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Esther Allen

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Als der chinesische Präsident Hu Jintao im Januar die Vereinigten Staaten besuchte, sprach er Chinesisch. Das kam sehr unterschiedlich an. Laut ABC News-Blog nahm die neunjährige Sasha Obama, die in der Schule Chinesisch lernt, die Gelegenheit wahr, nach dem Staatsbankett im Weißen Haus ein paar Sätze Mandarin mit Präsident Hu zu wechseln. Der konservative Radiomoderator Rush Limbaugh hingegen, der den Anschein erweckt, als hätte er nicht sehr viel linguistische Bildung genossen, war frustriert, als er eine Rede von Hu im Fernsehen verfolgte. Die Übersetzungsvorgänge dauerten ihm zu lang. Deshalb verfiel er auf die Idee, Hus Worte phonetisch zu transkribieren, um sie seinen Zuhörern wiederholen zu können. Unfähig, seine eigene Handschrift zu entziffern, gluckste Limbaugh schließlich: „Er macht ‚ching, chong, ching, chong, cha‘.“


Es ist nicht bekannt, ob Hu Jintao Englisch kann. Falls nicht, trennt ihn dies von einer ständig wachsenden Zahl seiner Landsleute. Bei einer Rede im Jahr 2005 in Peking sagte Gordon Brown, dass es „in 20 Jahren“ in China mehr Englischsprecher geben werde als Englisch-Muttersprachler im Rest der Welt. 2010 machte die HSBC Bank daraus eine Plakatwerbung – nicht als Zukunftsvision, sondern als Realität: „Five times more people are learning English in China than there are people in England. The world belongs to those who see its potential.“ („Es lernen fünfmal mehr Chinesen Englisch, als es Engländer gibt. Die Welt gehört denjenigen, die ihre Möglichkeiten erkennen.“)


Ein neues Buch von Robert McCrum mit dem Titel „Globish“ (Norton, New York, 2010) liefert eine selbstgefällige Sicht auf die Frage, „wie die englische Sprache zur Weltsprache wurde“. Diesen Aufstieg führt McCrum auf Tugenden der Sprache und auf die Geschichte der Völker, die sie gesprochen haben, zurück. Eine der Besonderheiten des Englischen, die McCrumb feiert, ist die Leichtigkeit, mit der es Wörter aus anderen Sprachen entlehnt und integriert. Und in der Tat hat auch McCrumb sich den Ausdruck „Globish“ von einem Franzosen, Jean-Paul Nerrière, geliehen. In Nerrières Sinn bezeichnet „Globish“ jedoch ein erheblich simplifiziertes Englisch, mit einem Wortschatz von nur 1.500 Wörtern, das er aus rein praktischen Gründen für all jene weltweit entworfen und niedergeschrieben hat, die einen einfachen Zugang zur globalen Lingua franca brauchen. 


Seit das Englische seinen Status als Lingua franca festigt, gibt es für Muttersprachler immer weniger Anreize, dem Beispiel Sasha Obamas zu folgen und andere Sprachen zu lernen. Betrachten wir zudem die globale Dominanz englischsprachiger Veröffentlichungen im weltweiten Verlagswesen – es wird exponenziell mehr exportiert als in Form von Übersetzungen importiert –, so ergibt sich tatsächlich eine merkwürdige Situation: Englisch ist eine Sprache, die nur sehr wenig Kultur anderer Sprachen hereinlässt, obwohl sie rund um die Erde als Mittel grundlegender Verständigung für nahezu jedermann immer wertvoller wird, weil gerade diese Zweckmäßigkeit die Tendenz ihrer Sprecher zur Einsprachigkeit weiter festigt. Das ist eine wirklich bizarre Kombination von globaler Allgegenwart und Isolation.


In den letzten fünf Jahren gab es hier in den Vereinigten Staaten diesbezüglich zwei gegenläufige Entwicklungen. Zum einen wurden literarische Übersetzungen, besonders für jüngere Menschen, ein sehr dringliches Anliegen. Neue Journale, sowohl im Print als auch online, entstanden – Calque, Cipherjournal, Circumference Magazine, Guernica, the Literary Saloon, Three Percent, Words Without Borders und viele mehr. Einige davon widmen sich ausschließlich literarischen Übersetzungen, andere binden sie als zentrales Thema ein. Neue kleine Verlage für Übersetzungen wurden gegründet – Archipelago, Open Letter, Europa Editions –, während andere, die es schon länger gibt, wie New Directions und Dalkey Archive Press, ihr Engagement für Übersetzungen wiederbelebten. Selbst Amazon.com ist diesem Trend gefolgt und hat unter dem Namen „Amazoncrossing“ eine neue Buchreihe für Übersetzungen gegründet, die in den ersten paar Monaten ihres Bestehens bereits etwa 15 Bücher herausgegeben hat. Seit zwei Jahren gibt es einen Preis für literarische Übersetzungen in den USA, den Best Translated Book Award nach dem Vorbild des Independent Foreign Fiction Award in Großbritannien. Darüber hinaus initiieren einige Universitäten Programme zum Übersetzen oder stärken die schon vorhandenen. Und die riesige Modern Language Association machte literarische Übersetzungen zum Thema ihres Jahrestreffens 2009.


