Wenn Putin flirtet

Thomas Roth

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Es ist eine Story wie aus einem Agententhriller. Aber sie spielt nicht in einem Roman, sondern in der Wirklichkeit: die Geschichte um den mit radioaktivem Material vergifteten ehemaligen russischen Geheimdienstler Litwinenko. Wie immer sie ausgeht, sie ist beunruhigend. Und sie wirft ein Licht auf die gegenwärtige Atmosphäre auch in Moskau. Unter Putin hat sich die Macht in einem seltsamen Gemisch aus Drohung, Geheimdienst und autoritärem Staat organisiert.


 Ein Beispiel dafür, wie sich dieses Gemisch auf russische Journalisten auswirkt, liefert Elena Tregubova. Wie bisher noch niemand plaudert sie direkt und offen aus dem Nähkästchen des „Kreml-Pool“, also aus dem handverlesenen Kreis der im Kreml akkreditierten russischen Journalistinnen und Journalisten. Sie schreibt um den Preis, dass sie aus beiden Kreisen eliminiert wurde: aus ihrer für russische Verhältnisse eher liberalen Zeitung „Kommersant“ und aus dem „Kreml-Pool“. 


 Man muss nicht jeden Punkt der Analyse des heutigen Staatszustandes in diesem Buch teilen, zumal es der Autorin an Selbstbewusstsein, ja Selbstverliebtheit nicht mangelt. Aber das sind angesichts dessen, was sie beschreibt, doch eher Marginalien. Putin zum Beispiel: Diese Person sei „wie ein Spiegel“, der sich seinen Gesprächspartnern beinah „bis zur Unkenntlichkeit“ anpasst. Stimmt. Der samtene Charme, mit dem er sein Gegenüber umfängt und dabei dessen Konturen unmerklich austastet. Stimmt. Ich hatte ein solch verblüffendes Erlebnis und brauchte einige Tage, um es zu analysieren und wieder in der wirklichen Welt anzukommen. Und schließlich: Die gelegentlich sogar öffentlichen Ausbrüche Putins, die auf einen durch und durch entschlossenen bis brutalen Charakter schließen lassen, wenn es darum geht, Hindernisse konsequent und ohne Umwege aus dem Weg zu räumen. Es ist die spezifische Mischung aus diesen Eigenschaften, die verblüfft. Zugleich macht sie es möglich, mit völlig gegensätzlichen Eindrücken über den russischen Präsidenten zu sprechen. Mit Altbundeskanzler Schröder zum Beispiel werde ich mich eben deshalb nie einigen, was die Einschätzung dieser Person angeht. Ich habe bislang noch kein Buch gelesen, das die unterschiedlichen Impressionen, die man von Putin und dem Innenleben des Kreml haben kann, so beschreibt wie Trebugova. Alleine deshalb ist es lesenswert. Und alleine schon deshalb hat das Buch bei Erscheinen in Moskau (zu Recht) eingeschlagen wie eine Bombe.


 Die jetzt erschienene deutsche Ausgabe ist ergänzt um die Geschichte des Buches nach seiner etwas abenteuerlichen Veröffentlichung in Moskau die Pressionen und Repressionen, die es nach sich zog, inklusive eines ganz konkreten Bombenanschlags auf die Autorin, den sie allerdings unverletzt überstand. Anders als ihre Kollegin Anna Politkowskaja, eine der Ikonen des kritischen Journalismus in Russland, die vor Fertigstellung einer Reportage über Folter durch die russischen Sicherheitskräfte in Tschetschenien im Hauseingang zu ihrer Wohnung in Moskau erschossen wurde. Die Aufklärung dieses Mordes ist noch offen – vielleicht für immer. Das jedenfalls wäre typisch für das Engagement der Sicherheitskräfte beim Aufklären von Morden an Journalisten in Russland.


 Wenn man die gelegentlich etwas boulevardesken Passagen abzieht, dann ist und bleibt es ein düsteres Buch – trotz der durchaus komischen Schilderung, wie Putin, damals noch nicht Präsident, sondern Geheimdienstchef, sich mit der attraktiven Journalistin in einem Moskauer Sushi-Restaurant verabredet und, weil dort so üblich, auf Socken da sitzt und mit ihr auf seine etwas verquere Weise flirtet. So jedenfalls schildert sie es und möglich ist es allemal. Oder das Ringen von Putins Pressechef, um die Mitglieder des „Kreml-Pool“ zu disziplinieren und auf Sprachregelungen festzulegen. Motto: Wer das so nicht schreibt, ist raus.


 Hier zeigt sich – und diese Diagnose ist nicht falsch – eine Machtelite, zu der auch Putin gehört, die sich nach den chaotischen Jelzinjahren eine Scheindemokratie aufgebaut und die Pressefreiheit nahezu abgeschafft hat. Die Sicherheitsdienste haben, vom Kreml geführt, das Land weitgehend im Griff. Wie das Stück für Stück vor sich ging und geht, beschreibt Elena Trebugova ebenso atemlos wie eindrücklich. Der Zustand des Landes ist bei weitem nicht so stabil, wie das von Putin argumentiert und vom Westen aus gerne gesehen und ihm als Verdienst angerechnet wird. Nach der Lektüre ist man beunruhigt. So wie der mir über Jahre bekannte russische Kollege, der neulich in meinem Berliner Büro saß. Er wolle sich nur mal erkundigen, wie das so sei mit Arbeit in Deutschland, falls das mit der Entwicklung in Russland so weitergehe. Übrigens kein Kollege, der zur Hysterie neigt. Und ein junger, blendend ausgebildeter Kollege außerdem. Eigentlich ein Alarmzeichen für eine Gesellschaft. Warum es für die derzeitige Kremlelite keines ist, das schildert dieses Buch anschaulich. Russland hat sich verändert. Mit Putin ist es dort politisch kälter geworden.
 
Kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns die Nachricht, dass Elena Tregubova untergetaucht sei.

Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in Putins Reich. Von Elena Tregubova. Deutsch von Olga Radetzkaja und Franziska Zwerg. Tropen Verlag, Berlin 2006.



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