Vom Verlust der Lebenskraft

Uchida Tatsuru

Körper (Ausgabe II/2010)


Japans Selbstmordrate ist unverhältnismäßig hoch. Mehr Suizide haben nur Belarus, Litauen, Russland, Kasachstan und Ungarn zu beklagen. 2009 begingen 32.753 Japaner Selbstmord, 504 mehr als im Vorjahr. Westliche Medien versuchen oft, die hohe Selbstmordrate mit der Hypothese zu erklären, dass Japaner der Versuchung, sich zu töten, aufgrund ihrer religiösen und kulturellen Tradition keinen starken Widerstand entgegensetzen. In den traditionellen Religionen Japans finden sich in der Tat keine klaren Selbstmordverbote. Ein berühmter Hohepriester erreichte die Stufe des Buddhas, indem er sich zu Tode hungerte. Ein anderer legendärer Priester rühmte sich: „Wenn man den Geist trainiert, Schmerzen zu überschreiten, fühlt sich sogar Feuer kühl an.“ Die Logik des Samurais erlaubt ihm, Harakiri zu begehen, um seine Ehre zu bewahren.


Allerdings greifen solche Erklärungsversuche zu kurz: Wenn man sich die Selbstmordraten über die Jahre hinweg ansieht, stellt man eine interessante Dynamik fest: Die Suizidrate fällt, wenn die Gesellschaft in eine Phase des Wandels eintritt, und steigt in Zeiten von Stabilität und Stagnation. Niedrige Raten verzeichnete Japan in der neueren Geschichte fünfmal: während des Russisch-Japanischen Krieges (1905-06), des Ersten Weltkrieges (1914-18), des Chinesisch-Japanischen Krieges (1937-45) und des Pazifikkrieges (1941-45), während der Studentenrevolte (1967-70) und gegen Ende der „Bubble Economy“, der Hochkonjunktur in Japan (1989-93).


Mit radikalem sozialen Wandel konfrontiert, tun die Japaner ihr Bestes, um die kritische Situation zu überleben. Sind die Schwierigkeiten überstanden, fangen sie in den Zeiten der „Entspannung“ offensichtlich an, ihr Lebensziel zu verlieren. Die höchste Selbstmordrate wurde 1958 verzeichnet, dem Jahr des Beginns der „goldenen Ära“ der Nachkriegszeit. Die Narben des Krieges waren fast verheilt, die Wirtschaft wuchs rasant, der Lebensstandard der Arbeiterklasse machte bemerkenswerte Fortschritte. Dennoch versuchten mehr Japaner als jemals zuvor, sich umzubringen. Danach fiel die Selbstmordrate wieder und erreichte 1967 ihren Tiefpunkt. 1967 riefen die Studenten der „Zengakuren“ (eine Allianz dreier extremistischer Sekten) zum ersten „Haneda-Kampf“ auf, der den Beginn der Studentenrevolte kennzeichnete. 22 Jahre nach der Kriegsniederlage versuchten junge Japaner, den „entscheidenden Kampf auf dem Festland“ erneut zu kämpfen, der 1945 fehlgeschlagen war. Schauplatz waren der Flughafen Haneda und der Militärhafen Sasebo, die vom US-Militär benutzt wurden. Die Studenten gingen – mit Helm, Stöcken und roter Flagge in der Hand – gegen die Polizei auf die Barrikaden. Die Ereignisse waren eher theatralischer als politischer Natur, denn die Studenten „militarisierten“ sich wie Krieger in der Feudalzeit mit Helmen, Speeren und Flagge. Japan befand sich 1967 in einem kriegsähnlichen Zustand. Auch hier zeigt sich, dass unter diesen Umständen der Lebenswille stärker war. Als die öffentliche Ordnung wieder hergestellt war, stieg die Kurve der Selbstmorde erneut an und erreichte 1985 ihren zweiten Höhepunkt. Dann fiel sie rapide und erreichte 1991 ihren zweiten Tiefpunkt, kurz bevor die „Bubble Economy“ in die Krise geriet.


In Japan haben eine Zuspitzung der Konsumkultur und Marktglobalisierung die traditionelle Gemeinschaft völlig zerstört. Folglich sind die Menschen aus der schwächsten sozialen Schicht nicht nur materiell arm, sondern auch geistig hilflos und ohne ein Sicherheitsnetz, das sie auffangen könnte, wenn sie ihren Job verlieren, krank oder arbeitsunfähig werden. Das postmoderne Japan ist eine geradezu morbid geschichtete Gesellschaft, in der die „Starken“ eine Allianz gegen die „Schwachen“ bilden, um ihre angestammten Rechte zu wahren. Die „Schwachen“ andererseits sind vereinzelt und bar jeder Mittel, ihre Schicht zu verlassen. Auch wenn es keine offziellen Statistiken über den Zusammenhang von Armut und Suizid­raten gibt, haben meiner Meinung nach viele Arme und Isolierte in der japanischen Gesellschaft die Lebenskraft verloren. Uns bleibt nur eine Lösung: eine traditionelle Gemeinschaft wiederherzustellen, welche die in ihr Isolierten aufnimmt, sie heilt und ernährt und ihnen wieder zu Selbstachtung verhilft. Doch um dieses Ziel umzusetzen, sollten die „Starken“ ihr egoistisches Verhalten einschränken und auf einen Teil ihrer Ressourcen verzichten, um die Armen zu unterstützen.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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