Fürchtet euch nicht!

Daniel Everett

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Auf nach Brasilien, lautete mein Auftrag. Ich war Missionar der Wycliffe Bible Translators und hatte vor meiner ersten Reise in das südamerikanische Land Übersetzungskurse besucht. Die waren anfangs eine große Hilfe. Aber kein Kurs hatte mich darauf vorbereitet, welche Rolle die Kultur im Übersetzungsprozess spielt. Damals war ich noch naiv genug zu glauben, dass Übersetzen einfach hieße, eine Bedeutung in einer Sprache zu erfassen und in einer anderen wiederzugeben.


Im tiefsten Urwald des Amazonas versuchte ich 1977, dem Stamm der Pirahã von Johannes dem Täufer in der Wildnis von Judäa zu erzählen. Mein Problem lag darin, Menschen, die nur Bäume, Büsche und Regen kannten, eine karge Wüste nahezubringen. Als während der Trockenzeit der Wasserstand des Flusses unseres Dorfes sank und ich hoffnungslos aus meiner Strohhütte starrte, entdeckte ich am gegenüberliegenden Ufer einen Strand. Also nannte ich die Wüste von Johannes dem Täufer „einen Ort ohne Regen, ein Land wie ein großer Strand ohne Bäume und mit nur wenig Wasser“. Die Pirahã stellten mir viele Fragen, aber vor allem interessierte sie, ob ich diesen Ort selbst gesehen hätte. Ich erwiderte, dass dort, wo ich aufgewachsen war, im heißen, trockenen Imperial Valley von Kalifornien, die Gegend genau so aussah. Durch den Bericht meiner persönlichen Erfahrung schienen die Pirahã den Begriff „Wüste“ anzunehmen und ich war mit meiner Übersetzung zufrieden. Aber bald erwies sich diese erste Herausforderung als banal im Vergleich zu dem, was folgte: Ich musste diesen Menschen sagen, dass sie ohne den Heiland Jesus in die Hölle kämen. Ich musste ihnen sagen, dass sie verloren waren, und das hieß, dass ihre eigenen Überzeugungen falsch waren.
 Diese kulturelle Konfrontation machte mir bewusst, dass Übersetzen viel mehr bedeuten konnte, als nur die passenden Worte zu finden. Übersetzen kann heißen, einen Menschen in neue, unpassende Kleidung zu stecken.


Doch ich dachte, dass ich mit den richtigen visuellen Hilfsmitteln mit den Pirahã schon arbeiten und die Bibel gut in ihre Sprache übersetzen könnte. Im Hauptsitz der Missionsgesellschaft in Porto Velho fanden meine Frau und ich einen alten Projektor und eine Reihe Filme mit Geschichten aus dem Neuen Testament. Wir wickelten Projektor und Filmrollen in grobe Plastikfolien, um sie in unserem kleinen Motorboot trocken in das Dorf der Pirahã zu schaffen. Dort begannen wir, die Menschen jeden Abend zu uns einzuladen, um die Filme anzuschauen.
 Ich dachte, das würde wunderbar funktionieren. Die Pirahã würden sich die Filme ansehen und beschreiben, was sie sahen. Anhand dessen würde ich die Geschichten aus dem Neuen Testament übersetzen. Der erste Abend verlief sehr gut. Alle kamen, um die Filme zu sehen – und um Kaffee zu trinken und Popcorn zu essen, wie wir es ihnen versprochen hatten.


Die Pirahã sahen Bilder von Menschen auf Kamelen und beschrieben, dass sie Menschen auf hässlichen großen Tapiren gesehen hatten. Nun gut – ich machte mir Notizen. Dann zeigte ich ihnen Bilder von Jesus, und schließlich von Jesus am Kreuz mit Nägeln durch Hände und Füße. Die Pirahã beschrieben das so: „Sie haben ihn auf Holz getötet. Sie haben Nägel durch seine Hände gesteckt. Sie haben seine Füße festgenagelt. Sie haben ihn mit einem großen Messer erstochen.“
 Während die Filme Jesus erst tot und dann wieder lebendig zeigten, erzählte ich, dass er starb und dann wieder auferstand. Die Pirahã schauten, hörten zu und unterhielten sich dabei. Einer fragte, ob Jesus nur schlafe. Ich sagte, nein, er sei tot. Und dann stehe er trotzdem wieder zu neuem Leben auf.


