Autsch!

von David LeBreton

Körper (Ausgabe II/2010)


Ein junger Mann liegt auf dem Boden und bietet seinen nackten Rücken der Gruppe dar. Mit einem scharfen Stein reißt ihm ein Erwachsener die Haut von der Schulter bis zur Lende auf. Es entstehen zehn gerade, parallel verlaufende Linien, die später große Narben bilden. Trotz der entsetzlich schmerzhaften Prozedur ist kein Laut zu hören – eher würde der junge Mann bewusstlos. Das Volk der Aché in Paraguay misst an diesem Schweigen seine Tapferkeit, er gilt nun als vollwertiger Mann.

Ein solches Ritual erscheint uns als grausamer Anachronismus, etwas, das nicht in unsere Zeit gehört. Wir halten Schmerzen für unnötig und können ihnen keine Bedeutung zuschreiben, sie sind eine durch den Fortschritt zu beendende Qual. Initiationsriten, die oft ohne schmerzhafte Rituale nicht denkbar sind, bringen aber kulturelle Werte zum Ausdruck. Werte, auf denen die sozialen Bindungen einer Gemeinschaft beruhen. Sie liefern den Mitgliedern der Gruppe ein rituelles Schmerzerlebnis, das sie auf das Leben vorbereiten soll. Die Rituale entscheiden auch über die Eingliederung in die Gruppe, weil diese sich später über das Ritual definiert.

Dem Thema Schmerz entkommt keine Gesellschaft, alle entscheiden in stillschweigender und kollektiver Übereinkunft darüber, wann er zugelassen ist und wann nicht. Menschen reagieren je nach ihren gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen, aber auch nach ihrer persönlichen Geschichte bei einer Verletzung oder einem körperlichen Leiden ganz unterschiedlich.

Es konnte festgestellt werden, dass die Schwelle ab welcher Schmerzrezeptoren erregt und ein Reiz im Nervensystem weitergeleitet wird, bei allen Menschen nahezu gleich ist. Unterschiedlich ist, wann Menschen eine solche Empfindung als schmerzhaft definieren und ab welchem Punkt sie sich dieser entziehen wollen. Diese Schmerztoleranz, aber auch wie Schmerzen mitgeteilt werden, ist stark von kultureller Zugehörigkeit beeinflusst.

In manchen Gesellschaften ist es gang und gäbe, seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen, man kann bedenkenlos schreien, weinen, stöhnen. Klassische Studien haben hier den Begriff „Mittelmeersyndrom“ geprägt, denn bei einigen Gesellschaften des Mittelmeerraums wurde ein solcher stark nach außen getragener Umgang mit Schmerz und Leid festgestellt. Hier ist es wichtig, den Schmerz nicht zu verschweigen, sondern ihn zu dramatisieren. Dabei sollen Außenstehende in ihrem Bemühen, Trost und Beistand zu spenden, bestätigt werden. Wer sein Leid hingegen in sich hineinfrisst und keinen Laut von sich gibt, dem wird vorgeworfen, sich niemandem anzuvertrauen, als sei es unmöglich, ihm zu helfen. Schmerzen zu leiden, ohne sich zu beklagen, stößt auf Unverständnis.

Andere Gesellschaften gehen mit Schmerz härter um, so etwa US-Amerikaner, insbesondere White Anglo-Saxon Protestants oder Iren. Bei ihnen gibt es zunächst verständige Kommentare von Bekannten und Freunden, die Ähnliches, etwa bei einer Zahnbehandlung, schon erlebt haben. Dann wird schnell verlangt, dass man seinen Schmerz still erträgt, und bei zu lautem Stöhnen, vor allem wenn es angesichts seiner Ursache übertrieben erscheint, wird schnell vermutet, dass sich da jemand in seinem Leid gefällt oder simuliert. Zum Schmerz gehören also bestimmte Ausdrucksweisen, die unmittelbar mit den Normen verschiedener Gesellschaften verbunden sind.

Schmerz ist eine ausschließlich individuelle Sinneserfahrung und daher objektiv nicht messbar. Deswegen ist es nicht nur für Familie und Freunde, sondern auch für Pflegepersonal und Ärzte schwer, die Stärke von Schmerzen zu beurteilen. Im Allgemeinen neigen gesunde und aktive Menschen dazu, von ihrer eigenen psychischen Verfassung auszugehen und Leiden anderer zu unterschätzen. Wie der französische Chirurg René Leriche schrieb: Der einzig erträgliche Schmerz ist der Schmerz der anderen.

Nun bettet nicht nur die Person, die Schmerzen hat, diese in ein Weltbild ein, sondern auch ihr Umfeld. Außenstehende, auch Ärzte und Pfleger, schließen dann bisweilen von ihren Werten und häufig auch aufgrund von Vorurteilen auf das Erleben der ihnen Anvertrauten.

Ein klassischer Versuch hierzu: 554 Krankenpfleger aus den USA, Japan, Taiwan, Thailand, Korea und Puerto Rico des gleichen Fachgebiets, mit der gleichen Berufserfahrung und aus der gleichen Altersklasse sollten anhand derselben Serie bekannter Symptome beziehungsweise Verletzungen eine Gesamtauswertung der damit verbundenen Schmerzen und psychischen Belastung vornehmen. Die Durchschnittswerte der verschiedenen Gruppen wichen beträchtlich voneinander ab.

