Stadt des Sterbens

von Ananya Vajpeyi

Körper (Ausgabe II/2010)


Varanasi am Ufer des Ganges ist für Hindus eine der heiligsten Städte in Indien. Es ist besser bekannt als Benares oder Kashi, beides alte Namen, die man in Berichten aus der Kolonialzeit und dem Mittelalter findet. Für strenggläubige Hindus ist es der Ort, an den man geht, um dort zu sterben. Der Tod in Benares soll die Seele aus dem Kreislauf der Wiedergeburt erlösen und sie endgültig und grenzenlos befreien. Manche Hindus versuchen, ihre letzten Tage in Benares zu verleben. Andere bitten ausdrücklich darum, ihren Körper an einer bestimmten Ufertreppe einzuäschern, die dafür als die heiligste Stätte der Stadt gilt: das Manikarnika Ghat.

Anfang Januar dieses Jahres reiste ich selbst nach Benares. Eines Abends heuerten meine zwei Begleiter und ich ein Boot in Richtung einer anderen berühmten Ufertreppe, Dasasvamedh, an, um zu beobachten, wie die Menschen dem Ganges dort ihre Abendgebete darbringen. Nachdem wir die Gebete stundenlang vom Wasser aus bewundert hatten, fragte mich der Bootsmann, ob er uns weiter nach Manikarnika bringen sollte. „Die meisten Menschen, die Benares besuchen, fahren dorthin“, sagte er und bugsierte uns aus dem Gedränge der Boote, die alle mit Besuchern wie uns besetzt waren. „Nach Einbruch der Dunkelheit kann man die Flammen klarer sehen als bei Tag.” Ich stellte mir den Anblick im Geiste vor und lehnte sein Angebot dann ab. „Fahr uns zurück nach Assi Ghat”, sagte ich und meinte die Treppe, von der wir abgelegt hatten.

Der Bootsmann, ein lustiger und gesprächiger Kerl, wollte wissen, warum ich Manikarnika mit seinen in der frühen Abenddämmerung spektakulär rauchenden Scheiterhaufen und seinem Versprechen der ewigen Befreiung all jener, die dort eingeäschert werden, nicht sehen wollte. Ich erinnerte ihn daran, dass es in den meisten Hindu-Gemeinden nicht erwünscht ist, dass Frauen Leichen sehen oder zu einer Beerdigung gehen, selbst wenn dies alles im engsten Familienkreis stattfindet. Nach einem alten Hindu-Glauben sollen Frauen, die für Geburt und Fürsorge neuen Lebens verantwortlich sind, vor der Erkenntnis unserer unausweichlichen Sterblichkeit geschützt werden. „Ach ja“, pflichtete der Mann mir bei und wendete das Boot, um uns zurückzubringen. „Eine Frau muss eine Mutter sein. Wenn sie den Tod sieht, wird sie kein Kind zur Welt bringen können.” Ich nickte zustimmend, und wir setzten unsere Fahrt im feuchtwarmen Nebel fort über Wasser, das für einen kalten Januarabend merkwürdig warm war.

Pietät war nicht der wahre Grund, weswegen ich Manikarnika mied. Ich bin kaum religiös. In Wirklichkeit verspürte ich einen inneren Widerwillen dagegen, Körper brennen zu sehen und zu beobachten, wie Verwandte um die Toten trauern, wie Knochen und Asche von den Wassern des heiligen Flusses davongetragen werden. Ich konnte mich nicht überwinden, uneingeladen in die Einäscherung eines Fremden hineinzuplatzen, als ob es eine Art Musik-und-Licht-Show zur Unterhaltung von Touristen wie mir wäre.

Von einem Mangel an Tod konnte in Benares ohnehin keine Rede sein: Während man die Straßen entlangspazierte oder -fuhr, kamen ständig kleine Gruppen Männer vorbei, die – ohne viel Aufhebens zu machen oder die Art ihrer Prozession anzukündigen – Tote auf Bahren trugen. In drei Tagen Benares sah ich bei Weitem mehr Leichen als in den 30 Jahren zuvor. Im Gegensatz zu anderen indischen Städten machte man sich hier nicht die Mühe, die Lebenden und die Toten zu trennen und voneinander abzuschirmen. Die beiden Kategorien von Körpern bildeten ein Kontinuum. Leben und Tod blieben miteinander im Gespräch.

Der Kashi Vishwanath Mandir ist ein Shiva geweihter Tempel mit goldenen Türmen im Zentrum von Benares, dem Nervenzentrum der spirituellen Kraft der Stadt. Hier erlebt man den Körper nicht nur als äußerst vital, sondern auch als untrennbar mit anderen Körpern verbunden. Den heutigen Tempel baute man gegen Ende des 18. Jahrhunderts unter der Schirmherrschaft von Königin Maharani Ahalya Bai Holkar aus dem Fürstenstaat Indore. Wenige Jahrzehnte später, um 1840, wurden dank des Königs von Punjab, Maharaja Ranjit Singh, zwei seiner Kuppeln vergoldet. Man sagt jedoch, der Ort sei schon seit Tausenden von Jahren heilig.

