Die Eselsbibliothek

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Zuerst machte sich Luis Soriano Vorwürfe. Der Kolumbianer aus La Gloria, einem Nest an der Grenze zu Venezuela, hielt sich für einen schlechten Lehrer, weil seine Schüler ihre Hausaufgaben nie machen wollten. „Als ich sie aber zu Hause besuchte, merkte ich, dass sie Werkzeuge, Tiere und sogar Waffen, aber nicht ein einziges Buch besaßen.“ Darum sattelte der Lehrer an einem Wochenende vor gut zehn Jahren seine beiden Esel Alfa und Beto und brachte die Bücher zu seinen Schülern, die zum Teil auf weit abgelegenen Bauernhöfen lebten. Die beiden Esel sind zweifellos ein Grund für die Popularität der Bibliothek. „Die Kinder nehmen sich als Erstes die Bücher, dann aber kümmern sie sich um die Esel. Sie reiten so gerne auf ihnen“, erzählt Soriano. Mit 15 und 18 Jahren seien seine Esel zwar nicht mehr die Jüngsten, sie würden aber die abwechslungsreichen Wochenenden genießen.

Anfangs hatte Soriano 80 Bücher. Viel mehr Literatur gab es in seinem Dorf auch nicht. Inzwischen ist der 36-Jährige mit seiner Eselsbibliothek, dem „Biblioburro“, eine lokale Berühmtheit. Ihm wurden so viele Bücher gespendet, dass er gar nicht alle auf einmal mitnehmen kann. Er wählt darum für jede Reise 100 Bücher aus, mehr passen nicht auf die Eselsrücken. Gedichte des Schriftstellers Rubén Dario aus Nicaragua sind aber immer im Gepäck. Niemand verlässt bei Soriano die Schule, ohne Darios Ode „Margarita, das Meer ist schön“ gelesen zu haben.

Einmal wurde der reisende Bibliothekar mit seinen Eseln überfallen, hatte jedoch kein Geld bei sich. Daher entschlossen die Räuber sich, einen Roman von Paulo Coelho mitgehen zu lassen. Freunde warnen Soriano oft vor den Gefahren dieser Gegend. Er möchte dennoch nicht aufhören: „Auch andere haben mich bestärkt, mit der Bibliothek weiterzumachen. Das ist die Liebe zum Lehrberuf.“



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