Obwohl alle davon überzeugt waren, sich auf objektive Kenntnisse zu berufen, reagierte jeder unbewusst aufgrund seiner eigenen kulturellen Tradition. Die japanischen und koreanischen Pfleger sahen beispielsweise starke Beschwerden bei den Leiden, für welche die amerikanischen Pfleger sich weniger sensibel zeigten.

Manchmal verhindern so kulturelle Stereotype, dass Schmerz wahrgenommen und gelindert wird. Die Tendenz des Pflegepersonals, den Schmerz der Patienten zu unterschätzen und der schmerzlindernden Behandlung zu wenig Bedeutung beizumessen, liegt bisweilen in Vorurteilen begründet, dass bestimmte Gesellschaftskategorien robuster seien als andere, wie bei dem oben genannten Mittelmeersyndrom.

Die Herkunft eines Menschen nicht zu beachten, ist aber ebenso falsch, wie ihn auf ein Stereotyp seiner Kultur oder seiner sozialen Schicht zu reduzieren. Man kann den Schmerz und seine Äußerungen nicht allein der Kultur oder gesellschaftlichen Bedingungen zuschreiben. Regionale und lokale, rurale und urbane Faktoren, Unterschiede zwischen Generationen, Geschlechtern, Glaubensrichtungen der einzelnen Person sind durchaus wertvolle Hinweise zur Art seiner Reaktionen. Im Bezug auf Schmerz können binnenkulturelle Unterschiede so manchmal größer sein als die Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen.

Jedes Individuum eignet sich die Normen seiner Umgebungskultur an, spielt sie aber auf seine eigene Art, gemäß seiner persönlichen Geschichte wieder ab und gibt Erfahrungen eine ganz eigene Bedeutung. Das macht die Wahrnehmung körperlicher Leiden auch von der individuellen psychologischen Befindlichkeit jedes Einzelnen abhängig. Bei der inneren Beziehung zum Schmerz stehen sich also nicht etwa eine Kultur und eine Empfindung gegenüber, vielmehr ist es das Eintauchen eines einzelnen Menschen in eine ganz individuell wahrgenommene schmerzhafte Situation.

Schmerzen sind immer unmittelbar mit dem Moment verbunden, in dem sie erlebt werden. Im Nachhinein ist es unmöglich, sie noch einmal zu empfinden, noch einmal zu verkörpern. Sie können nur mit anderen, bereits erlebten schmerzvollen Erfahrungen verglichen werden. Frauen, die von der Geburt eines Kindes berichten, entgegnen deshalb oft, dass sie sich nicht mehr an die Schmerzen erinnern könnten. Aber sie wissen, dass der Schmerz so intensiv wie kaum ein anderer war.

Auch die Entwicklung von Schmerzmitteln hat die Art und Weise, wie Schmerz erlebt wird, stark verändert. Die Bedeutung, die Schmerz einmal hatte, der letzte Rest wirksamer kultureller Einflüsse, ist spürbar gemindert.

In vergangenen Jahrhunderten mussten körperliche Beschwerden, denen man nicht Abhilfe schaffen konnte, still ertragen werden. Hier spielte, zumindest im westlichen Christentum, Religion eine große Rolle. Die Vorstellung zum Beispiel, dass Schmerzen als eine Strafe Gottes für ein sündiges Leben anzusehen und hinzunehmen seien, konnte teilsweise eine Erleichterung bedeuten.

Seit man mithilfe leicht zugänglicher Behandlungen Schmerz stillen oder lindern kann, sind solche alten Mittel der Bekämpfung oder Legitimierung antiquiert, sie wurden durch technische Verfahren abgelöst. Hierdurch ist die Toleranzschwelle gegenüber Schmerzen, vor allem in westlichen Gesellschaften, stark gesunken. Der Wert, den man einst dem Aushalten von Schmerzen zuschrieb, schwindet mit dem Gefühl, dass die bloße Einnahme eines Medikaments oder eine effiziente ärztliche Maßnahme ihnen ein Ende bereiten kann. Wer weiß, dass es gegen jedes Übel ein leicht erhältliches Mittel gibt, hält Schmerzen für unerträglich.

Umfragen haben ergeben, dass die Gedanken an Schmerz weitaus mehr Angst erregen als an den Tod selbst. Mit dem Schmerz dringt etwas, das schlimmer ist als der Tod, in unsere Gesellschaft ein.

Die Medikalisierung des Schmerzes hat zugleich die Bedeutung, die er für das Individuum oder eine Gemeinschaft haben kann, geschwächt oder gar entwurzelt. Wo es nur noch um organische Schäden geht, warten Kranke häufig passiv auf die Linderung, die ihnen allein die medizinische Behandlung oder die heute fast alltäglich gewordene Selbstmedikation verschafft. Dabei kann sich jeder Mensch seinen Schmerzen oft selbst stellen und entscheiden, wie er sie bekämpfen will. Akupunktur, Homöopathie und Naturmedizin können vielversprechende Alternativen zu Mitteln der schulmedizinischen Schmerzbekämpfung sein. Gerade weil Schmerzen von außen so schwierig einzuschätzen sind, müssen Mediziner nicht allein entscheiden, wie man sie bekämpft.

Aus dem Französischen von Katja Roloff



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