Tut’s nicht auch ein Dackel?

Gabriele Haefs

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Ob man eine Kultur übersetzen kann? Ich möchte mich dieser Frage durch ein paar Beispiele für Schwierigkeiten, die sich beim Übersetzen aus dem Schwedischen und Norwegischen ergeben, nähern. Es gibt einen Hund, den alle Übersetzerinnen und Übersetzer hassen, die norwegischen Autorinnen und Autoren lieben ihn heiß und innig: den Buhund – deutsche Züchter nennen ihn „norwegischer Buhund“, der Allgemeinheit ist er eher unbekannt. Können wir also, wenn in einem Krimi der Kommissar von einem Buhund ins Bein gebissen wird, mit guten Gewissen übersetzen, „er wurde von einem Buhund ins Bein gebissen“ und darauf vertrauen, dass schon niemand annehmen wird, hier sei der Hund eines Buhmannes gemeint? Ich finde, nein – und die meisten Kollegen, die so gern den Buhund verfluchen, sind da meiner Meinung. Wörterbücher helfen nicht weiter, da steht ausnahmslos: „spitzähnlicher Hund“. Sagen Sie das mal laut: „Der Kommissar wurde von einem spitzähnlichen Hund ins Bein gebissen“ – geht nicht. „In der Ferne bellte ein spitzähnlicher Hund“ – geht erst recht nicht. Eine Lösung für jede Gelegenheit gibt es übrigens nie beim Übersetzen, jedes Beispiel muss für sich geklärt und entschieden werden. So auch hier: Ist das Aussehen des Hundes wichtig, wie bellt er (tief, schrill, hektisch, eher gelassen), muss es unbedingt ein Buhund sein oder tut’s auch ein Dackel? Es kann aber noch schlimmer kommen, dann, wenn in der Ferne kein Buhund bellt, sondern ein „Lundehund“. Der taucht in den norwegisch-deutschen Wörterbüchern erst gar nicht auf. Und in den einsprachig norwegischen wird er beschrieben als „ein buhundähnlicher Hund“!


Aber lassen wir die Hunde für den Moment bellen und sehen wir uns ein anderes Beispiel an, peripher und im Grunde unwichtig, sollte man denken, aber es ist eben da und muss übersetzt werden. „Skandinavische“ Kriminalkommissare haben in den meis-ten Büchern einen auserlesenen Musikgeschmack, sie hören Opern (Anne Holts Billy T.) oder seltene Jazz-aufnahmen (Åke Edwardsons Kommissar Winter). Leif GW Persson, Schwedens meistgelesener Krimiautor und zudem Professor an der Stockholmer Polizeihochschule, sagt: „Nein, so was hören die nie und nimmer, schwedische Polizeibeamte hören Gammeldans.“ Gammeldans (wörtlich: „alter Tanz“) ist eine in Schweden und Norwegen verbreitete Musik- und Musikkulturform, bei der Akkordeon und Walzertakt dominiert, eine Musik zum Schunkeln, wenn man so will. Leif GW Perssons Kommissar also setzt sich ins Auto und legt erst mal eine Gammeldanskassette ein. Und was tut er in der deutschen Übersetzung? Hier, anders als beim Buhund, gibt es eine Lösung. Ende des 19. Jahrhunderts unternahmen die Brüder Schrammel aus Wien mehrere Tourneen durch Schweden und Norwegen und brachten ihre Musik und den Wiener-Walzer-Rhythmus unters Volk. Und diese Musik und keine andere wird heute Gammeldans genannt. Wenn ich das also mit Schrammelmusik übersetze, habe ich, historisch gesehen, mein Schäfchen im Trockenen und die Leser haben beim Lesen den richtigen Klang im Ohr.


Aber dann kann es passieren, dass der gestrenge Kritiker kommt und in seiner historischen Ahnungslosigkeit schreibt, so gehe das ja nicht, man könne doch keinen Wiener Musikstil einfach so in „Skandinavien“ ansiedeln. Zugegeben, mit der Schrammelmusik ist mir das noch nicht passiert, wohl aber mit „Derrick“. So bizarr das klingt, diese Serie war in Norwegen noch viel beliebter als hierzulande, und in norwegischen Büchern sitzt sehr oft irgendwer vor dem Fernseher und guckt gerade „Derrick“, wenn eine Katastrophe ausbricht. Bei Lesungen kommt dann immer wieder die Frage: „Was stand denn da eigentlich im Original?“


