vergleich „weiß wie Milch“ beibehalten? Oder was wird aus der Eule, die eine Unglückseule, pardon, ein Unglücksrabe ist? Letzterer ist aber kein Nachtvogel! In der Kurzgeschichte „Nuna, die Gestörte“ von Salwa Bakr hört eine analphabetische Hausangestellte, wie eine Lehrerin ihrer Klasse das Auge erklärt und dabei den Begriff „insân al-‘ain“ verwendet. Dieser ist in Ägypten gebräuchlich für die Pupille und bedeutet wörtlich „Augenmensch“. Das Mädchen läuft daraufhin zum Spiegel und sucht in ihrem Auge nach Kopf, Beinen und Armen. Und in meiner deutschen Übersetzung? Hier versteht sie das Wort „Iris“ falsch, denkt an die Schwertlilien und sucht in ihrem Auge nach Stengel, Blättern und Blüten.


Derlei Probleme sind Legion. Was wären Schriftsteller wie Ibrahim al-Koni, Abd ar-Rahman Munif, oder der ägyptische Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfuz aber ohne Übersetzung? Im Arabischen eingesperrte Regionalautoren, gelesen von ein paar literarisch interessierten Landsleuten. Die Geltung ihrer Werke als Teil der Weltliteratur verdanken, ja schulden sie ihren Übersetzern – und dass die Herausforderungen der Übertragung doch alle irgendwie pragmatisch und kreativ lösbar sind, ist das Spannende an der Existenz zwischen Hammer und Amboss.



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