Gefangen oder frei?

Helena Waldmann

Körper (Ausgabe II/2010)


Bindung beginnt mit der Geburt. Bindung an die Mutter, die Familie, die Tradition, Nation oder Sprache. Ein westliches Ideal hofft seit kaum zwei Generationen, dass man sich solchen festen Bindungen entziehen kann. Wir sprechen gern von Emanzipation, dem Loslösen von allzu engen Verstrickungen mit der eigenen Familienbande, um stattdessen in einem Netzwerk aus losen Kontakten und Verknüpfungen zu leben. Egal, welche Worte man benutzt, um Beziehungen zu beschreiben, sie alle beschreiben Bindungen, die nicht zufällig jenen Bondage-Praktiken und sadomasochistischen Knüpfkünsten ähneln, die konkret den Körper – ja, was? Unterdrücken?


Ist die Bindung an Mann, Kind, Familie eine böse Fessel? Muss ein Mann nicht fesselnd wirken, um Gefühle der Faszination und Hingabe auszulösen? Die Fessel selbst, die feste Bindung oder der Knoten, sind negativ konnotiert. Das Strickzeug, das in den Seminaren meiner Studienzeit ebenso konstant klapperte wie der Feminismus, erlaubte allenfalls die liebevolle Schleife, mit der man seinen Schuh band. Die Fessel war aus der Wirklichkeit verschwunden, es gab sie nur noch bei Indianerspielen.


In Afghanistan ist die Fessel noch da, als festes Zaumzeug. Es bindet an, was verloren gehen kann. Es hält Kinder angeleint von Minenfeldern fern. Und oft schon wurde berichtet, dass Frauen am Strick hingen, nachdem sie lebenslang ans Haus gefesselt waren. 


In Japan, einem anderen Land, das ich in den letzten Jahren bereiste, wird auf dem Markt die Wassermelone vom Verkäufer mit einem Seil und wenigen geschickten Schlägen so eingenetzt, dass man sie an einer Schlaufe nach Hause tragen kann. Auch japanische Kleinkinder werden derart eingewickelt, sprich: eingewindelt, weil sie in der Festigkeit dieses Umschlags wohlige Geborgenheit spüren sollen. Ähnlich gebunden ist die Frau sonntags im traditionellen Kimono er ist wie in ein Korsett, das den Leib einschnürt, ihn behindert, nicht mehr jede Bewegung erlaubt. In Tokio lernte ich Daisuke kennen, eine gewöhnliche junge japanische Frau. Weil sie versicherte, wie sehr der alte Kimono ihr ein Gefühl von Würde und Halt vermittelt, hielt ich sie zunächst für sehr traditionell.


Mit Afghanistan und Japan verband mich die Vorbereitung zu meiner Tanzproduktion „BurkaBondage“. Ich bat in Workshops, die ich für junge Theaterleute gab, sich gegenseitig per Internet über Gemeinsamkeiten und Unterschiede auszutauschen. In ihren Texten las ich immer wieder über den Widerspruch, Halt finden zu wollen und zugleich zu fest an ihre jeweiligen Traditionen gebunden zu sein. Immer wieder tauchte auf beiden Seiten die Metapher des Seils auf, als Drachenschnur, an der man hängen möchte, um wenigstens im Himmel Glück zu spüren, als ersehnte oder abgelehnte westliche Krawatte, als Sehnsucht nach einer Bindung, die Freiheit verspricht.


Die Japaner bezogen sich dabei auf die „geheimen“ Fesselkünste der Samurai aus fernen Zeiten, die eine Technik entwickelten, ihre Gefangenen so geschickt zu binden und zu transportieren, dass kein Fremder sie befreien konnte. Als „Shibari“ ging ihre Kunst in japanische Liebesspiele ein, wie sie auf den uralten Holzschnitten von Hokusai abgebildet sind. Die Fessel wurde auch zu einer Technik im Kabuki-Theater. Hier gibt es mirakulöse Seiltricks, wie den, bei dem nur durch den Zug an einem Schnurende ein Kostüm sichtbar auf der Bühne in ein völlig anderes gewendet werden kann. Ich sah Kabuki-Stücke aus dem 18. Jahrhundert, in dem unglücklich Verliebte Selbstmord begingen. Das Paar band sich in einer Art Selbstbondage unlösbar aneinander und stürzte unzertrennlich in die Tiefe. Bondage (Shibari) als absolute Fesselung meint hier immer den Wunsch nach Selbstauflösung, Grenzüberschreitung, Erlösung und Freiheit.


