„Der Markt ist immer eigennützig“

von Ryan Bishop

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Nahezu alle Vertreter des politischen Spektrums begrüßen heutzutage eine staatliche Unterstützung des Kultursektors. In den USA ist dies bei vielen Politikern allerdings bloß ein Lippenbekenntnis. Handfeste Unterstützung in Form staatlicher Finanzierung erhalten kulturelle Institutionen von Wirtschaftsliberalen und Konservativen kaum. Denn diese glauben immer noch, dass der Markt die gesamte Kultur, die der Mensch braucht, schon bereitstellt. Der Markt ist – nach dem Verständnis sozialdarwinistischer Ökonomen – so beschaffen, dass diejenigen Kulturprodukte überleben, die es wert sind. Aber das ist Wunschdenken. Jeder, der nur ein bisschen mit der Handvoll Großkonzerne vertraut ist, welche die Produktionsmittel und die Verbreitung der Populär- und Hochkultur kontrollieren, kennt den Würgegriff dieser Unternehmen. Und er wird durch Firmenfusionen und -expansionen immer stärker. Zwischen 1983 und 2004 ist die Zahl der Konzerne, welche die US-Medien kontrollieren, von 50 auf sechs gesunken.

Die Gewinner heißen Time Warner, Murdoch News Corporations, Disney, Viacom, Bertelsmann und General Electric-NBC. Disney zum Beispiel ist Eigentümer aller Vertriebsstellen der Marke Disney, dazu zählen die Disney Studios, Kreuzfahrtlinien, Konsumartikel, Themenparks und Urlaubsresorts, Walt Disney Records und der Verlag Disney Publishing Worldwide, der über 100 Millionen Leser pro Monat in 75 Ländern erreicht. Außerdem gehören noch der Fernsehsender ABC, Miramax Films, Touchstone Films, Pixar Animation und Hollywood Records dazu. Ein einziger Konzern hat damit Zugriff auf praktisch jedes verfügbare Massenmedium, wodurch eine synergetische Verknüpfung aus Medienproduktionen und -produkten entsteht. Die Macht der Konzerne gründet sich auf ihre Fähigkeit, den Strom von Informationen, Bildern und Medien zu lenken und zu kontrollieren, was bei den Einzelnen ankommt.

Eine Möglichkeit dieser Entwicklung der Kulturindustrie entgegenzuwirken, sind Investitionen in das öffentliche Bildungssystem. Damit wird den Menschen die Fähigkeit vermittelt, kritisch mit den Produkten der Kulturindustrie und den Massenmedien umzugehen. Nur ein Beispiel: In der Vergangenheit ist die musikalische Erziehung immer stärker eingeschränkt worden und inzwischen nur noch ein Schatten ihrer selbst. In den USA und in vielen anderen Ländern ist Musikerziehung aufgrund von Haushaltskürzungen fast vollständig vom Lehrplan der öffentlichen Schulen verschwunden. Musikalische Bildung umfasste früher nicht nur Musikverständnis und -geschichte, sondern zum größten Teil auch den Umgang mit Instrumenten.

Wenn Schülern die Gelegenheit geboten wird, sind sie in der Regel erpicht darauf, Musik zu machen und sie nicht bloß zu konsumieren. Anstatt passive Konsumenten zu sein, werden sie zu Produzenten anstatt Fähigkeiten zu verlieren, gewinnen sie welche hinzu. Musikerziehung öffnet die Tür zu einer weiten Klangwelt und vielfältigen musikalischen Erfahrungen, von denen viele Schüler aufgrund der Beschaffenheit des Marktes und seinen jeweils auf ein bestimmtes Publikum zielenden Werbestrategien, gar nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt. Dieses Wissen aber kann den Würgegriff der großen Medienkonzerne lockern und ihre Macht beschneiden.

Eine andere Strategie sind höhere Investitionen in den Kultursektor an sich. Hier darf sich der Staat nicht auf das Engagement von Unternehmen und Privatpersonen verlassen. So löblich diese auch sein mögen, eine höhere Unternehmenssteuer gäbe mehr finanziellen Spielraum, die ganze Breite der Kunst zu fördern und nicht nur Projekte, die private Investoren aus Gründen von Prestige und Steuererlässen vorantreiben.

Die meisten Kulturkritiker stimmen darin überein, dass eine Verarmung des Kultursektors stattgefunden hat, obwohl es heute womöglich genauso viele talentierte Schriftsteller, Schauspieler und Künstler gibt wie eh und je. Der Markt ermöglicht aber nur einen minimalen Zugang zu ihren Werken. Momentan sind die Medien ausschließlich damit beschäftigt, solche öffentlichen Waren zu vermarkten, bei denen Adorno und Horkheimer zu dem Schluss gekommen wären, ihre Kritik der Kulturindustrie sei zu milde gewesen. Weil die Medien nicht länger vorgeben, einen Bildungsauftrag zu erfüllen und das Publikum auf Kulturprodukte zu stoßen, denen sie sonst nicht begegnet wären, fällt Kulturinstitutionen, die nicht profitorientiert arbeiten, eine wachsende Bedeutung zu.

Wenn wir der vereinfachenden Vorstellung erliegen, dass der Markt, selbstregulierend und wohltätig, höchste Errungenschaft und Gebieter der Menschheit ist – ein Standpunkt, den selbst die schärfsten Verfechter des freien Markts in diesen Tagen wohl kaum allzu laut öffentlich äußern –, dann wiederholen wir das, was Kafka in einem seiner Zürauer Aphorismen wie folgt formuliert hat: „Ein Käfig ging einen Vogel suchen.“ Wir gestatten es dem Markt also, uns einzufangen, und dabei werden die Flügel unserer Einbildungskraft gestutzt.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch



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