Kriegsspiele

Sigrid Löffler

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Zu Beginn kommen zwei halbwüchsige Jungen in den Blick, die sich lieber auf ihrem Motorrad in den Straßen von Beirut herumtreiben, als weiter zur Schule zu gehen: Bassam und George, genannt „De Niro“, zwei Freunde seit Kindheitstagen. Sie wären zwei ganz gewöhnliche Schulschwänzer auf Abwegen, gäbe es da nicht einen besonderen Umstand: Seit die beiden denken können, herrscht Bürgerkrieg im Libanon.


 Granathülsen zu sammeln, um sie gegen Zigaretten einzutauschen, war schon ihr Kinderspiel. Inzwischen haben muslimische, palästinensische und christlich-maronitische Milizen die Stadtviertel von Beirut gegeneinander abgeschottet und Straßensperren errichtet und liefern einander tägliche Gefechte entlang der „Green Line“. Die Innenstadt ist ein Trümmerfeld, kommunale Dienste wie Wasser- und Stromzufuhr funktionieren nur noch sporadisch. Der Müll türmt sich in den Straßen, und tagtäglich fallen Bomben und Granaten auf die christliche Enklave in Ost-Beirut, in der Bassam und George in halb zerstörten Häusern leben – „Teenager mit langen Haaren, die Knarren in den Gürteln stecken hatten und mit gestohlenem Benzin die Stadt unsicher machten“.


 Die beiden Jungen verachten die Schutzkeller, in denen sich die Beiruter bei Luftalarm zu verkriechen pflegen, und halten sich während des Bombenhagels ostentativ im Freien auf: „Lieber draußen sterben.“ Sie legen sich zeitgemäße Selbstbilder zurecht: „Wir waren ziellos, waren Bettler, Banditen, geile Araber mit lockigem Haar und offenen Hemden, in deren hochgekrempelten Ärmeln Marlboropäckchen steckten. Wir waren Aussteiger, rücksichtslose Nihilisten mit Pistolen, Mundgeruch und langen amerikanischen Jeans.“


 Wenige Jahre später ist die Freundschaft der beiden zerbrochen, kaputtgegangen am immer weiter eskalierenden Bürgerkrieg der 1980er-Jahre. Zwei blutjunge, blutbesudelte Kriegsveteranen stehen sich letztmals gegenüber, beide seelisch genauso zerstört wie die Vietnam-Veteranen in dem Film „The Deer Hunter“. „Du warst immer schon ein Mörder“, sagt Bassam zu George. „Wir waren Mörder, Bassam“, korrigiert George, ehe er sich den Revolver an die Schläfe hält und, ganz wie sein Held Robert de Niro in „The Deer Hunter“, russisches Roulette spielt.
 Am Ende ist George tot. Bassam begräbt ihn provisorisch im Schutt unter der Nabaa-Brücke. Später irrt er als illegaler Flüchtling durch Europa. Denn anders als George, der im Bürgerkrieg eine mögliche Existenzform für sich erblickte und sich den christlichen Milizen als Kämpfer anschloss, sinnt Bassam immer nur auf Mittel und Wege, um der Rekrutierung durch die Miliz der Phalange, einer der Konfliktparteien, zu entkommen und aus dem Libanon zu flüchten. „Ich muss hier weg“, so lautet Bassams Mantra von Anfang an: „Ich haue ab und überlasse das Land den Teufeln.“ Fort nach Rom, wo sogar die Tauben auf den Plätzen „glücklich und gut genährt“ wirkten. Fort nach Frankreich, vielleicht sogar fort nach Übersee, USA oder nach Kanada.


 War George wirklich „immer schon ein Mörder“ oder hat ihn erst der Bürgerkrieg dazu gemacht? Musste ein junger Mann sich damals einer der Bürgerkriegsparteien anschließen oder konnte er sich verweigern? Und wenn er es tat, entging er damit dem allgemeinen Mordgeschäft oder musste er selbst als Zivilist kriminell und gewalttätig werden? Wenn man die Knarre im Gürtel stecken hat und sie straflos einsetzen darf, ist man dann überhaupt noch imstande, selbst banale Konflikte ohne Gewalt zu lösen? Müssen Freunde zu Verrätern aneinander werden, wenn der Bürgerkrieg sie entzweit? Kurzum: Kann man Frieden halten und Recht und Ordnung achten, wenn Recht und Ordnung außer Kraft gesetzt sind und der Frieden aus dem Wortschatz gestrichen ist?


