Was das Bison in Belarus verkörpert

Anton Trafimowitsch

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Über das Bison, dieses schöne und größte Tier Europas, schrieb der Lyriker und Diplomat Mikola Husouski 1523 ein Gedicht. In seinem „Lied über das Bison“ beschrieb er neben dem Tier und seinen Gewohnheiten auch das Großfürstentum Litauen, zu dessen Gebiet das heutige Belarus gehört. 500 Jahre nach Mikola Husouskis Gedicht gilt Belarus noch immer als das Land des Bisons.
In vielerlei Hinsicht ähnelt das Tier den Belarussen selbst: Es ist ruhig, friedlich und greift nur in Momenten großer Gefahr an. Dann tötet es Tiere oder sogar Menschen. Auch die Bewohner von Belarus können lange Zeit vieles ertragen und erleiden, bis sie endlich doch aufbegehren und Widerstand leisten.
Obwohl das Bison ein Pflanzenfresser ist, gilt es als König des Waldes. Die Tiere sind Einzelgänger und man muss großes Glück haben, um sie mit eigenen Augen zu sehen. Obwohl die Jagd auf Bisons seit dem 16. Jahrhundert gesetzlich verboten ist, gab es die Tiere bereits Anfang des 20. Jahrhunderts fast nur noch im Zoo.
Wenn die Belarussen betonen wollen, dass ein Mensch besonders stark ist, vergleichen sie ihn bis heute mit einem Bison. Auch unsere Schriftsteller greifen gerne zu dieser Metapher, um ihre Figuren zu beschreiben. Und das edelste alkoholische Getränk in Belarus, ein Wodka, den man nicht in Geschäften verkauft, sondern den die Menschen zu Hause brennen, heißt nach dem belarussischen Wort für Bison „Subrowka“.



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