Nach einigen Tagen kamen weniger Pirahã zu den Vorführungen. Ich fragte einen der Männer, ob ihm die Filme gefallen hätten. Er sagte: „Wir wollen nichts von Jesus hören. Die Frauen haben Angst vor ihm. Letzte Nacht ist er in unser Dorf gekommen, hat unsere Frauen gejagt und versucht, mit seinem großen Penis in sie einzudringen.“ Mit seinen Händen zeigte mir der Mann, wie lang Jesu Penis war: fast einen Meter.
 Ich musste schlucken – und lachen. Dies war ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass die Kommunikation meinerseits gescheitert war. Die Pirahã hatten keine Probleme damit, fremde Geschöpfe und Länder zu begreifen. Sie verstanden, dass es Arten zu leben gab, die sich von ihrer sehr unterschieden. Aber Wunder konnten sie nicht verstehen und auf ihre Art baten sie mich, nicht mehr davon zu reden.
 Doch dann dachte ich wieder, dass die Übersetzung vielleicht nur nicht geklappt hatte, weil ich das falsche Hilfsmittel benutzt hatte. Wenn Pirahã sich mit nicht Pirahã unterhalten wollen, benutzen sie eine von mir so genannte „musikalische Sprache“. Diese Art des Sprechens hebt die Tonlage jeder einzelnen Silbe hervor und verändert den normalen Sprachrhythmus so, dass eine Art Gesang entsteht. Ich übersetzte einige Bibelgeschichten ins Pirahã und trug sie in der musikalischen Sprache vor. Einige Kinder sangen mir gleich nach. Aber die Lieder fanden nie wirklich Anklang. Die Pirahã sagten, dass sie die Menschen, von denen sie sangen, einfach nicht kannten.


Also ließ ich einen der Pirahã die Übersetzung des Markus-Evangeliums Satz für Satz auf Tonband sprechen. Es wurde professionell geschnitten und Soundeffekte wurden hinzugefügt, beispielsweise Blitze und Donner – passend zu den Geschichten. 
 Doch auch das funktionierte nicht. Als die Pirahã die Aufnahmen hörten, fragten sie, wer da spreche: „Na, euer Freund Piihoatai“, antwortete ich. „Aber er glaubt nicht an Gott. Er glaubt nicht an Jesus. Er ist wie wir“, erwiderten sie.
 Die Pirahã lehnten meine Übersetzungsbemühungen nicht ab, weil sie die Worte oder den tiefen Sinn nicht verstanden. Sie lehnten sie ab, weil die Ideen und Überzeugungen, von denen ich sprach, die kulturellen Werte der Pirahã verletzten. Diese Menschen glaubten nicht an Wunder. Sie glaubten nicht daran, dass irgendjemand das Recht besäße, einem anderen zu sagen, wie er zu leben habe. Und vor allem sprechen Pirahã nicht über Dinge, die keiner von ihnen gesehen hat oder wofür es keine Augenzeugenberichte gibt. Spezielle Endungen der Verben zeigen sogar an, ob die Informationen auf eher zufälligem Mithören, Schlussfolgerungen oder Beobachtungen beruhen. Einmal fragten die Pirahã mich, ob ich Jesus gesehen hätte: „Ist seine Haut dunkel wie unsere oder weiß wie deine?” Als ich darauf keine Antwort wusste, weil ich Jesus ja nie gesehen hatte, fragten die Pirahã: „Warum erzählst du uns dann von ihm?“ Es war, als ob ich sie überzeugen wollte, Rüstung zu tragen oder imaginäre Wesen zu jagen. Sie mochten mich, aber sie würden meinen Aberglauben nicht teilen. Viele Menschen in den modernen Industrienationen glauben an übernatürliche Dinge. Wieso die Pirahã nicht?


Menschen aus europäischen Kulturen lehnen viele befremdliche Überzeugungen ab. Doch jemand, der an schwarzer Magie zweifelt, mag dennoch den ebenso unfassbaren Bibelgeschichten Glauben schenken, wie solchen, dass jemand über Wasser läuft, von den Toten auferstehen oder 5.000 Menschen mit ein wenig Brot und Fisch satt werden. Menschen aus Zivilisationen, die das Christentum angenommen haben, können andere Menschen, die an Magie und Wunder glauben, akzeptieren, wenn diese Geschichten aus der Bibel stammen, aber selten, wenn sie auf anderen Quellen beruhen. Das liegt daran, dass die Bibel seit über 2.000 Jahren von der westlichen Kultur aufgenommen wird und sie formt. Die Kultur des Nahen Ostens, die unsere Kultur genährt und beeinflusst hat, ist uns so vertraut und mit unserem Hintergrundwissen so verwoben, dass wir die fantastischen Geschichten der Bibel anders aufnehmen als sonstige nicht empirisch belegbare Behauptungen.


Den Pirahã fehlt dieser kulturelle Hintergrund. Und sie wollen ihn sich auch nicht aneignen. Erfolgreiche Übersetzungen bringen die Menschen dazu, auf neue Begriffe wie Muttersprachler zu reagieren. Aber die Muttersprachler verbindet eine Kultur, die die neuen Zuhörer vielleicht gar nicht annehmen wollen. Immer wenn Kulturen aufeinanderprallen, wird das Übersetzen schwierig, vielleicht ist es sogar niemals vollkommen erfolgreich.


Aber es gab eine Sache, die durch meine Begegnung mit den Pirahã erfolgreich übersetzt wurde: Der Unglaube der Pirahã ersetzte meinen Glauben. Nachdem ich mehr als sieben Jahre bei ihnen gelebt hatte, übernahm ich viele ihrer Ansichten. Ich gab meinen christlichen Glauben auf, den zu überbringen ich zu ihnen gekommen war. Ich hatte sie nicht zum Himmel geführt, aber sie mich zur Erde.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch



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