„Sie haben noch immer Angst“

ein Gespräch mit Jasmin Mušanovic

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Wie haben Sie den Krieg in Bosnien erlebt?

Ich war etwa vier Jahre alt, als der Krieg begann. In dieser Zeit war ich allein mit meiner Mutter zu Hause. Ich erinnere mich daran, dass ich immer fragte: „Wo ist mein Papa?“ Meine Mutter konnte einem vier Jahre alten Kind natürlich nicht sagen: „Dein Vater ist im Krieg und kommt vielleicht nie wieder zurück.“ Mein Vater kämpfte auf der bosnischen Seite im Krieg. Irgendwann erzählte sie es mir. Ich verstand mit der Zeit, was im ganzen Land passierte. Das half mir auch zu verstehen, dass alle meine Nachbarn, meine ganze Familie durch die gleiche Hölle wie ich selbst gingen.

Wie sah Ihr Alltag aus?

Damals wohnten wir in einer kleinen Wohnung, keinem eigenen Haus. Morgens schon wartete man auf die Granaten, auf die Schüsse. Jeder rannte in den Keller, denn der Keller war zu dieser Zeit der einzige Ort, an dem man einigermaßen sicher sein konnte. Meistens saß ich neben meiner Mutter und betete, dass nichts passiert.

Was geschah, als der Krieg zu Ende war?

Ich konnte ohne zu rennen in eine öffentliche Schule gehen. Während des Kriegs hatten wir zwar auch Unterricht, aber das war alles sehr improvisiert. Und natürlich veränderte sich alles, als mein Vater zurückkam. Seit diesem Tag wurde alles besser.

Wann hörten Sie zum ersten Mal von „Wings of hope“?

Das ist schon über fünf Jahre her. „Wings of hope“ organisiert jedes Jahr ein Jugendcamp, zu dem Jugendliche aus Bosnien und Herzegowina, aber auch aus dem restlichen Europa eingeladen werden. Zunächst ging ich als Teilnehmer hin und im Jahr darauf wurde ich gefragt, ob ich beim Jugendcamp mitarbeiten will.

Wie sieht so ein Jugendcamp aus?

Jede Gruppe hat ihr eigenes Zelt und während des Tages hatten wir unterschiedliche Aktivitäten: Spiele und Workshops, etwa zum Thema gewaltfreie Kommunikation oder auch zu ökologischen Fragestellungen. Abends machten wir schöne Lagerfeuer, sangen und hatten eine gute Zeit. Eines der Hauptziele des Camps war es, den Nationalismus in Bosnien und Herzegowina zu verringern und die ethnischen Gruppen enger zusammenzubringen. Aus meiner Sicht hat das funktioniert: Noch heute habe ich Kontakt mit Teilnehmern.

„Wings of hope“ arbeitet auch mit traumatisierten Menschen.

„Wings of hope“ hilft Kindern mit Traumata. Ich habe viel Grausames gesehen, aber es hat mich stärker gemacht. Ich sah Granaten, die zehn Fuß entfernt von mir einschlugen, ich sah, wie Menschen fünf Fuß entfernt von mir ermordet wurden. Ich sah in die Augen eines Mannes, der sein Gewehr auf mich gerichtet hatte, als ich sechs Jahre alt war. Wenn man das so sagen kann, bin ich als kleiner Sieger aus dem Krieg hervorgegangen: Ich habe keine Traumata.

Heute engagieren Sie sich für „Wings of hope“. Wie können Sie helfen?

Reden und Zuhören ist das Wichtigste. Hier gibt es so viele Menschen mit Kriegstraumata. Aber die meisten möchten nicht darüber reden. Sie haben noch immer Angst, falsch eingeschätzt und missverstanden zu werden. Wenn sie schließlich bereit sind über ihr Haupttrauma zu reden, dann kann das ein sehr heilsamer Prozess sein.

Was ist Ihre Motivation für Ihr Engagement?

Ich hoffe, dass wir eines Tages Bosnien zu einem lebenswerteren Ort machen können. Die wirtschaftliche Lage hier ist fatal, so viele junge Menschen, die arbeitslos sind, so viele Traumatisierte ... Mein Hauptziel ist, dass wir das Potenzial der jungen Menschen nutzen, zusammen etwas Neues aufzubauen.

Welche Rolle spielt Religion dabei für Sie?

Der Nationalismus ist hier immer noch sehr stark mit Religion verknüpft und es gibt große Berührungsängste. Für mich ist Religion allerdings eine persönliche Angelegenheit und Religionszugehörigkeit ist für mich kein Kriterium, um mit jemandem zu reden oder nicht. Bei „Wings of hope“ treffen sich Menschen der unterschiedlichsten Religionen und Nationen.

Wings of hope Deutschland ist eine kirchliche Stiftung, die 2003 gegründet wurde. Ziel ist es, Kindern in Kriegsgebieten durch psycho-soziale Arbeit zu neuen Perspektiven zu verhelfen. Die Stiftung unterstützt Partnerorganisationen in Bosnien-Herzegowina, im Irak, in Israel und Palästina. In einem Pilotprojekt wurden mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes, der Louis Leitz Stiftung und der Robert Bosch Stiftung 75 Ausbildungsplätze für arbeitslose, traumatisierte Jugendliche in Bosnien geschaffen. Jährlich findet eine Sommerakademie in Ruhpolding statt, an der junge Nachwuchskräfte christlichen, muslimischen und jüdischen Glaubens teilnehmen.
 
Weitere Informationen unter: www.wings-of-hope.de

Das Interview führte Christine Müller



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