Andere Felder, andere Grashüpfer

Axel Krohn

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Gärtner muss man nicht unbedingt sein, um das Sprichwort „Man muss den Baum biegen, solange er jung ist“ deuten zu können. Und auch wenn man die Redewendung aus Kamerun noch nie zuvor gehört hat, erschließt sich einem dennoch schnell, was damit gemeint ist: „Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist.“ Ähnlich verhält es sich mit dem russischen Sprichwort „Besser die Meise in der Hand als den Kranich am Himmel“. Ein kleiner Griff in die ornithologische Trickkiste und schon wandelt sich die Redewendung zu der uns geläufigen Variante: „Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ Wie lässt sich erklären, dass das gleiche Sprichwort in unterschiedlichen Sprachen verschiedene Formulierungen hervorgebracht hat? Weder handelt es sich bei den einzelnen Varianten um grobe Übersetzungsfehler, noch lassen sich die Unterschiede dadurch erklären, dass es in Russland keine Spatzen oder Tauben gäbe. Was steckt also dahinter, dass selbst entfernteste Völker und Kulturen im Laufe der Jahrhunderte Sprichwörter gleichen Inhalts hervorgebracht haben?
Die Wissenschaft definiert ein Sprichwort als einen allgemein bekannten, fest geprägten Satz, der eine Lebensregel oder Weisheit in prägnanter, kurzer Form ausdrückt. Ein Sprichwort ist damit ein kulturelles Gut, das auf Erfahrung aufbaut und situationsbezogen als Ratschlag oder Weisheit wiedergegeben wird. Viele der heute gebräuchlichen Sprichwörter sind bereits viele Jahrhunderte alt und haben in Bezug auf ihren Inhalt bis zur heutigen Zeit nichts an Aktualität eingebüßt. Man kann sie grob in drei Gruppen unterteilen.

Einige Redewendungen könnte man als „internationale Klassiker“ bezeichnen. Sie existieren in einheitlicher Form seit langer Zeit in verschiedenen Sprachen und Ländern. Hierzu gehört zum Beispiel: „Der Würfel ist gefallen“, im lateinischen Original: „Alea iacta est“, ein Ausspruch von Julius Cäsar, der zu Zeiten des Römischen Reiches in die verschiedensten Ecken der antiken Welt getragen wurde. So wie dieser Klassiker wurden viele Sprichwörter im Laufe der Zeit durch territoriale Eroberungen, kulturelle und sprachliche Strömungen sowie durch Missionierungsunternehmungen verbreitet. Diese Art der Streuung von Redewendungen setzte sich mit den Völkerwanderungen des Mittelalters, der Eroberung Amerikas und dem Kolonialismus fort und endet in der heutigen Zeit mit dem überall verfügbaren Medium Internet.

Eine zweite Gruppe von Redewendungen umfasst Sprichwörter, die sich als Eigengewächse bestimmter Sprachen, Länder oder Kulturen darstellen und nur in ihrem jeweiligen Umfeld verbreitet sind. Hierzu gehört zum Beispiel das finnische Sprichwort „Wer kein Jucken verspürt, der braucht nicht in die Sauna zu gehen“ oder die irische Redewendung „Was Butter und Whiskey nicht heilen, dafür gibt es keine Heilung.“ Die Sprichwörter dieser Gruppe beziehen sich stark auf lokale Vorlieben oder Eigenarten, die für die Herkunftsregion spezifisch sind. Ein weiteres Beispiel aus dieser Gruppe ist das isländische Sprichwort „Ein gutes Pferd hat keine Farbe“, das sich mit dem Unterschied von inneren und äußeren Werten beschäftigt. Die Isländer haben im Laufe der Geschichte eine enge, teilweise mystische Beziehung zu den von ihnen gezüchteten Islandpferden aufgebaut. Diese Pferde zeichnen sich durch ihre robuste und widerstandsfähige Natur und eine Vielfalt an Fellfarben aus. Mit dem Sprichwort drücken die Isländer aus, dass Eigenschaften wie Zähigkeit und Charakter wichtiger sind als äußerliche Schönheit – bei den Menschen wie bei den Pferden.

