„Unsterblichkeit ist möglich“

Ray Kurzweil

Körper (Ausgabe II/2010)


In Ihrem Buch „The Singularity is Near“ sprechen Sie von einer Zivilisation der Zukunft, in der die Intelligenz zum größten Teil nicht biologisch sein wird. Wäre das nicht sehr unmenschlich? 
Sicher nicht. Im Gegenteil. Ich definiere den Menschen als eine Spezies, die ihre Grenzen überwindet. Wir sind nicht auf dem Boden geblieben, nicht auf unserem Planeten und auch nicht innerhalb unserer ­biologisch vorgegebenen Grenzen. Es liegt in der Natur des Menschen, fantastische Dinge wie Flugzeuge zu konstrieren, mit denen wir unsere natürlichen Fähigkeiten übersteigen und über uns hinauswachsen. Wir sind die einzige Spezies, die dazu in der Lage ist. 
 
Einverstanden, wie aber sollen wir ohne unseren biologischen Körper intelligenter werden? 
Zunächst muss man sich vor Augen halten: Informationstechnologie wächst nicht linear, sondern exponentiell. Wenn ich 30 Schritte linear mache, bin ich bei 30. Mache ich sie aber exponentiell – 2, 4, 8, 16 und so weiter – komme ich auf eine Milliarde. Als ich jung war, gab es einen Computer für alle Schüler. Heute tragen wir die Computer in unseren Handys mit uns herum. Indem wir wenige Tasten bedienen, können wir auf das Wissen der Menschheit zugreifen. Wer kann heute noch auf die­se Technik verzichten? In 25 Jahren werden diese Computer noch mal hundertfach kleiner sein und in ein Blutkörperchen passen. 
 
Was sollen sie dort bewirken? 
Wir werden diese Technik in unsere Körper einspeisen, um uns gesünder zu machen. Wir können dann etwa Krankheiten schon im einzelligen Stadium zerstören, bevor sie ganze Organe befallen. Ohne Operationen können wir über das Blut Computertechnik in unser Gehirn einführen, die unsere Erinnerungen und Erfahrungen erweitert. Außerdem wird es möglich sein, über das Nervensystem voll und ganz in eine virtuelle Welt einzutauchen. Unsere virtuellen Körper werden sich wie biologische Körper anfühlen und die virtuelle Realität wird uns vorkommen wie die Wirklichkeit. 
 
Das klingt ziemlich utopisch. 
Die Zukunft überrascht uns nur so, weil unsere Intuition linear, die Realität aber exponentiell verläuft. Das Internet ist schnell Teil unseres Alltags geworden. So wird es auch mit der Computertechnik in unseren Körpern sein. Einen Laptop können Sie wegwerfen, aber trotzdem die darin enthaltene Information auf einen anderen Computer transferieren. In 35 bis 40 Jahren werden wir in der Lage sein, die Informationen in unserem Bewusstsein abzuspeichern und zu transferieren. Bis vor Kurzem hatten wir ja zum Beispiel nicht nur keine Möglichkeit, Gene zu verändern, sondern wussten nicht einmal, was darunter zu verstehen ist. Wir hatten das Genom noch nicht entschlüsselt, die Software unseres Lebens. Eines unserer Gene etwa sorgt dafür, dass wir alle unsere Kalorien speichern. Das war vor Tausenden von Jahren, als eine Jagdsaison mal schlecht ausfiel, noch eine gute Idee. Heute können wir diese Software verändern. Sie ist veraltet.


Bergen derartige Möglichkeiten nicht auch enorme Gefahren?
Neue Technologie wird oft negativ gesehen, aber wir haben viel erreicht. Vor 1000 Jahren betrug die Lebenserwartung 23 Jahre. Und noch Thomas Hobbes beschrieb das Leben als kurz und voller Krankheiten. Es gibt einen Bereich des Gehirns, der bei Parkinson-Patienten zerstört ist. Diese Neuronen kann man heute schon mit einem Computer ersetzen. Ich habe Patienten, bei denen das passiert ist, gefragt: „Der Computer in Ihrem Kopf, ist das ein Teil von Ihnen?” 90 Prozent sagen: Ja, er ist ein Teil von mir, ich war vorher behindert und kann mich jetzt normal bewegen. 


Und was wird aus den Menschen, die sich diese neue Technik nicht mehr leisten können?
Technik ist am Anfang sehr teuer, wenn sie noch nicht ausgereift ist, und wird dann immer billiger. Die Informationstechnologie hat eine Deflationsrate von 50 Prozent. Ein gutes Beispiel ist das Handy. Wenn vor 15 Jahren jemand im Kino sein Mobiltelefon aus der Tasche zog, ging man davon aus, dass dieser Mensch relativ wohlhabend ist. Heute gibt es Milliarden Handys auf der Welt. Und mit diesen kann man weit mehr anstellen, als nur zu telefonieren. Sobald ein technisches Instrument gut funktioniert, wird es automatisch billiger und verbreitet sich. 
 