Gleichzeitig arbeiteten Informatiker, besonders die für Google tätigen, fieberhaft daran, das globale „Sprachproblem“ zu lösen. Viele Menschen in den Vereinigten Staaten haben sich durch die Berichterstattung über Fortschritte in der Informatik überzeugen lassen, dass menschliche Übersetzungsleistungen bald überflüssig werden. So wie die Kanzleischreiber vergangener Tage von den Xerox-Kopierern weggefegt wurden, werden die Computer bald menschliche Übersetzer verdrängen. Ein Artikel über Googles Übersetzungsmaschine in der New York Times ist mit einem Foto illustriert, das Franz Och, den Leiter des maschinellen Übersetzungsteams von Google, zeigt, wie er sich über eine Kopie des Rosettasteins beugt und verkündet: „Unsere Technologie kann Sprachbarrieren überwinden.“ Der Artikel erklärt, dass Google Übersetzer eine gewaltige Suchmaschine ist, die im wesentlichen „Tausende oder Millionen von Textstellen und ihre von Menschen gefertigten Übersetzungen“ scannt. In anderen Worten: Ohne von Menschen gemachte Übersetzungen funktioniert Google Übersetzer nicht. Die New York Times nahm sich diese Lektion nicht zu Herzen. Sie fügte dem Artikel einen Test bei, der verschiedene Übersetzungen von Google Übersetzer mit denen „menschlicher“ Übersetzer verglich. Es wurden keine Namen genannt. Getestet wurde unter anderem der erste Satz aus „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Marquez, dessen Übersetzer Gregory Rabassa für seine großen Verdienste um die literarische Übersetzung 2006 im Weißen Haus mit der National Medal of Arts ausgezeichnet wurde. Angesichts der Tatsache, dass Rabassas Übersetzungen diesen Grad an kanonischer Vorbildhaftigkeit erreicht haben und über das ganze Internet hinweg zitiert werden, ist es wohl kaum erstaunlich, dass die Übersetzung der ersten Zeile durch Google Übersetzer mit Rabassas Übersetzung praktisch identisch ist – nichts wäre für die Suchmaschine einfacher aufzufinden gewesen. Die New York Times, die sich selbst gerne als lautstarker Gegner des Plagiats präsentiert, erwähnt diese Fakten jedoch nicht, sondern spricht von einem Triumph der Maschine über den namenlosen „Menschen“. Vermutlich werden sie als Nächstes die Worte „Hamlet“, „Prinz von Dänemark“ und „Ophelia“ in Googles Suchmaschine eingeben und atemlos verkünden, dass Google alle Stücke von Shakespeare schreiben kann.


Clive Thompson feierte jüngst in einem Artikel in Wired Internetseiten, die es Menschen durch „simultane Übersetzung in Echtzeit“ ermöglichen, mit anderen weltweit in der eigenen Sprache zu plaudern. Das könne uns vor „Globish“ bewahren, aber für die Gegenwart berge diese Technik auch Gefahren: „Für jede Aktivität, die ernsthafte Genauigkeit verlangt – Gerichtsverfahren, geschäftliche Besprechungen, diplomatische Verhandlungen –, werden noch sachverständige menschliche Übersetzer benötigt.“ Noch, eine kleine Weile lang, bis die Maschinen perfektioniert und besser geworden sind. An das literarische Übersetzen hat Thompson dabei gar nicht gedacht. Oder, wie ein gewisser „Clintiono“ in einem Kommentar auf den Artikel lapidar schrieb: „Scheiß auf die Sprach’kultur’.“


David Bellos, der Leiter des Programms „Translation and Intercultural Communication“ an der Princeton Universität, argumentiert in seinem demnächst erscheinenden Buch „Is That a Fish in Your Ear? Translation and the Meaning of Everything“ (Penguin, London, 2011), dass man am Übersetzen ablesen kann, was es bedeutet, Mensch zu sein: nämlich in einen Kontext eingebunden zu sein – in eine bestimmte historische Zeit, mit einzigartigen, sinnlichen Spracherfahrungen, einem persönlichen Wissensstand und einer eigenen Art zu verstehen. Mit diesem Hintergrund beurteilen wir sich verändernde Bedeutungsträger und fällen Entscheidungen darüber, was sie bezeichnen. Diese Entscheidungen variieren, mal stärker, mal kaum merklich, von Individuum zu Individuum. Für all jene, für die linguistische Vielfalt nur eine Effizienzbarriere darstellt, mag das nicht besonders überzeugend sein, aber für den Rest von uns ist es ein sehr wertvoller Hinweis darauf, was auf dem Spiel steht – welche Muttersprache auch immer man spricht.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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