Zuletzt gibt es noch eine dritte Gruppe von Sprichwörtern. Diese umfasst Redewendungen, die mehr oder weniger unabhängig voneinander in verschiedenen Ländern und Sprachen parallel entstanden sind. Die Sprichwörter dieser Gruppe haben dieselben inhaltlichen Aussagen, zeichnen sich jedoch durch landesspezifische Formulierungen, Metaphern oder Symbole aus. Die eingangs erwähnte Redewendung aus Kamerun gehört dazu. Sie existiert in vielen Varianten, zum Beispiel:
„Der Sand lässt sich scharren, solange er feucht ist.“ (Kongo)
„Man muss sich um seine Zähne kümmern, solange sie noch im Mund sind.“ (Nigeria)

In unzähligen Varianten existiert auch das Sprichwort „Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“:
„Besser den Spatz in der Hand als die Krähe auf dem Zaun.“ (Rumänien)
„Besser die Meise in der Hand als den Kranich am Himmel.“ (Russland)
„Besser einen Salzhering auf dem eigenen Tisch als ein frischer Hecht auf dem Tisch eines anderen.“ (Dänemark)
„Lieber einen Mund voll Salzigem als einen Bauch voll Salzlosem.“ (Estland)
„Lieber heute das Ei als morgen die Henne.“ (Türkei)

Auch wenn es um die Bewertung eines Erfolges geht, ist man sich international einig, obwohl die Völker, die diese Sprichwörter hervorgebracht haben, in ihrer historischen Entwicklung wenig Gemeinsamkeiten aufzeigen:
„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“ (Deutschland)
„Man soll die Fische nicht zählen, bevor sie im Netz sind.“ (China)
„Man soll die Hühner nicht zählen, bevor sie im Sack sind.“ (Nigeria)
„Man soll die Küken nicht zählen, bevor sie aus dem Ei sind.“ (Saudi-Arabien)
„Man soll das Fell nicht verkaufen, bevor der Bär erlegt ist.“ (Schweden)

Wie lässt es sich erklären, dass das gleiche Sprichwort in den verschiedenen Sprachen in unterschiedlichen Formulierungen entstanden ist? Oder anders herum gefragt: Wie kommt es, dass unterschiedliche Kulturen unabhängig voneinander Sprichwörter identischen Inhalts hervorgebracht haben? Die Antwort ist philosophischer Natur und ebenso einfach wie faszinierend: Die Sprichwörter stimmen inhaltlich überein, da sie die großen Themen des Lebens wie beispielsweise Reichtum und Armut, Liebe und Hass, Glück und Unglück oder Mut und Angst widerspiegeln. Die in diesen Gegensätzen innewohnenden Spannungsfelder sind weder auf einzelne Länder noch auf Kulturen oder Sprachen begrenzt. Sie sind vielmehr universelle Themen der Menschheit und lassen diese dritte Gruppe von Sprichwörtern zu Botschaftern der Völkerverständigung werden. Denn auch wenn es „andere Länder, andere Sitten“ heißt oder wie man in Indonesien sagt: „andere Felder, andere Grashüpfer andere Meere, andere Fische“, so zeigen die Sprichwörter dieser dritten Gruppe, dass die Menschen so unterschiedlich gar nicht sind und es durchaus möglich ist, einander zu verstehen. Wenn sich Menschen unterschiedlicher Muttersprachen miteinander unterhalten oder ein Dolmetscher versucht, ein Sprichwort in eine andere Sprache zu übersetzen, entstehen mitunter schöne Stilblüten, die jedoch häufig gar nicht bemerkt werden, da das Gehirn des Empfängers die Botschaft automatisch und unbewusst in die ihm bekannte Variante überträgt. Wer einem Briten, der gerade einen Mietvertrag unterzeichnet, ohne die Wohnung besichtigt zu haben, ein „Don’t buy the cat in the sack“ als wörtliche Übersetzung von „Du sollst die Katze nicht im Sack kaufen“ an den Kopf wirft, hat gute Chancen, dass sein Gegenüber nicht einmal stutzt. Wenn der Kontext so klar ist und auch der Sprachrhythmus der englischen Variante „Don’t buy the pig in the poke“ so ähnlich, wird dem Briten diese kleine Übersetzungsschwäche vielleicht gar nicht auffallen.
Die Beispiele der dritten Gruppe zeigen, wie vielseitig die Formulierungen universaler Weisheiten in einzelnen Sprachen und verschiedenen Kulturen ausfallen können. Da man Sprichwörter zumeist nur in der Muttersprache kennt, fördert ein Blick auf die Redewendungen anderer Sprachen oftmals überraschende Varianten des Bekannten zutage. Diese erweitern nicht nur den Blickwinkel, sondern helfen auch, die Kultur eines Landes besser zu verstehen. Oder wie es ein indianisches Sprichwort ausdrückt: „Die Kraft einer Sache liegt in deren Bedeutung und in dem Verständnis, das wir dafür haben.“



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