Massen von Anhängern und Besuchern betreten das Allerheiligste in einem einzigen ungebrochenen Fluss, schieben sich durch eine winzige Tür hinein und durch eine ebenso winzige Tür wieder hinaus. Shiva, dargestellt in Form eines erigierten Phallus, ist die herrschende Gottheit der Stadt. Kashi, so heißt die Stadt Benares in der alten hinduistischen Mythologie, soll auf Shivas Dreizack – seiner charakteristischen Waffe – balanciert worden sein. Um den als Zeichen des Lichtes bekannten Shiva-Linga im Vishwanath-Tempel zu sehen, muss man das Bewusstsein der Grenzen des körperlichen Selbst komplett hinter sich lassen. Die Menge drängt einen nach vorn zur Gottheit und zieht einen nach einem flüchtigen Blick von ihm weg.

Als ich mich in die Schlange der wartenden Anhänger einreihe, trage auch ich die üblichen Opfergaben: einen Topf Milch, einen Beutel Rosenblüten und meinen Glauben, der es mir erlaubt, diesen Ort als heilig zu betrachten. Wie diese Gaben meine Hände verlassen und sich über den Gott ergießen, weiß ich nicht. Wie ich erst in Richtung Shiva getrieben und dann durch den ruhigen Innenhof des Tempels hinausgedrängt werde, kann ich nicht sagen. Irgendwo inmitten Hunderter wehklagender Körper ist auch der Körper, der mir gehört, aber ich habe kein Gefühl dafür, wo er anfängt oder aufhört. Auf dem Gelände des Tempels sind Körper wie Wasser. Sie wallen auf und ebben ab wie ein Fluss. Nach ein oder zwei Stunden habe ich meine körperlichen Grenzen und Bedürfnisse so sehr hinter mir gelassen, dass ich den Tempel, seine Straße und sein labyrinthisches Viertel aus engen, verwinkelten Gassen verlasse ohne die Schuhe, die ich vor dem Tempel ausgezogen habe. Erst als ich die Hauptstraße erreiche, fällt mir ein, dass ich barfuß losgegangen bin.

Die Bewohner von Benares lieben ihr Essen und ihre Getränke, insbesondere ihre Nachspeisen und Rauschmittel. Fast scheint es, als ob das Bewusstsein ihres Todes sie umso intensiver leben, sie gewissermaßen das Mark des Lebens einsaugen lässt. Ihre Gerichte sind schwer: süß, gebraten, scharf. Sie trinken, rauchen und essen Cannabis in den unterschiedlichsten Formen. Ihre Straßen sind dreckig und chaotisch, aber von einem Hunger nach körperlichem Genuss besessen, wie man ihn in keiner anderen Stadt auf dem indischen Subkontinent findet, noch nicht einmal im materialistischen Bombay. Ihr Gott, Shiva, soll so wild tanzen, dass er die Welt damit zerstören könnte.

In Benares ist alles von einer Intensität, die an Wahnsinn grenzt. Kein Wunder, dass die Menschen sagen, man könne diese Stadt Shivas nur wieder verlassen, indem man auch seinen Körper verlasse. Benares hat den Finger am Puls des Lebens, obwohl es sich als letzten Vorposten des Todes bezeichnet. Es ist das Tor, das von der Sklaverei des Lebens und Sterbens ins große Ungewisse führt.

Shiva muss in Benares in einer Zeit vor der Geschichte erschienen sein. In der Nähe der Stadt gibt es eine weitere heilige Stätte: Sarnath. Es ist der Ort, an dem Budhha vor etwa 2500 Jahren seine erste Rede hielt. Der Buddha verzichtete auf sein Königtum und seine irdischen Beziehungen, Zuneigungen und Besitztümer, nachdem er das erste Mal schockiert und ungläubig mit der Realität von Krankheit, Leiden und Tod konfrontiert worden war. Das Wissen um den Tod war es, das den Sakya-Prinz Siddhartha in Gautama Buddha, den Erleuchteten, verwandelte.

Dabei passt es ins Bild, dass auch er einen Weg zur Befreiung aus der Stadt Kashi predigte, in der alle freigelassen werden. In Indien hat es Sinn, dass sich Manikarnika, die heiligste rauchende Ufertreppe, Vishwanath, der größte Shiva-Tempel, und Sarnath, der Ort der ersten Lehre des Buddha, alle in Benares befinden. Hier trotzt man dem Tod, indem man das Leben in vollen Zügen lebt und die Sterblichkeit in einer unbeschreiblichen Freiheit transzendiert. Jeder, der nach Benares kommt, wird sofort an die Sehnsüchte und Freuden des Körpers erinnert, aber auch an seine Vergänglichkeit und seine fragile Gestalt, auf der das Verfallsdatum schon eingeprägt ist.

Außerhalb des Vishwanath-Tempels, in der sich windenden Gasse voller Pilger, Polizisten und Händler, die alle möglichen heiligen und weltlichen Güter verkaufen, machen wir Halt, um eine außergewöhnliche Delikatesse des Ortes zu kosten, Malaiyya. Um diese himmlische Süßspeise herzustellen, kocht man Milch so lange, bis sie nur noch aus feinem Schaum besteht. In diesen zarten Milchschaum kommen einige kostbare Fäden Safran, Kardamomkapseln und Zucker. Dies zu verspeisen ist so, als ob man Duft schmecken und Aroma inhalieren würde. Es bedeutet, zu erleben, wie das leichteste, unbedeutendste Essen den Hunger vollkommen befriedigen kann. Ich erhebe meine Tontasse voll Malaiyya zum Himmel und trinke auf Shiva, dessen Körper die Welt ist und der den Tod in seinem Rachen trägt, ihn weder ausspuckt noch hinunterschluckt, bis zum äußersten Ende der Zeit. 

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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