 Dies sind die politisch-moralischen Fragen, um die der Roman „De Niro’s Game“ von Rawi Hage kreist, den der Verlag mit dem kitschigen deutschen Titel „Als ob es kein Morgen gäbe“ verunstaltet hat. Rawi Hage, Jahrgang 1964, ist in Beirut aufgewachsen, mit 18 Jahren vor dem Bürgerkrieg in die USA geflohen und lebt heute in Montreal. Für dieses Debüt-Werk hat er in der angloamerikanischen Welt viel Beifall erhalten, beispielsweise in Form des irischen IMPAC-Preises, den mit 100.000 Euro höchstdotierten Literaturpreis für einen einzelnen Roman. 


 Tatsächlich hat sich der Autor in seinem Erstling nichts Geringeres vorgenommen als dies: die Zerrüttung und den Zerfall einer Gesellschaft im Bürgerkrieg am Beispiel der Verwilderung und Verrohung zweier vaterloser junger Männer aufzuzeigen. Wobei die damit einhergehende Brutalisierung alle menschlichen Umgangsformen zersetzt, auch die der Liebenden. Wenn Bassam seiner Freundin Rana seine Liebe gesteht, erwidert diese: „Ich schlage dir die Fresse ein, wenn du mich belügst. Ich knalle dich ab, verlass dich drauf.“


 George und Bassam haben Verwandte, Freunde, Nachbarn in den Kämpfen verloren und erleben jeden Tag, wie in ihrer Umgebung unbeteiligte Zivilisten, Frauen, Kinder, alte Leute im Granatenregen und Feuer der Maschinenpistolen zugrunde gehen. George hat seinen Vater nie gekannt, und seine Mutter ist an Krebs gestorben. Bassams Vater und Mutter kommen um, als Bomben in ihre Wohnung einschlagen. Beide Jungen bekommen es im Roman mit unerwünschten, aber macht- und unheilvollen Ersatzvätern zu tun, mit ebenso ruchlosen wie gewalttätigen Vater-Instanzen – mit den christlichen Milizen in Beirut, namentlich mit deren Anführer Abu-Nahra, mit kriminellen Banden (oft deckungsgleich oder sogar identisch mit den Milizen), schließlich auch mit der israelischen Armee, die ab 1982 massiv in den Libanonkrieg eingreift, und mit dem Geheimdienst Mossad. Beide Jungen werden von diesen Gewalt-Instanzen instrumentalisiert und schrittweise brutalisiert.


 Das beginnt vergleichsweise harmlos: Mit geklautem Benzin. Mit der Einschüchterung eines Nachbarn, der den Parkplatz vor dem Haus beansprucht, ihn aber sofort freigibt, nachdem Bassam und George Reifen und Scheinwerfer seines Autos zerschossen haben („Die Kugeln rissen winzige Löcher ins Metall – scharf, schnell, zerstörerisch. Es war ein Racheakt und ein tödlicher Spaß“). 


 Dann folgen eskalierende Gaunereien und kriminelle Akte, die nicht einmal im Ausnahmezustand des Bürgerkriegs noch als harmlos durchgehen können: Betrügereien an Kasino-Automaten, der Schmuggel von gepantschtem Whiskey in die muslimischen Stadtviertel, der Handel mit immer härteren Drogen. Die Jungen werden immer skrupelloser. Sie begehen ihre ersten Morde. Sie verstricken sich in Gewalttaten, die immer neue Verbrechen nach sich ziehen. 


 Und längst ragt Abu-Nahra als bedrohliche Machtfigur in ihr Leben hinein. Er wird als Drahtzieher hinter allen Verbrechen kenntlich. „Abu-Nahra war so Mitte fünfzig. Er hatte graues Haar und einen Goldzahn. Ursprünglich hatte er Arabisch unterrichtet. Dann war er Kommandeur der christlichen Miliz geworden. Auf seiner behaarten Brust lag eine schwere Kette, an der Kreuze und heilige Zeichen befestigt waren. Es war ihm gelungen, eine Abgabe für Häuser, Läden und Tankstellen einzuführen, mit der der Krieg unterstützt wurde. Und er hatte kleine Kasinos eröffnet und Pokerautomaten aufstellen lassen, die sehr lukrativ waren. Abu-Nahra war in der ganzen Stadt bekannt. Er liebte das Christentum, das Geld und die Macht.“


 Den Ruf eines „Kommandeurs, der keine Gnade kannte“ hat sich Abu-Nahra mit besonderer Bestialität erkämpft, mit einem Massaker an Kurden in einer Barackensiedlung am Rande Beiruts: „Seine siegreichen Männer hatten die Köpfe ihrer Opfer auf Bajonette gespießt und durch die Straßen getragen. Mit ihren Jeeps waren sie durch die Gassen gejagt und hatten Kadaver über den welligen Asphalt geschleift.“


