„Der Staat verhält sich wie ein Sponsor“

von Bernd Kauffmann

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Man darf staatliche Kulturförderung getrost als heiliges Gut deutscher Nation bezeichnen. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Probleme gäbe. Jenseits der Förderung kultureller nationaler Leuchttürme durch den Bund ist Kultur Sache der Länder, die eifersüchtig darauf achten, dass dies auch so bleibt. Ob diese kulturelle Kleinstaaterei der Weisheit letzter Schluss ist, scheint in einer Zeit, in der den deutschen Städten und Ländern die roten Zahlen bis zum Halse stehen, äußerst zweifelhaft.

Angesichts dieser prekären Lage steht eine Zellteilung der Kulturförderung in bessergestellte und von öffentlicher Armut bedrohte Kommunen bevor, die sich gewaschen haben wird. Einerseits werden auf regionaler Ebene unverzichtbare Einrichtungen wie Büchereien oder Musikschulen gefördert, andererseits birgt die Länderhoheit aber auch die Gefahr, vor allem lokale Kultur zu unterstützen, die dann als zähes, subventioniertes Fleisch im eigenen Saft vor sich hin brät.

Dieselbe Skepsis gilt natürlich auch dem oft beklagten Beiratsunwesen, mit dessen Hilfe über die Förderung von Kunst und Kultur entschieden wird. Dieses Rätesystem ähnelt immer mehr einer Selbstorganisation von Vertretern staatlich geförderter Institutionen. Denn die meisten Beiräte rekrutieren sich aus solch öffentlich geförderten Institutionen, die sich in der Regel mehr oder weniger gut kennen. Es wäre also zu wünschen, dass diesem System „kommunizierender Röhren“ weitaus entschiedener der freiere Blick solcher Personen aufstörend beigemischt würde, die paradoxen Eingriffen des Kulturellen mehr Raum verschaffen könnten.

Gegenwärtig bleibt vielfach das Riskante der Kunst und das Wagnis des Neuen auf der Strecke. Bei vielen Gremien, mit denen ich zu tun hatte, beschlich mich das Gefühl, deren Mitglieder würden am liebsten eine DVD vom Endprodukt samt Publikumsapplaus und Pressekritik vorgespielt bekommen, damit sie Ja zur Förderung sagen könnten. Letztlich hat der Staat natürlich auch das verständliche Interesse, sich mit Kultur demokratisch in der ersten Reihe zu legitimieren. Auch der Staat ist nicht uneigennützig und verhält sich somit praktisch wie ein Sponsor.

Kultur ist meist eine freiwillige Leistung der öffentlichen Hand, die nicht gesetzlich abgesichert ist. Wir werden nun erleben, wie stark die Kultur in Krisenzeiten zur Kasse gebeten wird. Und wenn dann lauthals nach mehr Geld für die Kultur gerufen wird, ist das meist nichts weiter als ein trauriges Pfeifen im Wald. Das Kultursponsoring insgesamt hängt jetzt mehr als je zuvor am Tropf einer krisengeschüttelten Realwirtschaft. Und sollte wider Erwarten dann doch etwas mit der Unterstützung von Unternehmen gelingen, dann droht diese Hilfe zum Alibi für die öffentliche Hand zu mutieren, sich gänzlich zurückzuziehen.

Die nächste Ebene, die ich als immer problematischer empfinde, ist die des rechtlichen und verfahrenstechnischen Überbaus, mit der öffentlich geförderte Kultur einhergeht. Wenn Sie zum Beispiel ein zwei Jahre laufendes Projekt zusammen mit der Europäischen Union realisieren wollen, kommen Sie unter einem mehr als 100 Seiten umfassenden Vertrag nicht davon.

Wo die öffentliche Hand mitspielt, wird man mit Finanzierungsplänen konfrontiert, die sich bis in die Untergliederungspunkte hinein zu einem bürokratischen Korsett entwickeln, das eher einen Handlungsreisenden im Auge hat als künstlerische Vorgänge. Hätte man zu einem Tausendstel nach dieser Art den globalen Finanzmarkt reguliert, ginge es uns heute weitaus besser. Aber offensichtlich gilt die Regel: Je geringer die Mittel sind, umso feinsinniger geriert sich der Kontrollwahn.

Nicht gänzlich unstreitig erscheint mir auch die Behauptung, die öffentliche Kulturförderung berühre nie den Inhalt. Ich habe einmal die Kulturhauptstadt „Weimar 99“ als Generalbeauftragter verantwortet und mir wurde damals aus dem Innenministerium, das erhebliche Fördermittel zur Verfügung stellte, zu verstehen gegeben: Sie wollen eine „Buchenwaldisierung“ des Programms, aber wir wünschen das ganz und gar nicht. Wir stellen uns vor, dass Sie Goethe und die Klassik feiern. Meine Position war jedoch: Wir müssen das KZ Buchenwald mit dem Goethe-Haus konfrontieren, denn nur so können wir die Höhe, aber auch den tiefen Fall der Humanität bewusst machen.

Was ich damit sagen will: Kunst ist immer subjektiv. Kunst ist Verstörung. Kunst ist Möglichkeit. Kunst ist Individualität. Kunst ist Herrschaftskritik. Deshalb sollte auch denen, die über ihre Realisierung entscheiden, mehr Raum und Freiheit gegeben werden, statt sie zwanghaft in große Kuratorien oder ein Advisory Board-System einzubetten und damit zu umstellen. Wir brauchen mehr Vertrauen zu denen, die Kunst ermöglichen, und zu denen, die Kunst schaffen. 



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