Was kommt an?

von Sigrid Löffler

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Die Vorwürfe gegen Literaturkritiker in Sachen Übersetzungskritik sind alt – aber deshalb noch lange nicht unberechtigt. Wir kennen das traditionelle Lamento über die mangelnde Anerkennung und Wertschätzung der Übersetzer, einer notorisch unbedankten Branche, die sich als Wasserträger des internationalen Literaturbetriebs missachtet fühlt. Seit jeher klagen literarische Übersetzer, dass in Rezensionen ihre Übertragungsleistungen zumeist entweder totgeschwiegen oder mit leeren Lobesfloskeln leichthin abgefertigt werden („Für die sachgerechte Übersetzung sorgte N. N.“). Klar, dass solch achtlose Pflichterwähnungen keinem nützen – nicht dem Buch, nicht dem Übersetzer, nicht dem Leser.

Tatsächlich nimmt die deutsche Literaturkritik die Arbeit der Übersetzer in der Regel nur dann wahr, wenn es etwas zu nörgeln gibt. „Lost in Translation“ – das ist ein Thema, in das sich manche Kritiker lustvoll verbeißen können, wenn sie sich geärgert haben. „Conserved in Translation“ – das ist kein Thema und wird daher selten einer lobenden Erwähnung gewürdigt.

Und natürlich ist es für Kritiker angesichts zahlloser, unter Zeitdruck hastig angefertigter Routineübertragungen immer ein Leichtes, sprachliche Unarten und Unzulänglichkeiten von Übersetzern genüsslich aufzuspießen. Wann beispielsweise wird es sich in der Zunft endlich -herumsprechen, dass „all the people“ nicht „die ganzen Leute“ heißt? Und dass der australische „gum tree“ kein Gummibaum, sondern ein Eukalyptusbaum ist? Auch die Verlags-Unsitte, aus Beschleunigungsgründen etwas umfangreichere ausländische Romane auf zwei oder mehr Übersetzer aufzuteilen, spielt der Kritik die Argumente in die Hände. Erst recht die Trickserei mit Sekundärübersetzungen – nicht aus der Originalsprache, sondern aus einer (oft dubiosen) englischen Version. Jeder Kritiker kann da Beispiele für Verhunzungen anführen.

Das alles sind freilich Scheingefechte, die von der Grundfrage nicht ablenken können, die sich die deutsche Literaturkritik gefallen lassen muss, der Frage nämlich: Nach welchen Kriterien will sie eigentlich Übersetzungen aus Sprachen beurteilen, die der Kritiker nicht beherrscht? Denn naturgemäß werden Kritiker der meisten Sprachen, aus denen sie Literatur in Übersetzungen lesen, nicht mächtig sein. Das gilt nicht nur für das Estnische, Ukrainische oder Albanische schon bei Übersetzungen aus dem Französischen werden deutsche Kritiker oft auffallend schweigsam.

Soll also ein Kritiker nur Übersetzungen aus Sprachen beurteilen dürfen, die er beherrscht? Nicht unbedingt. Die Zielsprache sollte er allerdings beherrschen. Sein Stilgefühl, sein geübtes Gespür für literarische Tonlagen und Stimmungen, sein Sensorium für das Tempo und die Geschmeidigkeit von Dialogen sollten es ihm ermöglichen, die Angemessenheit von Übersetzungen zu erkennen und zu beurteilen, auch wenn er die Ursprungssprache nicht beherrscht. Das Kriterium der Wirkungsäquivalenz gilt als das übergeordnete Prinzip bei Übersetzungen. Der Kritiker sollte imstande sein, zumindest die Sprachschönheit der Übersetzung zu würdigen, selbst wenn er die Sprachtreue nicht immer überprüfen kann.

Auch wenn der Kritiker nicht Ungarisch kann, wird ihm der Qualitätsunterschied kaum entgangen sein, der zwischen den glanzlosen Übersetzungen früherer Romane von László Krasznahorkai und den eleganten deutschen Fassungen seiner jüngsten Werke besteht. Auch wenn er nicht Türkisch spricht, wird er bemerkt haben, dass den Romanen Orhan Pamuks, seit er Nobelpreisträger ist, dank einem neuen Übersetzer eine neue Prägnanz, Klarheit und Leichtigkeit zugewachsen ist. Und dass Terézia Mora für die quecksilbrige, selbstironische und assoziativ ausschwingende Prosa Péter Esterházys dank ihrer Brillanz und ihrem Sprachwitz eine kongeniale Übersetzerin ist, wird kein deutscher Kritiker übersehen haben.

Gleichwohl werden die Klagen der Übersetzer über mangelnde Aufmerksamkeit seitens der Literaturkritik wohl nicht verstummen. Die Wahrheit ist leider: Übersetzungskritik ist keine sehr prickelnde Textsorte. Nur schwer lässt sich ein Tonfall der Rechthaberei und des kleinlichen Genörgels vermeiden, wenn notwendigerweise Einzelbeispiele herausgegriffen werden müssen, was erstens immer ungerecht ist und sich zweitens langweilig und erbsenklauberisch liest. Ob da Übersetzer nicht vielleicht manchmal sogar besser fahren, wenn es lapidar heißt: „Für die sachgerechte Übersetzung sorgte N.N.“?



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