 Für das viehische Vorgehen der Christen in Beirut findet Rawi Hage ein triftiges Bild: die Verwilderung der herrenlosen Hunde in der Stadt zur kannibalischen Meute. „Wenn sich die Reichen nach Frankreich absetzten, ließen sie ihre Hunde zurück, die durch die Gassen streunten. Es waren edle Waisenhunde, sie waren stubenrein, hörten auf französische Namen und trugen rote Schleifen. Flauschige Hunde, reinrassige Hunde, chinesische Hunde rotteten sich zusammen, zogen im Dutzend durch die Straßen, ließen sich von einer dreibeinigen Promenadenmischung herumkommandieren. Eine wilde Meute der verhätscheltsten Hunde der Welt heulte den Mond über Beirut an und fraß den Müll, der sich an unseren Straßen­ecken auftürmte. Wir scheren uns nicht um die Gesetze der Menschen, sagte der unfrisierte Pudel, wer will uns schon verbieten, Menschenfleisch zu fressen?“


 In der allgemeinen Bürgerkriegstollwut ziehen auch die wilden Hunde Bassam und George ihre je eigene Blutspur durch die Stadt. George beteiligt sich schließlich sogar an den Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila, wie er seinem verratenen Ex-Freund Bassam beichtet, ehe die beiden unter der Brücke russisches Roulette spielen und Bassam endlich die Flucht aus dem Libanon gelingt – scheinbar. Denn die Bürgerkriegstollwut, die eigene Brutalisierung, trägt der Ich-Erzähler Bassam in sich, und seine blutige libanesische Vergangenheit folgt ihm auch nach Frankreich ins Exil. In die Umgangsformen einer zivilen Gesellschaft kann sich der verwilderte Junge aus dem zerstörten Libanon nicht mehr fügen. 


 Davon handelt das letzte, das dritte Großkapitel von Rawi Hages Roman. Verglichen mit der Härte, Dichte, Anschaulichkeit und Detailgenauigkeit der ersten beiden, der Bürgerkriegs-Kapitel, die unverkennbar von den eigenen Beobachtungen, Erfahrungen und Erlebnissen des Autors zehren, fällt das „Paris“-Kapitel deutlich ab. 


 Hier schleichen sich plötzlich Melodram und Kolportage ein, konventionelle Spionage-Machenschaften besetzen den Erzählraum, der Held muss lernen, sich als Spielball in den Stellvertreterkriegen diverser Geheimdienste zu begreifen, und vom israelischen Mossad her fällt ein sensationell anderes, allerdings wenig glaubwürdiges Licht auch auf das Verhalten des verräterischen George, vulgo „De Niro“. Solcher Zugeständnisse an die Konventionen der Überraschungsdramaturgie hätte „De Niro’s Game“ freilich gar nicht bedurft. Die singuläre Wucht seiner Bürgerkriegserzählung hatte doch schon zwei atemlose Großkapitel lang für sich gesprochen.

Als ob es kein Morgen gäbe. Von Rawi Hage. Aus dem Englischen von Gregor Hens. DuMont Verlag, Köln, 2008.



Ähnliche Artikel

Iraner erzählen von Iran (Magazin)

Jenseits der Stille

Holger Schulze

 

Klänge und Geräusche sind allgegenwärtig. Was sie über unser Leben erzählen

mehr


Schuld (Thema: Schuld)

Die Grenzen der Moral

von Millie Creighton

Was ist richtig, was falsch? Wie ein gemeinsames Schuldempfinden dafür sorgt, die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten

mehr


Helden (Thema: Helden)

Glorreicher Snack

von Timothy W. Donohoe

Wie das opulente »Hero Sandwich« aus New York seinen Einzug in die US-Literatur fand

mehr


Geht doch! Ein Männerheft (Thema: Männer)

Ohne Schutz

von Albino Forquilha

Wie mich Erwachsene zwangen, ein Kindersoldat zu sein

mehr


Ganz oben. Die nordischen Länder (Themenschwerpunkt)

Geistreiche Zeiten

Richard Florida

Nur Wissensindustrien sind für die Globalisierung gewappnet: Das hat der Norden begriffen

mehr


High. Ein Heft über Eliten (Editorial)

Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Unsere Chefredakteurin wirft einen Blick in das aktuelle Heft

mehr