Buhund, Schrammelmusik und „Derrick“, eigentlich eher Nebensächlichkeiten, aber schon damit kann man viele Seiten füllen, und dabei sind wir noch nicht einmal bei den Dingen angekommen, die Alltag, Politik und Gesellschaft wirklich prägen, wie die rigide Alkoholpolitik (und damit verbunden der florierende Handel mit schwarzgebranntem Fusel), die weite Verbreitung von pietistischen und calvinis-tischen Sekten, die Fluchen, Alkohol, Schrammelmusik und jegliche sonntägliche Unternehmung außer dem Bibelstudium streng verurteilen. Doch ich will lieber ein Thema aufgreifen, das uns in Deutschland näherliegt als Alkoholverbote: die Familie. Die Familienstrukturen sind unseren ähnlich, die Probleme auch, aber im Norwegischen und im Schwedischen gibt es einfach viel mehr Bezeichnungen. Es gibt gesonderte Wörter für Großvater und Großmutter, je nachdem, ob mütterlicher- oder väterlicherseits. Es gibt ebenso unterschiedliche Bezeichnungen für Tanten und Onkel, es gibt ein Sammelwort für Vettern und Cousinen, es gibt ein kurzes Wort, „tremenning“, für Vettern und Cousinen zweiten Grades, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ein kleiner Junge in einem Kinderbuch, der seinen heiß geliebten Opa väterlicherseits verloren hat, wird vom ebenso heiß geliebten Opa mütterlicherseits getröstet, dann gehen sie zusammen mit einer Tante mütterlicherseits zum Friedhof und treffen dort einen Vetter zweiten Grades ohne Angabe von welcher Seite. Dies alles erzählt der Knabe dann einer Cousine oder einem Vetter ersten Grades väterlicherseits, denn es gibt auch ein Wort, das nur das verwandtschaftliche Verhältnis anzeigt, ohne Information über das Geschlecht der betreffenden Person zu geben. Das Beispiel stammt aus einem Buch des norwegischen Autors Sverre Henmo und in meiner Verzweiflung habe ich mich damit aus der Affäre gezogen, indem ich den einen Großvater von Anfang an „Opa“ genannt habe und den anderen „Opi“, und als der Opa stirbt, tröstet der Opi, und alle Gleichaltrigen wurden zu Vettern und Cousinen. Schön ist das alles nicht, aber es hilft ja nichts, es muss lesbar sein und keine Lektion in Sippenlehre. Wobei ich noch kurz erwähnen möchte, dass die Sitte, einem Kind gegenüber jeden erwachsenen Mann als „Onkel“ zu bezeichnen, in Schweden weit verbreitet ist (in Norwegen dagegen gar nicht). Die vielen „Onkel“ sind aber immer nur Onkel väterlicherseits, „farbror“, wörtlich „Vaterbruder“. Warum das so ist, weiß nicht einmal die schwedische Soziologie. Bei Übersetzungen von schwedischen Kinderbüchern wurde die Sache mit den Onkeln übrigens früher gnadenlos wörtlich übersetzt, ich war sicher nicht das einzige Kind, das sich wunderte, warum die Leute in Tove Janssons „Geschichten aus dem Mumintal“ so komisch redeten: „Kann der Onkel mir den Weg durch den Park zeigen?“ Eine weitere Eigenart der Sprecher des Norwegischen und Schwedischen ist ihre Liebe zu Titeln. Der norwegische Autor Jan Mehlum hat eine Nebenfigur, die früher Richter beim Obersten Gericht war. Auf Norwegisch klingt das nicht ganz so gestelzt, aber doch schlimm genug: „Høyesterettsdommer“. Es ist ganz üblich, solche Personen mit Titel anzureden, aber in der dritten Person: Würde der Richter sich bitte setzen? Damit es auf Deutsch nicht zu sehr klingt wie im 19. Jahrhundert, kann ich natürlich schreiben: „Bitte, setzen Sie sich, Herr Larssen.“ Aber das kann ich nur, wenn der Autor mir verrät, wie der Richter heißt. Was nicht immer der Fall ist. Die einfachste Lösung ist dann, den Autor zu fragen, das Problem zu erklären und um einen Namen zu bitten. Manchmal sagt der Autor: „Denk du dir einen Namen aus.“ Es ist nicht immer leicht, der Versuchung zu widerstehen, solche Leute „Zibebenstrudel“ zu taufen. Immerhin wird mit der Namensgebung das leidige Problem gelöst, ob die Leute „du“ oder „Sie“ zueinander sagen sollen – denn in skandinavischen Ländern wird sehr viel mehr geduzt als bei uns. Anne Holts Roman „Der norwegische Gast“ spielt in einem Hochgebirgshotel, wo alle beteiligten Personen eingeschneit sind. Zu Anfang geht es zivilisiert zu, Arzt, Kommissarin und Pastor, alle reden einander mit Titel und Rang an – in der Übersetzung siezen sie sich folglich. Als sie nach einigen Tagen noch immer eingeschneit sind, ist Schluss mit dem guten Benehmen, sie waschen sich nicht mehr, sauen bei Tisch herum und fangen am Ende sogar an, sich mit Vornamen zu nennen – und ab hier konnte ich sie dann mit gutem Gewissen „du“ sagen lassen.


Den Autor oder die Autorin zu fragen, damit die Übersetzung lesbar ausfällt, ist oft eine gute Hilfe. Die Antwort kann aber auch zu ganz neuen Überraschungen führen. Die norwegische Autorin Unni Lindell lässt in ihrem Kriminalroman „Der Eismann“ am Tatort einen Zeugen mit seinem Buhund herumschnüffeln. Auf die Frage, was ich mit dem Buhund machen soll, antwortete die Autorin kurz und herzlos: „Mir doch egal, Hunde interessieren mich ohnehin nicht.“ Dass es in der deutschen Ausgabe nun ein Spitz ist, kommt jetzt sicher nicht überraschend, besonders fantasievoll war es nicht.



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