In Eiseskälte

von Alan Courtis

Körper (Ausgabe II/2010)


Die Insel Spitzbergen liegt hoch im Norden, in der Arktis. Mich verschlug es im März 2009 an diesen unwirtlichen Ort auf Einladung des Festivals für experimentelle Musik „Super Ultra North of Everything”. Weder der Name des Festivals noch der Ort, an dem ich spielen sollte, sagten mir etwas. Ich lebe in Buenos Aires, im März kann es dort noch bis zu 30 Grad heiß werden. Der Gedanke, dem Nordpol so nahe zu kommen, erschien mir fremd und verlockend zugleich. Eine Reise ins Ungewisse lag vor mir, die mich an einem Tag mit mehreren Flugzeugen von Brüssel nach Oslo, von Oslo nach Tromsø und von dort nach Longyearbyen auf Spitzbergen bringen sollte. Vor dem letzten Start mussten die Tragflächen enteist werden – für mich das erste Zeichen, dass die Kälte, die mich erwartete, alles mir Vorstellbare übertreffen würde.

Es war Mitternacht, als unsere Gruppe von Musikern ankam. In der Flughafenhalle bleckte ein ausgestopfter Eisbär die Zähne, draußen maß das Thermometer minus 27 Grad. Wir gingen ins „Hotel“, ehemalige Bergarbeiterbaracken, die nun als Herberge dienten. Früh am nächsten Morgen gab man uns Thermoanzüge, die wir über unsere Kleidung ziehen sollten, Helme und Schutzmasken. Wir sahen wie Raumfahrer aus – allerdings in Schwarz! Mit all den Lagen Kleidung fühlte ich mich wie ein Tollpatsch. Auf Motorschlitten sollte es nun nach Pyramiden gehen, eine verlassene russische Stadt, in der wir auftreten wollten. Die Temperatur war auf minus 30 Grad gefallen. Unsere Karawane bestand aus neun Personen, an der Spitze ein russischer Führer mit GPS-Navigationsgerät, am Ende ein Mann, der mit einem Mauser-Gewehr für den Fall vorsorgte, dass ein Eisbär auftauchen sollte.

Auf die Anhänger der Schlitten waren Überlebensausrüstung, Leuchtraketen, unser Gepäck und ein Stromgenerator gebunden. Als ich die ganze Ausrüstung sah, wurde mir mulmig: Vor uns lag ein Ausflug ins Nichts, kein Weg führte durch das endlose Weiß des Schnees. Die ersten zwei Stunden der Reise waren eine Tortur, durch einen Schlitz in meiner Montur blies mir minus 40 Grad kalter Wind ins Gesicht – kalt genug, um mir an der Nase eine Erfrierung zu holen, die erst nach zwei Monaten verheilte. Die Kälte jener Breitengrade befällt nach und nach den ganzen Körper, die Füße, die Hände, man spürt sie auf der Haut und in den Lungen, in den Rippen und im Magen nie hätte ich gedacht, dass sie zu verbrennungsähnlichen Verletzungen führen könnte. Und nun fuhr ich durch Eis und Schnee mit einer Wunde im Gesicht. Beim ersten Halt konnte ich den Schlitz endlich schließen und dachte, vielleicht überlebe ich den Ausflug ja doch. Vor mir lag ein zugefrorener See zwischen Bergen.

Die Eskimos haben 30 Wörter, um „weiß“ zu sagen und dort verstand ich warum: Der Schnee reflektiert das Licht und fächerte es in viele Farbtöne auf. Als ich versuchte, ein Foto zu machen, war der Kamera-Akku leer, obwohl ich ihn aufgeladen hatte. Schuld war die Temperatur! Die einzige Möglichkeit, die Kamara zu benutzen, bestand darin, sie unter meiner Kleidung aufzuwärmen, um dann zumindest für ein paar Sekunden Fotos zu schießen. Das war anstrengend, die Kälte kroch in mich hinein, meine Finger wurden steif, aber ich musste diese wunderbaren Landschaften einfach einfangen. Nach mehr als fünf Stunden erreichten wir Pyramiden. Die Bergarbeitersiedlung wurde von den Sow­jets für 3.000 Einwohner angelegt, heute leben dort nur noch drei Wächter und eine Katze. Man führte uns in eine einfache, aber gut geheizte Hütte.

Beim Eintreten vergaß man die extreme Kälte, die draußen herrschte. Norwegisches Trockenfleisch und einige russische Konserven wurden aufgetischt, Wodka und Aquavit brachten wieder Leben in unsere betäubten Füße. Pyramiden selbst ist eine tiefgefrorene Ausstellung sowjetischer Architektur: Der zentrale Platz, das Haus der Kultur, die Volksküche, der Sportkomplex, alles liegt intakt und verloren in der Zeit unter einer Schneedecke. Wir beschlossen, das Konzert im leeren Becken des Hallenbads zu geben. Meine E-Gitarre hatte überlebt und ich konnte sie an den von dem Generator gespeisten Marshall-Verstärker anschließen. Unten im Becken herrschten minus 24 Grad, die Kabel waren steif wie Drähte, die Kälte brannte in den Fingern, sodass ich mit zwei Paar Handschuhen spielen musste.

Bis zum nächsten Morgen schneite es so stark, dass wir freigeschaufelt werden mussten. Erst dann konnten wir aufbrechen. Doch ein Schneesturm gefährdete unseren Rückweg: Man sah nicht einmal drei Meter weit und die Schlitten blieben andauernd stecken. Mehr als elf Stunden kämpften wir uns durch den Sturm, die Hälfte der Zeit in Dunkelheit. Mehr als einmal fragte ich mich, was wohl passieren würde, wenn ein Schlitten ausfiele, und wie lange wir dem Blizzard trotzen könnten. Doch der erfahrene russische Führer brachte uns wieder heil zurück und so endete eine Reise, die so intensiv war wie die Kälte, die wir verspürt hatten.

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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