„Diskutieren statt präsentieren“

von Shi Ming

Körper (Ausgabe II/2010)


Ist die deutsche Kulturpolitik gegenüber China gescheitert, da man nicht auf die Zusammenarbeit mit staatlichen Akteuren aus China hat verzichten wollen? Diese Frage muss man bejahen. Anders als in China, wo die Kulturpolitik allein dem Staat vorbehalten bleibt, ist die deutsche Kulturpolitik pluralis­tisch. Sie funktioniert auch mit nicht staatlichen Akteuren, denen kein Ziel vorgeschrieben wird wie etwa jenes, China von einem deutschen Modell zu überzeugen. Für Deutschland gibt es keinen einheitlich messbaren Erfolg, der vorab beschlossen werden könnte – zumindest wenn es weiter auf seine pluralistische Kultur Wert legt. Großspurig redet allerdings Chinas Kulturpolitik von einem chinesischen „Modell“.

Die Frage nach den Akteuren ist bedeutsam: Staatliche Akteure, zumal aus dem wirtschaftlich erstarkenden China, haben gegenüber pluralistischen Partnern Vorteile: Sie sind besser bestückt mit Geld, Expertise und politischen Druckmitteln. Man denke nur an die Frankfurter Buchmesse 2009. Selbst ernannte „China-Freunde“ fügen sich diesem Druck, indem sie behaupten, man komme an den staatlichen Akteuren nicht vorbei. Es sei denn, man wolle den Fokus kultureller Kommunikation eineng­en auf Themen wie Menschenrechte, was jedoch von Chinas Diplomaten als eine „Erteilung von Demokratieunterricht“ abgetan würde.

So mancher Deutscher lässt sich inzwischen aber fast schon liebend gerne thematisch einengen, wenn es darum geht, eine entschuldigende Diskussion, zum Beispiel über Menschenrechte, zu veranstalten, damit anschließend alle anderen Formen von Kulturpolitik, etwa die Förderung der chinesischen Literatur, angegangen werden können.

Die Frankfurter Buchmesse 2009 wurde in der amtlichen Nachlese der Nachrichtenagentur XINHUA als negativ für China bewertet. Sowohl Vertreter des Außen- wie des Kulturministeriums bemängelten im Internet über Live-Chats die fehlende Bereitschaft amtlicher Teilnehmer, sich der internationalen Diskussion zu stellen. Das sollte den Deutschen zu denken geben. Nur die Zensurbehörde GAPP, die die Messe für China federführend gestaltet hatte, benotete Chinas pompösen Auftritt als positiv.

Der chinesische Botschafter in Deutschland, Wu Hongbo, widersprach seinem Kollegen, dem ehemaligen Botschafter Mei Zhaorong, vehement, indem er betonte: Chinas Diplomaten müssten den Mut beweisen, die Diskussion mit der Welt zu suchen. Es stellt sich also die Frage: Wer ist in China staatlich? Wer ist autorisiert, das staatliche Kulturziel auszulegen?

Die Universitäten Chinas sind staatlich und weisungsgebunden, etwa gegenüber dem Büro zur Verbreitung der chinesischen Sprache. Dieselben Universitäten sind oft Partner bei der Führung von Konfuzius-Instituten. Aber wenn die eine Universität aus Guangzhou Historiker wie Professor Yuan Weishi hervorbringt, der Chinas Erziehung als „staatliche Hasserziehung“ disqualifiziert, derweil eine andere Universität aus Henan mit He Yunfeng eine Figur maoistischer Ideologie zu einem Vortrag nach Deutschland schickt, ist die Frage für die deutsche Kulturpolitik, mit wem man zusammenarbeiten soll.

Die Frage muss anders lauten, nämlich ob im Rahmen der „Kulturkommunikation“ zwischen demokratisch gesinnten Akteuren und den zur Staatsräson Verdonnerten überhaupt gleichberechtigt diskutiert werden kann. Oder vielmehr nur nur von der einen wie von der anderen Seite erzieherisch präsentiert wird, wie es etwa bei Pressekonferenzen von Konzernen hier im Westen nahezu gang und gäbe ist. Auch dort wird gemäß ausgeklügelter PR-Choreografie ein elitär-kulturelles Programm abgespult. Alle Fragen dienen lediglich der spirituellen Garnierung. Ansonsten wollen die Darsteller dem Publikum nur gefallen haben, und zwar so, wie sie es zuerst konzernintern beschlossen und dann dem Publikum diktiert haben. Eine „positive Resonanz“ in den Medien wird dann als „öffentliche Entlastung“ des Vorstandes verstanden.

Es kommt nicht darauf an, mit wem man Kulturpolitik macht, sondern wie man Kulturpolitik versteht und betreibt. Es ist ein Merkmal demokratischer Kulturpolitik, Inhalte nicht lediglich zu präsentieren, sondern zu diskutieren. Standhaft muss man bei diesem Kriterium bleiben – weniger, weil China anders nicht beizukommen wäre, sondern weil sich ansonsten eine demokratische Kulturpolitik selbst verriete.

Ganz gleich, welche Beschlüsse das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei heutzutage fassen will, es tobt – siehe Internet – immer eine innerchinesische Debatte, die oft so konträr ist, dass die Zensurbehörden das Stimmenwirrwarr selbst mit der mächtigen Internetpolizei oft genug nicht beenden können. „Chinesen sind anders als wir“ – diesem von Sinologen nicht selten propagierten Unfug muss man in einer deutschen Kulturpolitik gegenüber China ein Ende setzen. Denn eines steht fest: Ließe sich Deutschland darauf ein, Chinas PR-Präsentation, getragen durch staatliche Akteure, mit einer deutschen Präsentation zu erwidern, so wäre dies keine Kulturkommunikation, sondern ein Clash of Civilisations.



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