In Afghanistan ist auch die Burka Freiheit und Fessel zugleich. Freiheit, weil die Frau unter der Burka Dinge tun kann, die sonst unmöglich sind, zum Beispiel Dating mit einem Mann oder an Orten auftauchen, die ihr verboten wurden. Ohne Gesicht kann die Frau ihr Gesicht nicht mehr verlieren. Das Fehlen ihrer sichtbaren Person macht sie zu einem Objekt, ebenso zu einer unentdeckbaren Diebin, Schmugglerin, sogar zur Prostituierten. Diese Maske ist natürlich eine Fessel. Die Burka bindet an Traditionen, der Körper soll unsichtbar sein. 


Ihn zu übersehen, ist auch in Japan üblich. In der Öffentlichkeit herrscht eine gewaltige Scham, der Körper muss um jeden Preis im Zaum gehalten werden. Das Gesicht darf so wenig verloren gehen wie der Körper. Wenn er aber wie von unsichtbaren Fäden gelenkt scheint, gilt er wie in Kleists Aufsatz vom Marionettentheater als Inbegriff von Schönheit. Diese Schönheit entdeckte ich in einer unscheinbaren Gasse in Tokio, in einem Haus, das statt aus Wohnungen aus winzigen Zimmern bestand. Eine Tür öffnete sich und Daisuke, die traditionelle Frau, begrüßte mich im privaten „Studio six“ ihres Shibari-Meisters Osada Steve. Stumm und hemmungslos band dieser sie mit unglaublicher Geschicklichkeit zu einem Fleischbündel zusammen. Jegliche Barriere gegenüber ihrem Körper fehlte. Mit einer Geschicklichkeit, die von ernster Roheit überdeckt schien, verschlangen die Schnüre die Frau wie ein Biest. Mit entschlossener Kraft zog der Meister sie an den Gelenken gebunden wie ein Paket unter die Decke, ließ sie in der Luft tanzen. Auf seine vollkommene Herrschaft über sie reagierte sie mit einem Lustgeheul, das den kleinen Raum zum Zittern brachte. Es gab keine Scham. Ihr Geschlecht lag offen vor meinen Augen. Ihr Schweiß brach aus den Poren, die ich aus nächster Nähe sich öffnen sah. Ihre Hingabe an das Seil hatte ihre Lust hemmungslos entzündet. Unter der Decke schwebend, schluchzend, schreiend vor Lust, und wieder auf den Teppich gedrängt, wurde sie zu einem restlos erschöpften Glück, das, als es sich wieder erheben konnte, sagte: „Ich bin geflogen“. Und dann: „Das ist vollkommene Freiheit“. Schließlich verabschiedete sie sich: „Ich will zu meinem Mann und mit ihm schlafen“. 


Ist die Fessel wirklich das Gegenteil von Freiheit? Ist sie nicht vielleicht das Gegenteil von Scham? Ist sie, wie George Tabori einmal sagte, ein „Korsett der Befreiung“? Eine Bindung, die Glück verspricht, wie eine Heirat? Eine Begrenzung, in deren Limitierung viel mehr machbar ist als im Zustand freier Gleichgültigkeit? Warum ist das Seil in Europa aus dem Alltag verschwunden? Als Zeichen der Verachtung von Unfreiheit? Vielleicht. 


Daisuke war fort. Ich saß noch einen Moment bei ihrem Meister Osada Steve. Was sie so erregt hat? „Das Seil selbst“, sagte er. „Wer es fürchtet, ist ein Gefangener. Wer das Seil liebt, erlebt durch einen anderen grenzenlose Freiheit.“



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