Stellen wir uns also vor, dass wir mit Computertechnik ungleich intelligenter werden. Aber was passiert dann mit menschlichen Gefühlen wie Glück?
Genau davon spreche ich ja. Wenn man Intelligenz nur als die Fähigkeit versteht, logische Probleme zu lösen, dann sind Computer ja schon heute viel schlauer als wir. Nur wenige Mathematiker können es noch mit Mathematikprogrammen aufnehmen. Bereits 1997 wurde der Schachweltmeister Garri Kasparow von einem Computer geschlagen. Wenn ich von höherer Intelligenz spreche, meine ich gerade unsere emotionale Intelligenz, sie ist das Beeindruckendste an uns. Die Fähigkeit, Witze zu reißen, Liebe auszudrücken, Ironie zu verstehen. Das sind alles ungeheuer komplexe Prozesse, aber sie entstehen im Gehirn. In 20 Jahren können das Computer auch, und indem wir sie in unserem Gehirn haben, erweitern sie unsere Möglichkeiten. Nach meinen Berechnungen werden wir im Jahr 2029 genaue Simulationen des gesamten menschlichen Gehirns erstellen können und damit auch der Teile, die für unsere Gefühle verantwortlich sind.
 
Kann man dann auch Gefühle wie Liebe erzeugen?
Für mich ist Liebe der Ausdruck menschlicher Intelligenz und jedes Wesen, das fähig ist zu lieben, verdient den gleichen Respekt wie der Mensch. Wir werden Maschinen mit menschlicher Intelligenz haben, aber wir werden diese dazu gebrauchen, unsere eigenen Fähigkeiten zu erweitern. Mit der entsprechenden Technik in uns können wir noch liebenswerter werden. 


Wie stellen Sie sich die Sexualität der Zukunft vor?
Wir werden uns miteinander verknüpfen und die Gefühle des anderen empfinden, als seien es unsere eigenen. Fortpflanzen werden wir uns sowohl biologisch als auch nicht biologisch. Schon heute hängen Sexualität und Fortpflanzung nicht mehr unbedingt zusammen. Wir können Sex haben, ohne uns fortzupflanzen, und wir können uns fortpflanzen ohne Sex. Wir nutzen Technologien wie Telefon oder Video für sexuelle Erfahrungen. Niemand würde sagen, eine Stimme sei weniger real, weil sie über Technik vermittelt wird.
 
Sie schreiben, dass wir das Leben in der Zukunft unbegrenzt verlängern können. Macht es aber nicht gerade der Tod so wertvoll? 
Es ist ein beliebtes Argument, dass der Tod dem Leben Sinn gibt, aber ich denke, das ist nur ein Weg, das scheinbar Unausweichliche zu rationalisieren. Wir sagen, dass der Tod, über den wir weinen, dem Leben Bedeutung gibt. Aber wenn ein lieber Freund stirbt, reagieren wir ins­tinktiv nicht mit Freude, sondern mit Schmerz. Der Tod nimmt uns alles, was unserem Leben Sinn verleiht, Beziehungen, Musik, Kunst – das steht für Leben, nicht für Tod. 
 
Aber gerade kreative Leistungen haben ihren Ursprung doch oft auch in Niederlagen und Schmerz. 
Ich sage nicht, dass es kein Leiden mehr geben wird. Aber Kreativität ist nicht an Sterblichkeit geknüpft. 
 
Sie sind jetzt 62 Jahre alt. Was tun Sie selbst, um für die Zukunft in Form zu bleiben und die Fortschritte zu verfolgen? 
Es genügt nicht, einfach natürlich zu leben. Denn es ist natürlich, ab dem 20. Lebensjahr zu altern. Ernährung ist ein wichtiger Faktor. Gemüse, ungesättigte Fettsäuren, Nahrungsergänzungsmittel. Ich nehme täglich 150 Pillen. Wir müssen unsere Biochemie neu programmieren, um jünger zu sein. Das Altwerden ist kein einzelner Prozess, sondern ein Dutzend verschiedene.
  
Nehmen Ihre Frau und Ihre Kinder auch diese Pillen? 

Meine Frau schon, aber nicht so viele wie ich. Es ist auch nicht so, dass dieselben Mittel für jeden Menschen gleichermaßen gut sind. Diese Produkte sind auf mich abgestimmt. Ich habe spezielle Gesundheitsrisiken von meinem Vater geerbt, der mit 58 an einem Herzinfarkt gestorben ist.
 
Sie erlauben sich dann wohl auch keine Schokolade?
Ach, dunkle Schokolade schadet überhaupt nicht. Der Zucker darin ist nicht so toll, aber der Kakao wirkt entzündungshemmend. Eine Entzündung geht einher mit einer Überaktivität des Immunsystems, die auch das Risiko für Herzinfarkte erhöht. 
 
Ihr zuletzt erschienenes Buch heißt „Transcend. Nine Steps to Living Well Forever“. Glauben Sie sicher an die Unsterblichkeit? 
Unsterblichkeit ist möglich, aber nichts ist sicher. Ich bin in den letzten 20 Jahren kaum gealtert. Als ich mich mit 40 Tests unterzog, die das biologische Alter feststellen, indem sie etwa Hormonspiegel oder Gedächtnis messen, kam 38 heraus. Jetzt, mit 62, liegt mein biologisches Alter bei 40. In 15 Jahren werden wir unsere Lebenserwartung jährlich um mehr als ein Jahr verlängern. Aber natürlich kann man immer noch vom Blitz getroffen werden.

Das Interview führte Carmen Eller



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