Sowjetschlüpfer

Ekaterina Degot, Julia Demidenko

Körper (Ausgabe II/2010)


Die Hauptbestimmung der Leibwäsche ist es, in hygienischer Hinsicht die günstigsten Bedingungen für das Mikroklima (Temperatur, Feuchtigkeit usw.) im Unterwäscheraum zu schaffen und zur Regulierung der Wärmeabgabe des Körpers beizutragen. Die Unterwäsche soll die Hautabsonderungen (Schweiß und Fett) aufsaugen und soll auch die Haut vor der Außenverschmutzung und vor dem mechanischen Reiz der gröberen Oberbekleidung schützen. (...) 
 In der Sommerzeit ist leichtere Unterwäsche (Slip, Unterhemd, Netzhemd usw.) verbreitet. In hygienischer Hinsicht entspricht die leichtere Unterwäsche ihrer Bestimmung nicht ganz, weil ein bedeutender Teil des Körpers unmittelbar mit der Oberbekleidung in Berührung kommt und der größeren Verschmutzung unterworfen wird. Aber wenn der Körper oft (täglich) gewaschen und leichte waschbare Oberbekleidung getragen wird, erfüllt die Unterwäsche ihren Zweck vollkommen. 
 
Aus einem sowjetischen Lexikon 
 
Einmal ging ich mit meiner Mutter zu einer Einladung – ich war damals acht Jahre alt. Da aßen und tranken alle endlos. Und plötzlich tritt das dortige Väterchen ins Esszimmer ein, in den neuen blauen langen Unterhosen. Alle fingen an, die Neuanschaffung ungestüm zu besprechen dass sie durch die Hintertür gekauft und in China hergestellt wurden, dass sie innen gerauht sind, den Namen „Druzhba“ (Freundschaft) und zwei Knöpfe auf dem vorderen Hosenverschluss haben. Ich wusste kaum, was das ist „Verschluss“, aber innerlich schämte ich mich. Nach einer Woche erwartete mich ein Schlag: Meine Eltern schenkten mir blaue gerauhte Unterhosen mit dem Namen „Druzhba“ und zwei Knöpfen auf dem vorderen Verschluss, durch die Hintertür gekauft.
 Man sollte sie sofort in die Schule anziehen, weil draußen klirrender Frost war. Bis zu diesem Moment dachte ich, dass nur Väterchen lange Unterhosen tragen, deshalb war ich nicht gerade begeistert. Das war ein Skandal. Aber einen Augenblick später trage ich schon diese Unterhosen. 
 Im weiteren Verlauf stellte es sich dann heraus, dass sie zu groß waren,– man zog mir verspeckte kurze Schuluniformhosen darüber. Unter ihnen („Ich habe dir doch gesagt, man müsste eine Größe weniger nehmen!“) quoll der blaue Chinesenkram hervor. Den versteckte man unter den Kniestrümpfen, die man mir wohlweislich statt der Socken anzog. Ich war entsetzt. Mir schien, ich hätte in die Hosen gemacht, – das gerauhte Hinterteil der „Druzhba“ war nämlich so geschnitten, dass das überzeugende Gefühl entstand, einen unbekannten warmen Gegenstand in der Hose zu haben. Ich verließ die Wohnung, ging ein Stockwerk höher hinauf, zog die Hosen, dann die Unterhosen aus, zog die Hosen wieder an und versteckte die Unterhosen in der Schultasche. Ich zog sie nie mehr in meinem Leben an.
 
Erinnerungen eines Kindes, aufgezeichnet von Julia Demidenko und Ekaterina Degot

Texte und Bilder sind dem Katalog „Körpergedächtnis. Unterwäsche einer sowjetischen Epoche“ entnommen. Die gleichnamige Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien fand in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum der Geschichte St. Petersburgs unter Beteiligung des Staatlichen Zentrums für zeitgenössische Kunst Nischnij Nowgorod statt und wurde von Ekaterina Degot und Julia Demidenko kuratiert.



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