Jostein Gaarder über den norwegischen Wald

Jostein Gaarder

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Meine Ideen bekomme ich immer, wenn ich draußen unterwegs bin. Ich kann meine Gedanken nicht bewegen, ohne auch meinen Körper zu bewegen. Also gehe und gehe ich, bis endlich ein Roman beginnt, Form anzunehmen. Ich gehe im Wald, ich gehe in den Bergen und ich gehe in der Stadt. Dann setze ich mich ins Büro und schreibe und schreibe – bis ich stecken bleibe und wieder losgehen muss.
Schiller schreibt, der Mensch sei frei, wenn er spielt, denn dann erschaffe er seine eigenen Gesetze. Eine solche Freiheit suche ich auf, wenn ich mich in den Wald verdrücke und dort viele Stunden mutterseelenallein sein kann, ohne einem anderen Menschen zu begegnen. Im Umland von Oslo habe ich die Wahl zwischen vielen hundert verschiedenen Wegen – verteilt auf einige zehntausend Hektar. Ich entscheide mich immer erst, wenn ich vor einer Weggabelung stehe, welchen Weg ich einschlagen will. Ein solches Element von Wegwahl und Improvisation ist auch für den Schreibprozess charakteristisch.
Natürlich ist es ein großes Privileg, in einer von Europas Hauptstädten und nur fünf Minuten von der unberührten Natur entfernt zu wohnen. Sokrates hat gesagt, er müsse in der Stadt leben, weil die Bäume auf dem Lande ihn nichts lehren könnten. Ich finde, dass ich bei den Bäumen auf dem Land mehr lerne als bei einem Barbesuch in der Stadt.



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