Arabisch easy

von Mona Sarkis

Körper (Ausgabe II/2010)


Ein Araber begreift mühelos, wozu ihn die Speisekarte der libanesischen Restaurantkette „Zaatar W Zeit“ („Thymian und Öl“) einlädt: „Manaeesh W Escalope Be3ajin“ – mein Gott, wie köstlich, arabische Pizza und paniertes Hühnchenschnitzel“. Der Schlüssel zum Verständnis heißt Arabizi. Diese Wortneuschöpfung aus „arab“ und „easy“ lautmalt die Worte mithilfe des lateinischen Alphabets.

„1999 fingen wir als Erste im Libanon damit an, unsere Menüs in Arabizi zu schreiben“, erinnert sich Hussam Eid, leitender Manager von „Zaatar W Zeit“. Den Anstoß dazu habe die Vielsprachigkeit des Libanon gegeben. „Bereits in den Schulen erfolgt der Unterricht in den meisten Fächern auf Französisch oder Englisch. Entsprechend sind wir von klein auf mit dem lateinischen Alphabet vertraut“, erklärt der 30-Jährige, der wie seine junge Zielgruppe englische und französische Ausdrücke in sein Arabisch streut.

Was im Libanon begann, hat sich auch in anderen Ländern etabliert – nicht umsonst unterhält „Zaatar W Zeit“ mittlerweile Filialen in den Emiraten, Kuwait, Katar und Jordanien. „Arabizi breitet sich überall aus, wo die arabischen Gesellschaften verstärkt dem Westen begegnen“, bestätigt der Beiruter Linguist Nader Srage. Neben einer international orientierten Ausbildung trage dazu auch der Siegeszug von Englisch im Geschäftsleben bei. Arabisch werde dort immer seltener genutzt. „Viele haben verlernt, die arabischen Computertastaturen zu bedienen“, sagt Srage. „Sie benötigen eine halbe Ewigkeit, um die Buchstaben zu finden.“

Doch auch dort, wo es weniger wirtschaftliche Kontakte gibt, macht sich die Globalisierung bemerkbar. So kann sich die Syrerin Jamila gar nicht mehr erinnern, wann sie zuletzt ihre arabische Tastatur zum „Skypen“, „Twittern“ oder „Simsen“ benutzt hat. Arabizi sei einfach „schicker“. Dabei beherrschen weder sie noch ihre Freunde richtig Englisch. Die 22-Jährige, die wie fast alle jungen Syrerinnen ein Kopftuch trägt, sieht darin keinen Widerspruch. „Die arabische Welt wird doch stets wegen ihrer Rückkehr zum Islam beargwöhnt“, sagt sie. „Warum sollten wir auf ewig die Sprache des Koran sprechen?“

Damit legt die junge Frau den Finger auf den wunden Punkt in der Diskussion um den Stellenwert des grammatikalisch hochkomplexen Arabisch. Seine Urform entstand im 8. Jahrhundert auf der Basis des Koran. An diesem Fundament wollen nicht nur, aber vor allem die Islamisten festhalten. Dabei wurde die Urform bereits sehr früh durch ein Arabisch abgelöst, das wiederum nur durch die Radikalkur der Arabischen Renaissance im 19. Jahrhundert zu retten war. So entstand das moderne Hocharabisch, das in den Medien, öffentlichen Institutionen, Wissenschaften und in der Literatur als identitätsstiftendes Bindeglied zwischen allen Arabern diente. Lange vor dem Einzug von Fremdsprachen konkurrierte es mit den Lokaldialekten, die bis heute den Alltag beherrschen. Da die Dialekte mit dem Hocharabischen wenig gemein haben, können Arabistikstudenten zwar Zeitungen lesen, kapitulieren aber vor dem Gemüsehändler. Zudem gibt es für die Dialekte keine kodifizierte Schriftsprache, was allerdings keinen Araber davon abhält, seinen Dialekt auch zu schreiben.

Das Resultat: Immer weniger Menschen beherrschen die klassische Grammatik. Welche Befürchtungen dies auslöst, lässt sich in einer Studie des Ägypters Abd al-Rahman Farag Allah von 1996 zur Sprache in der Landespresse nachlesen. Darin sind die wesentlichen Kritikpunkte arabischer Sprachverfechter versammelt, die bis heute aktuell sind.

Der Schwund grammatikalischer Kenntnisse münde in eine sprachliche Leere und letztlich in die Unfähigkeit, philosophische Gedanken zu entwickeln, sagt etwa der Schriftsteller Ahmad Abd al-Halim. Die Infiltration fremder Sprachen untergrabe das eigene und nationale Selbstwertgefühl, meint der Journalist Mahmoud Abd Al-Mun’im Murad und Muhammad Mustafa Hadara, Literaturprofessor von der Universität Alexandria, spricht gar von einer Entfremdung der Muslime von ihrer Korantradition.

Nader Srage kennt diese Befürchtungen, sieht aber das moderne Arabisch keineswegs dem Untergang geweiht. Es sei doch bemerkenswert, dass auch Absolventen von Bachelor-, Master- und PhD-Studien sich nicht mit „How do you do?“ begrüßen, sondern beim arabischen „Klfak?“ bleiben. Als gefährdet sieht der Linguist hingegen das Erbe des Koran. Die darin enthaltenen volkstümlichen Erzählungen und sprichwörtlichen Wendungen hätten sich über die Jahrhunderte im Sprachalltag erhalten – im Zeitalter von Arabizi könnten sie für immer verschwinden. 



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